Menschen suchen soziale Konformität

Eine Studie von US-Psychologen könnte erklären, warum sich Menschen der Mehrheitsmeinung anschließen

Stimmungen stecken an und verbreiten sich wie Epidemien. Wer in Kontakt mit Menschen steht, die sich für etwas begeistern, kann erhebliche Schwierigkeiten haben, dazu auf Distanz zu gehen. Möglicherweise ist das ein Effekt, der auch bei den Guttenberg-Fans grassiert, ein Mem, das in ihre Gehirne eingedrungen ist und Konformität erzeugt, zumal wenn damit der "gute" Zweck einhergeht, einen Märtyrer zu verteidigen, der zu Unrecht von der Macht – der etablierten Politik, der Linken und vor allem der bösen Medien – auf den Scheiterhaufen gestellt wurde. Paradoxerweise verbindet sich die kollektive Protesterregung gegenüber dem zum Sündenbock gemachten reichen Freiherrn mit sozialer Konformität.

Psychologen von der Harvard University haben mit Gehirnscans gezeigt, wie sich soziale Konformität in den Gehirnen eingräbt und die Einstellung. Für ihre Studie, die in der Zeitschrift Psychological Science erscheinen wird, haben sie 14 Männer gebeten, anhand von 180 Fotos von Frauengesichtern anzugeben, wie attraktiv sie diese finden. Dann wurde ihnen die angeblich durchschnittliche Bewertung einer vorhergehenden, aus Hunderten von Personen bestehenden Gruppe mitgeteilt, die aber zufällig von einem Computer generiert wurde. Schließlich wurden sie gebeten, eine zweite Bewertung vorzunehmen, wobei ihre Gehirne mit der funktionellen Magnetresonanztomographie gescannt wurden, um so die aktiven Areale festzustellen.

Bei der zweiten Beurteilung beeinflussen die Versuchspersonen die sozialen Normen, die durch die Kenntnis der Beurteilung einer Mehrheitsmeinung ins Spiel kommen. Wie erwartet, passen sich die meisten Versuchspersonen der vermeintlichen Mehrheitsmeinung an. Allerdings passiert dabei einiges im Gehirn, vor allem im orbitofrontalen Kortex und im Nucleus accumbens, was die Anstrengung deutlich macht, die mit der Umstellung der eigenen Meinung einhergeht, was im Unterschied dazu steht, nur so zu tun, als würde man sich der Meinung der Mehrheit anschließen.

Wenn die angebliche Mehrheitsmeinung die Gesichter als attraktiver eingestuft hatte, erhöhte sich die Aktivität in diesen beiden Arealen, die auch als Belohnungszentren gelten, während die Aktivität niedriger war, wenn die Mehrheitsmeinung sie als weniger attraktiv beurteilt hatte als die Versuchsperson. Daraus leiten die Psychologen ab, dass soziale Konformität vom Gehirn belohnt wird. Darin würde sich der neuronale Mechanismus zeigen, der die Übereinstimmung mit der Mehrheitsmeinung verstärkt. Die Neigung zur sozialen Konformität wäre damit, so meinen die Psychologen, keine Resultat der Schwäche der einzelnen Menschen, wie dies von der Massenpsychologe behauptet worden sei, sondern ein zentrales Motiv, aktiv die Übereinstimmung mit anderen zu suchen. Man könnte auch sagen: Wir sind Herdentiere.

Vermutlich kommt es also darauf an, in welchen Gruppen man sich bewegt, um bestimmten Meinungen anzuhängen. Man müsste also untersuchen, ob die Pro-Guttenberg-Fans eher in bildungsfernen und konservativen Schichten angesiedelt sind und die Guttenberg-Kritiker eher in akademischen und bürgerlichen Kreisen, für die individuelle Leistung zählt.