Mit der Atomkrise tiefer in die Wirtschafts- und Finanzkrise

Die gravierenden ökonomischen Probleme Japans werden sich durch die schwere Atomkrise deutlich verschärfen

Welche Auswirkungen die schwere Krise in der drittgrößten Wirtschaft der Welt auf die Weltwirtschaft haben wird, ist noch unklar. Dass die Katastrophe in Japan Folgen haben wird, ist dagegen klar. Das Erdbeben, der Tsunami und die Atomkatastrophe in Fukushima, die man nicht in den Griff bekommt, werden das Land wieder in die Rezession stürzen. Dass Auswirkungen für die Weltwirtschaft erwartet werden, zeigten die Angstwellen, die am Donnerstag über die Börsenparketts schwappten. Als ein Nachbeben die Region erneut erschütterte und von neuen Schäden an Atomkraftwerken berichtet wurde, brachen die Kurse weltweit sofort deutlich ein.

Japan hat bekanntlich seit vielen Jahren mit enormen Problemen zu kämpfen, die besonders aus dem Platzen der Immobilienblase in den 1990er Jahren rühren. Seither hat das Land mit der gefährlichen Deflation zu tun, die sich bisweilen mit Stagnation oder mit einer schrumpfenden Wirtschaft paart, was die Lage besonders dramatisch macht, weshalb schon der Begriff Stagdeflation geschaffen wurde. In Japan nach der Finanz- und Wirtschaftskrise nur von einem Rückfall in die Rezession zu sprechen, wäre schlicht falsch. Für einen Double Dip müsste es zunächst eine Phase relativer Erholung gegeben haben.

Doch die lässt sich in Japan kaum feststellen. Zwar gab es einen Exportschub, als im vergangenen Jahr die Lager weltweit nach der Krise wieder gefüllt werden mussten, doch nach einer starken Wachstumsrate von 4,4% im 1. Quartal 2010 brach es im 2. Quartal auf 0,4% ein und stagnierte im 3. Quartal. Im 4. Quartal schrumpfte die Wirtschaft schon wieder um 0,3%. Dabei hatte man in Tokio sogar auf einen Währungskrieg gesetzt, um seine Waren durch das Herabsetzen der eigenen Währung auf dem Weltmarkt zu verbilligen. Japan stieg in die gefährliche Spirale ein, in der auch die gebeutelte USA ihr Heil sucht.

Da davon ausgegangen werden musste, dass ohnehin das 1. Quartal 2011 Japan wohl kaum Wachstum erzielt hätte, kann von einer neuen Rezession gesprochen werden. Das Erdbeben am 11. März, mit dem enorme Produktionsausfälle einhergehen, wird im 1. Quartal zu einer deutlich schrumpfenden Wirtschaft führen. Man darf davon ausgehen, dass die japanische Wirtschaft im 2. Quartal noch deutlicher schrumpft, erwartet wird mindestens ein Minus von 2%. Doch das gilt nur, wenn sich die Atomkatastrophe nicht noch verschlimmert. Auch so wird vermutet, dass es in dem Land, das sich extrem abhängig von der gefährlichen Atomindustrie gemacht hat, zu Produktionsengpässen kommen wird, weil schlicht kein Strom für die Produktion da ist.

Hier rächt sich die angeblich so billige Atomenergie. Tritt ein, was ein Regierungsvertreter erklärte, wird die Rezession sehr tief werden. Die Deflation wird sich krisenbedingt ebenfalls weiter verschärfen. Denn es ist eine fatale Situation für eine Exportnation, dass die Regierung nun erwägen muss, die Konzerne auf eine Reduzierung des Stromverbrauchs um ein Viertel zu verpflichten, um das Stromnetz nicht zusammenbrechen zu lassen. Da viele Firmen ihre Produktion noch immer nicht wieder aufgenommen haben, ist unklar, wie es um die reale Stromversorgung derzeit bestellt ist.

Nun versucht die Regierung in der alt bekannten Art zu reagieren. Ein Konjunkturprogramm nach dem nächsten wurde schon in den letzten Jahren aufgelegt. Nun soll ein neues dazu kommen. Gesprochen wird von einer Gesamthöhe im Bereich von 100 Milliarden Dollar. Die müssen zu den Kosten für die Schäden des Erdbebens und des Tsunamis und für die ausstehende Verstaatlichung des Fukushima-Betreibers gerechnet werden, welche die Staatsverschuldung weiter explodieren lassen.

Die ist nach den Krisenjahrzehnten aber ohnehin schon extrem hoch. Weshalb Japan inzwischen auch von den Ratingagenturen nicht mehr mit Samthandschuhen angefasst wird. Es wurde damit begonnen, die Kreditwürdigkeit herabzustufen. Stiegen die Zinsen nur auf ein Niveau, das ein Land wie Deutschland oder Frankreich bezahlt, würde die Zinslast Japan sehr schnell in die Staatspleite treiben. Spätestens dann werden die Schockwellen auf den Finanzmärkten enorm sein.

Doch schon jetzt wird damit gerechnet, dass die Situation in Japan sich deutlich dämpfend auf die Entwicklung der Weltwirtschaft auswirken wird. Damit rechnet auch der Internationale Währungsfonds (IWF) inzwischen schon. Die Einschätzung von Bundesbank-Vizepräsident Franz-Christoph Zeitler, wonach das Wachstum im Euroraum nur um 0,2% zurückgehen würde, wenn Japans Wirtschaft erwartungsgemäß um 3-4% einbricht, darf bezweifelt werden. Immer mehr Firmen in Europa haben Produktionsengpässe, weil bei der Lieferung von Vorprodukten aus Japan zu Verzögerungen und Ausfällen kommt. Richtig ist, dass nur ein kleiner Teil der Teile direkt aus Japan kommen. Doch richtig ist auch, dass viele japanische Teile in anderen Produkten verwendet werden, die zum Beispiel aus China als Vorprodukte nach Europa gelangen.

Zudem wird die Weltwirtschaft auch durch neue Rekorde beim Ölpreis gedämpft. Und in Europa kommt nun hinzu, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen erstmals anheben musste, um die deutlich steigende Inflation zu bekämpfen. Dass die Eurokrise mit dem Absturz Portugals und der erwarteten Umschuldung Griechenlands wieder voll auf der Tagesordnung ist, wird ebenfalls die allgemeine Nervosität und Unsicherheit verstärken.

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