Messi ist gleich Messi(as)

Spätestens seit gestern Sonntagabend wissen wir, wo der Erlöser lebt

Wer diese Gleichung weder für übertrieben oder Blödsinn noch den Verfasser dieser Zeilen für vollkommen übergeschnappt hält, der möge sich kurz Zeit nehmen und sich diese ebenso wunderbare wie unglaubliche Geschichte anhören.

Ort: das Camp Nou in Barcelona; Zeit: Gestern, Sonntagabend, 22.10 Uhr MEZ; Temperatur: ca. 25 Grad. Barca, jüngst im Halbfinale der Königsklasse von den Bayern aus München entzaubert und in seine Bestandteile zerlegt, liegt gegen Betis Sevilla 1:2 in Rückstand. Die Offensive der Blaugrana zeigt sich wieder einmal hui, vor allem Iniesta und der junge Tello auf der linken Außenbahn; die Defensive hingegen erneut pfui.

Messi, wegen muskulärer Probleme zunächst nur auf der Ersatzbank, erhebt sich. Es läuft die 54. Minute. Das Camp Nou erwacht, die Zuschauer rufen enthusiastisch: "Messi, Messi!" Unterdessen flankt Dani Alves von rechts in den Strafraum, David Villa köpft zielsicher zum Ausgleich. Die Zuschauer jubeln. Eine Minute später muss Villa, der drei hundertprozentige Chancen leichtfertig versemmelt hat, weichen. Messi kommt für ihn, steht danach aber nur auf dem Platz herum.

Vier Minuten später, 59. Minute. Foul an einem Barca-Spieler und Freistoß für die Katalanen, zwei Meter von der rechten Strafraumkante entfernt. Messi schreitet zur Tat. Er überlegt kurz, tritt an und schießt den Ball über die Mauer unhaltbar ins Dreieck. Barca führt mit 3:2.

Acht Minuten später, wieder Foul und erneut Freistoß. Diesmal linke Strafraumkante, Entfernung in etwa die gleiche wie zuvor. Xavi und Messi beraten hinter vorgehaltener Hand über ihr Vorgehen. Wieder tritt Messi an, der Ball segelt aufs Tor, dreht sich weg vom Trohüter, trifft diesmal aber nur, aber genau, das rechte Lattenkreuz. Die Zuschauer erheben sich, das Camp Nou wackelt ob des Raunens, das durchs Stadion hallt.

Drei Minuten später, Traumangriff durch das Zentrum der Andalusier. Messi passt zu Anders Iniesta, der hievt den Ball per Hakentrick zu Alexis, der lässt einen Abwehrmann ins Leere laufen. Statt aber zu schießen, passt der Chilene erneut zum durchgelaufenen Messi, der ungehindert zum 4:2 einschieben kann.

Wer die Geschichte lieber in Bilder haben will, der kann sie sich hier in gut sieben Minuten ansehen. Der Rest, der folgt, ist bloßes Ballgeschiebe und kaum mehr der Rede wert. Messi, der Messi(as), taucht unter. Das Fort/Da Spiel, das Sigmund Freud einst an seinem Enkel entdeckt hat und das Messi auf dem Fußballfeld zur Perfektion entwickelt hat, nimmt seinen Lauf.

Das Spiel ist zwar längst entschieden, doch der Höhepunkt folgt in der Nachspielzeit: 93. Minute. Barca kontert. Iniesta zirkelt etwa fünfzehn Meter in der Hälfte der Andalusier den Ball zu Messi. "La Pulga" überlegt kurz, ob er mit Iniesta doppelpassen soll oder nicht. Er entscheidet sich für den Alleingang, 45 Meter vor dem Tor.

Messi nimmt Anlauf, schlägt Haken wie ein Hase, täuscht eine Finte an, umkurvt dabei die gesammelte Hintermannschaft von Betis. Acht Meter vor dem Tor will er noch den Torwart mit einem Lupfer düpieren, scheitert aber dabei.

Was macht Messi? Voller Wut über seinen schlecht gespielten Ball tritt er mit dem Fuß in die Bande. Während er aufs Spielfeld zurückläuft, schimpft er mit sich und der Welt.

Wer eine bessere Geschichte als diese zu erzählen weiß, der möge sich melden. Für mich, der bekanntlich weder an Gott noch an die Welt glaubt, steht seit gestern Abend jedenfalls fest: Messi ist der Messias. Er ist der Erlöser, auf dessen Ankunft die Christen seit Jahrtausenden mal mit mehr, mal mit weniger Fieber warten.

Für sie, aber auch für alle Ungläubigen wie mich, gilt, was dem Reporter Felix Blank von "Laolo 1.tv" einst im Überschwang über das pracht- und glanzvolle Spiel der Blaugrana über die Lippen fuhr ( Mehr als ein Klub). Der Papst, gemeint war noch Benedikt XVI., brauche nirgendwo mehr hinzufahren. Es reicht nach Barcelona ins Camp Nou zu kommen. Dort spielt Gott Fußball.

Die Bayern aus München und die Borussia aus Dortmund mögen das Endspiel in Wembley um die europäische Fußballkrone bestreiten. Bis dahin mögen sich die Verantwortlichen weiter angiften. Der Mythos aber lebt weiter, der Messi(as) residiert weder in München noch in Dortmund oder gar in London, sondern im Camp Nou.

Gewiss hätten die Bayern auch gegen ein Barca mit Messi das bessere Ende für sich behalten. Dazu ist die Defensive der Katalanen zu anfällig, deren System zwischen den drei Mannschaftsteilen zu unausgewogen und zu wenig kompakt. Aber mit einem fitten Messi(as) wäre es für die Rothosen auf alle Fälle wesentlich schwerer geworden als gehabt.

Von der unfreiwilligen Unterstützung durch einen mehr als überforderten Schiedsrichter Karsai und überaus blinden Linien- und Torrichter am Spielfeldrand der Allianz-Arena mal ganz abgesehen.

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