Mein ist der Gewinn, dein ist der Verlust

Hans-Werner Sinn erklärt uns den Kasino-Kapitalismus

Der Menschenansturm vorgestern Abend war enorm. Wer kurz nach 18 Uhr in die Münchner Residenz noch Einlass begehrte, wurde von zwei älteren Herren aufgehalten. Der Plenarsaal sei schon randvoll, erklärten sie. Aus Sicherheitsgründen könne niemand mehr hinein. Doch davon lässt sich der Münchner, erst recht der bildungsbeflissene, bekanntlich nicht abhalten. Ein verglich die beiden Türsteher gar mit hiesigen Trambahnfahrern, denen es ein besonderer Genuss ist, Fahrgästen vor der Nase davonzufahren.

Nach etlichen mehr oder weniger starken Beschimpfungen gaben die beiden Wachleute schließlich entnervt auf. Sie ließen die penetrant Polternden nach oben in den zweiten Stock. Währenddessen hatte Hans-Werner Sinn, Vorsteher des IFO-Instituts und laut Cicero „Deutschlands wichtigster Ökonom“ seinen Vortrag über den „Kasino-Kapitalismus“ schon begonnen und die US-amerikanischen Häuslebauer sowie Franklin D. Roosevelt als Auslöser der Krise namhaft gemacht. Er war es, der dereinst jedem Amerikaner ein Eigenheim versprochen hatte, was Bill Clinton und George W. Bush später dann in Form von Freddy Mac und Fanny Mae auf den Weg gebracht haben. Eigenkapital brauchte es dafür nicht. War kein Geld mehr vorhanden, genügte es, den Hausschlüssel einfach an die Bank zurückzusenden. Jingle Letter nannten das die Banker, die diese merkwürdig gewölbten Briefe in die Luft hielten und schüttelten. Haftbar konnte man die Schuldner dafür nicht machen, da in Amerika für sog. Loans keine Rückzahlungspflicht besteht.

Dicht an dicht saßen, standen und kauerten dabei die Menschen im Plenarsaal. Über fünfhundert dürften es schon gewesen sein, die gebannt dem launigen Vortrag des Professors folgten. Der ließ sich auch nicht lumpen und räumte auch gleich mit ein paar populären Legenden auf, die hierzulande in Talkshows heftige Verbreitung fanden. Zunächst damit, dass es die Gier der Menschen sei, die diese Krise in Gang gebracht habe. Gier, ökonomisch der Eigennutz, gehöre aber mit zum Wirtschaftsleben. Ohne sie gebe es keinen Wohlstand. Den altruistischen Menschen, den sich Christen und Sozialisten vorstellten, gebe es nun mal nicht. Allerdings bedürfe sie eines klar geregelten Systems, sie in die richtigen Bahnen zu leiten. Danach räumte er mit der anderen Legende auf, wonach ein falsch verstandenes Anreizsystem die Krise bewirkt habe, das den Managern Boni für kurzfristige Erfolge versprochen habe. Letztlich hätten die Manager nur das ausgeführt, was die Eigentümer, also die Aktionäre, von ihnen erwartet hätten, nämlich die Erträge zu steigern.

Die Ursachen für die Krise reichten mithin weit tiefer und seien auch viel komplexer. Neben dem Versagen der Rating-Agenturen und der staatlichen Regulierungsbehörden lägen sie in der chronischen Unterkapitalisierung vieler Banken sowie in einer mangelhaften Kapitalhaftungssicherung. Nur weil Kapitalgesellschaft all das zugestanden worden sei, sei es Banken möglich gewesen, derart hohe Risiken einzugehen und mit fremdem Kapital am Glücksrad zu drehen. Das Eigenrisiko war dabei äußerst gering. Ging es gut, konnte der Gewinn eingestrichen werden, ging es schief, war es stets der Verlust der anderen. Auf diese Weise konnte sich ein Schneeballsystem etablieren, eine Beleihung der Beleihung der Beleihung usf., ein Verbreitungsnetz von sog. CDOs (Collateralized Debt Obligations), das Getrude Stein zur Ehre gereicht hätte. Der Wirtschaftsprofessor zitierte in diesem Zusammenhang einen Münchner Großbanker, der sechzig derartige Schuldverschreibungen zurückverfolgt haben will.

Auch wenn an den Börsen schon wieder etliche Erwartungen gehandelt würden, bestehe zur Entwarnung bislang noch kein Anlass. Zwar habe man den Tiefpunkt der Krise erreicht, deren Tal aber lange noch nicht durchschritten. Bisher hätten die Banken erst ein Viertel ihrer „Giftpapiere“ aufgedeckt. In den USA und der Schweiz entspricht das in etwa der Hälfte ihres Eigenkapitals. Im Prinzip wären diese Banken nicht nur einmal, sondern sogar zweimal pleite. In Deutschland verhält es sich nicht viel besser. Hier hätten die Banken bis dato erst Werte abgeschrieben, die ein Fünftel ihres Eigenkapitals umfassen. Nach Schätzung der BaFin lägen aber noch mindestens drei Viertel davon in den Kellern der Häuser. Auch diese Banken hätten folglich längst den Weg zum Insolvenzverwalter antreten müssen. Hätten nicht die Staaten am 10. Oktober letzten Jahres massiv eingegriffen und die Banken gestützt, wäre das System längst in sich zusammengekracht.

Sinn warnte davor, den Banken die Einrichtung von Bad Banks zu erlauben. Bei toxischen Papieren handle es sich nicht um temporäre Probleme. Sie sind auch fürderhin wertlos. Und da ihr Wert nicht mehr steigen wird, müssten diese Verluste erneut die Steuerzahler tragen. Andererseits setze das ein falsches Signal an die Banken. Sie könnten sich aufgerufen fühlen, das Spiel von vorne zu beginnen. Sie wüssten jetzt, dass zur Not der Staat bzw. der Steuerzahler wieder einspringen würde, um ihre Verluste auszugleichen.

Auch warnte der Wirtschaftsprofessor davor, dass Staaten sich mit ihren Hilfspaketen ver- und überheben könnten. Die Staatsverschuldung habe in vielen Ländern schon bedenkliche Maße angenommen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass kleinere Staaten mit in den Abgrund gerissen würden, und größere Staaten, die diesen dann beispringen, auch. Die Gefahr einer Inflation, wie manche sie malen, sehe er dagegen nicht. Die wunderbare Geldvermehrung, welche die Notenbanken, insbesondere die amerikanische, betrieben, müsse nicht unbedingt dazu führen. Der Konsum würde das auffangen und regeln. So wie die massenhafte Produktion Speicherchips oder Handys billiger gemacht habe, werde auch das viele Geld Produkte billiger werden lassen und eher deflationäre Wirkungen entfalten.

Um für die Zukunft besser gewappnet zu sein, empfahl er, ein neues Gesetz zur Kapitalhaftung einzuführen und den Banken wesentlich höhere Eigenkapitalquoten für ihr Geschäft vorzuschreiben, um sie dadurch zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise zu zwingen. Beides zusammen genommen würde die Risiken, die jemand einzugehen bereit ist, dämpfen. Nur wer mit dem Totalverlust seines eigenen Vermögens rechnen muss und ihn nicht anderen aufhalsen kann, wird künftig auch vorsichtiger am Markt hantieren.

Darauf war der Psychedelic Dancerock, den Primal Scream danach im Backstage entfachten, eine gute Alternative. Hätten die Wall Street Banker Bobby Gillespies Schlachtruf „Get Your Rocks Off Honey” gekannt oder auf ihn gehört, wäre ihnen und der Welt einiges erspart geblieben. Vielleicht aber auch wieder nicht. Vielleicht sind sie, als sie vor Bildschirmen sitzend die Welt ausgeplündert haben, gerade diesem Wahlspruch gefolgt. Möglicherweise hatten sie dabei und jederzeit „always got a line for the ladies“ in petto. Weshalb für einige der Glücksritter nur jene Variante bleibt, die Bobby in „Country Girl“ vorträgt: „What can a poor boy do? You better go back to your mama. She'll take care of you.”

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