Mit VW ist ein deutsches Modell in der Krise

Dass bei der Betriebsversammlung von Volkswagen zumindest eine kleine Minderheit von Arbeitern mit ihren Chefs "französisch reden", war nicht zu erwarten

Wütende Mitarbeiter stürmen die Konzernzentrale, in der sich gerade Management und Gewerkschaften treffen. Die Sitzung muss abgebrochen und die Manager müssen von Sicherheitsbeamten geschützt werden, das Gebäude wird fluchtartig über einen Zaum verlassen. Das Ganze trug sich nicht etwa beim Wolfsburger VW-Konzern zu, wo es am Dienstag die erste Betriebsversammlung nach dem Bekanntwerden der Betrügereien mit den Abgaswerten gab. Es waren wütende Air-France-Mitarbeiter, die bei Protesten in Paris ihre Manager in die Flucht schlugen. Sie hatten gerade einen neuen Sozialplan vorgestellt, der die Entlassung von zahlreichen Mitarbeitern bedeutet hätte.

Wenn Arbeiter mit ihren Chefs französisch reden

In den 1990er Jahren hat sich auch in linken Gewerkschaftskreisen in Deutschland der Begriff "mit den Bossen französisch reden" für Arbeitskämpfe durchgesetzt, die anders als die meisten DGB-Aktionen durchaus spontane Elemente enthielten. Die Beschäftigen sehen eben nicht in der Presseerklärung ihre schärfste Waffe.

Sie bleiben nicht vor den Konzernzentralen stehen, sondern betreten sie schon mal, sperren die Manager ein, wofür sich der Begriff Bossnapping etabliert hat und sie verjagen auch schon mal ihre Chefs. Da diese Arbeitskampftradition ein Effekt von Kämpfen und nicht kulturell bedingt ist, geht der Begriff "französisch reden" vielleicht etwas an der Sache vorbei. Mittlerweile ist auch schon gerichtsbekannt, dass es außerhalb Deutschlands andere Arbeitskampftraditionen gibt.

Als am 7.November 2012 einige Hundert Fordarbeiter aus dem belgischen Genk ihren Protest gegen die Betriebsschließungen vor und in der Kölner Fordzentrale auch auf französische Art und Weise ausdrückten und dafür in Deutschland kriminalisiert wurden, entschuldigte sich ein Polizeisprecher später, man habe überreagiert und die unterschiedlichen Arbeitskampftraditionen zu wenig berücksichtigt.

Ein Team steht alles durch

Dass auch bei der Betriebsversammlung von Volkswagen zumindest eine kleine Minderheit von Arbeitern mit ihren Chefs und vielleicht auch den ihnen verbundenen Betriebsräten hätten "französisch reden" wollen, war nicht zu erwarten. Es gab natürlich einige kritische Worte gegen eine kleine Clique im Management, die den angeblich guten Namen von VW und damit gar den Standort Deutschland in Verruf gebracht habe.

Insgesamt aber überwogen Phrasen der Art, dass in jeder Krise auch eine Chance liege. Worin die aber besteht, verkündet die VW-Homepage, die dort in Bezug auf den neuen Touran zwei Wörter schreibt, die auch als Kommentar für die Situation des VW-Konzerns insgesamt gelten können: "Allen gewachsen". Es wurden auch "deutlich Worte" auf der gestrigen Betriebsversammlung gesprochen. Die kamen allerdings nicht von den Gewerkschaftsvertretern, sondern vom VW-Chef Müller und standen ganz in der VW-Tradition.

"Schwierige Zeiten lassen sich leichter durchstehen, wenn alle zusammenhalten. Das weiß der neue VW-Chef Matthias Müller ebenso gut wie der Betriebsrat und die Mitarbeiter", heißt es im Managermagazin. Ca. 20.000 Mitarbeiter sollen sich zu der von dem Management einberufenen Betriebsversammlung eingefunden haben. Einige von ihnen trugen T-Shirts mit der Aufschrift "Ein Team, eine Familie", auf Transparenten beschworen sie "Wir schaffen das".

Damit gaben sie auch schon mal ihr Einverständnis dafür, weitere Opfer zu bringen, um wieder aus der Krise rauszukommen. Damit blieb VW auch im Jahr 2015 den Gedanken der Gründergeneration treu. Schließlich wurde das Urwerk des VW-Konzerns von der Deutschen Arbeitsfront errichtet und von Hitler persönlich eingeweiht. Bei VW sollten die Kraft-durch-Freude-Wagen produziert werden, mit denen die deutschen Volksgenossen über die Reichsautobahn brettern sollten.

Dazu ist es bekanntlich erst dann gekommen, als das Tausendjährige Reich bereits Geschichte war. Denn die NS-Gründung VW wurde erst in der BRD zum Erfolgsmodell. Auch die NS-Betriebsgemeinschaft hat unter anderem Namen überlebt. Kämpferische gewerkschaftliche Interessen waren verpönt.

Die italienischen Arbeitsmigranten, die man in den 1960er Jahren angeworben hatte und die euphemistisch "Gastarbeiter" genannt wurden, mussten in miserablen Massenunterkünften schlafen und wurden auf vielfältige Weise diskriminiert. Viele Ur-Wolfsburger haben ihren italienischen Kollegen noch in den 60er Jahren nachgetragen, dass das Land im 2. Weltkrieg aus der Achse mit Nazideutschland ausgeschieden ist. Das Leben der italienischen Migranten in Wolfsburg ist auch Sujet des surrealistischen Films Palermo oder Wolfsburg von Werner Schröter.

Ein Konzern, der über Leichen geht

Wie konnte Volkswagen die gesetzlichen Bestimmungen für Unterbringung und Versorgung so problemlos umgehen, obwohl es sich nolens volens an diese halten musste, solange es die Arbeitskräfte über das bundesdeutsche Arbeitsamt rekrutierte, und obwohl es wie alle Großunternehmen regelmäßig kontrolliert wurde und darüberhinaus besonders im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit stand?

Diese Frage stellte sich auch das wirtschaftsnahe Institut für Zeitgeschichte in München, um VW als Opfer darzustellen und selbst einen Maschendrahtzaun vor den Unterkünften der Arbeitsmigranten zu rechtfertigen. Dass der Werkschutz alle Gäste der Arbeitsmigranten kontrollierte und verdächtige Personen dem Management meldete, ist für diese Wissenschaftler nur Ausdruck einer besonderen Kontrolle im Kalten Krieg.

Geschichtsbewusstere Zeitgenossen würden auch hierin eine Tradition des NS-Traditionswerkes sehen. Angesichts der Gründungsgeschichte von VW ist es besonders zynisch, wenn jetzt wieder so viel von dem guten Namen schwadroniert wird, der durch den Umweltskandal in den Schmutz gezogen wird. Es macht auch die deutsche Geschichtsvergessenheit abseits der Sonntagsreden zu bestimmten Gedenktagen deutlich.

Die Betrügereien bei den Abgaswerten werden vor allem deshalb bedauert, weil sie dem Namen und dem Standort VW schaden. Dass durch die hohe Luftverschmutzung Tausende Menschen sterben oder gesundheitliche Schäden davon tagen, wird gerne ausgeblendet. Aber was soll man auch erwarten von Menschen, die davon sprechen, dass der "gute Name" VW womöglich beschmutzt wurde? Für viele Menschen weltweit ist der Name VW untrennbar mit der NS-Ideologie verbunden. Nun hört man davon auch bei kritischeren Zeitgenossen oder Umweltverbunden heute kaum noch was.

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