„Manifest der Verantwortungsdemokratie“

Affäre Lachmann offenbart suboptimale politische Hygiene im Haus Axel Springer

Samstagnachmittag, wohl nach Redaktionsschluss der wichtigsten Medien, platzierte WELT-Chefredakteur Stefan Aust auf Twitter die Meldung, dass sich der Verlag von Günther Lachmann trenne. Dem waren Behauptungen des NRW-AfD-Vorsitzenden Marcus Pretzell vorangegangen, Lachmann habe sich der Partei als PR-Berater angedient und für ein monatliches Salär von 4.000,- € politische Dienste angeboten. Gleichzeitig aber habe Lachmann seinen Brotjob als politischer Redakteur der konservativen WELT behalten wollen. Pretzell erboste vor allem, dass Lachmann nach Ablehnung der Offerte über AfD-Ikone Frauke Petry nur noch negativ geschrieben habe, mit der Pretzell inzwischen auch privat verbunden ist.

Selbst bei Anwendung der großzügigen Maßstäbe des eher schamlosen Berliner Politikjournalismus hätte ein solcher Interessenkonflikt den Bogen des Erträglichen überspannt. Daher versuchte man im Hause Axel Springer die infrage gestellte Ehre durch juristischen Druck wieder herzustellen. Lachmann gab Medienberichten zufolge sogar eine eidesstattliche Versicherung ab. Am Freitag jedoch hatte eine das rechte Spektrum bedienende Postille aus E-Mails an Pretzells Sprecherin zitiert, deren Echtheit Lachmann inzwischen gegenüber Aust laut Tagesspiegel eingeräumt habe. Darin soll sogar ein "Manifest der Verantwortungsdemokratie" angeboten worden sein.

Die Position Lachmanns innerhalb des AfD-Mikrokosmos kommentierte der Ex-AfD-Landesvorsitzende in Bayern André Wächter als "Kronzeuge der Lucke-Gegner". Lachmann habe zum großen Teil zur Niederlage des Lucke-Flügels beigetragen, so Wächter in der FAZ. Für Petry wäre Lachmann wohl ein idealer Bündnispartner für den letztes Jahr ausgetragenen Flügelkampf gewesen, sie erreichte ihre Ziele jedoch auch ohne Springers Edelfeder.

Bemerkenswert erscheint die Reaktion von AfD-Vize Alexander Gauland, der die Indiskretion beklagt und die Angelegenheit als Privatsache herunter zu spielen versucht. Angesichts solcher Mentalität kann man sich einen Reim darauf machen, wie viele solcher "Privatsachen" es zwischen hochgestellten Berliner Journalisten und Politikern insbesondere seiner Partei wohl geben dürfte. Wenn schon "Lügenpresse", dann sollten es wohl schon die rechten Lügen sein. Vergangene Woche brachte es Petry zum Covergirl des SPIEGEL.

Beim Axel Springer-Verlag und dem einst aus dem eher linken Lager stammenden WELT-Chefredakteur Stefan Aust darf man sich die Frage stellen, ob man dort die eigene Zeitung (aufmerksam) liest.

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