Moloch Angst

Fantasy-Filmfest-Blog – 3. Tag: "Coffin Rock", "Pontypool", "I sell the Dead" und "Dread"

Clive Barkers "Bücher des Blutes" erleben in den letzten Jahren eine Renaissance im Kino. Dass die Erzählungen aus den 1980er-Jahren erst jetzt vermehrt das Licht der Leinwand erblicken, könnte daran liegen, dass sie teilweise derartig blutrünstig und grausam sind, dass sie in früheren Dekaden wohl schon aus Gründen der (Selbst-)Zensur nicht umgesetzt wurden. Nach "Mitternachts-Fleischzug" und "Das Buch des Blutes" ist jetzt "Moloch Angst" als Film zu bewundern. Der Ausbau der 60-seitigen Erzählung zu einem abendfüllenden Spielfilm hat zumindest inhaltlich geklappt. Allein: Was das Verständnis der Erzähldramaturgie angeht, mit der die verschiedenen Angst-Erlebnisse in einem Punkt zusammen zulaufen und als Angst-Verwirklichung der Hauptfigur kulminieren, versagt der "Dread" vollständig. Anstatt sich an die ausgeklügelte Struktur der Vorlage zu halten, hat der Regisseur und Drehbuchautor Anthony DiBlasi deren "gutes Ende" offenbar als nicht mehr zeitgemäß verworfen und lässt die Story nun in der totalen Beliebigkeit zeitgenössischen "open end"-Horrors auslaufen. Das soll originell wirken, kommt aber wie bloße Hilflosigkeit, keine eigene Pointe gefunden zu haben, herüber.

Coffin Rock

Wesentlich mehr "old school" findet sich da schon in "Coffin Rock". Wer hier vom Titel angelockt meint, dass der australische Film irgend etwas mit "The Blair Witch Project" zu tun hätte, sei gewarnt: Erzählt wird ein Thriller um eine Dreiecksbeziehung, der seine Vorlage ziemlich deutlich bei "Fatal Attraction" hat. Ein kinderloses aber glücklich verheiratetes Ehepaar wird durch einen Fehltritt der Frau, die sich mit einem labil wirkenden, neu zugezogenen jungen Mann einlässt, in einen Strudel von Lügen, Gewalt und Wahnsinn gezogen. Was "Coffin Rock" anders macht als die meisten anderen Filme dieses Genres, ist, dass er seine Geschichte auch dann weiter erzählt, wenn das eigentliche Finale bereits vorüber ist: Was ändert sich für die Protagonisten, ihre Familien und das soziale Umfeld, nachdem das Zusammenleben so massiv durch Morde und Gewalt beschädigt wurde? Eine Frage, die sich Krimis, Horrorfilme und Thriller ruhig öfter einmal stellen sollten.

I Sell The Dead

In gewisser Weise ebenfalls mit Kurzgeschichten bekommt man es bei "I sell the Dead" zu tun. Nach seinem Kurzfilm "The Ressurection Apprentice" von 2005 hat sich Regisseur Glenn McQuaid dasselbe Thema – die Lebensgeschichte eines Grabräubers – noch einmal vorgenommen und einen Langfilm daraus gemacht: Sein Leben wird in Rückblenden nacherzählt, während er in einer Kerkerzelle auf seine Hinrichtung wegen Mordes wartet. Die einzelnen Episoden sind durchaus amüsant, vielseitig und durch einen roten Faden miteinander verknüpft. Und dennoch zerfällt der Film am Ende in diese anekdotischen Segmente ohne den Eindruck eines Ganzen zu hinterlassen. Das mag auch an der Ähnlichkeit der Ästhetik zu den "Tales from the Crypt" oder den "Creepshow"-Filmen liegen (letztere beerbt "I sell the Dead" durch die ansonsten unmotivierte Übernahme von Comic-Panels bei Gewaltszenen). Überdies wirkt die Ausstattung - etwa maschinell genähte Feinripp-Unterhemden - für eine Erzählung, die Ende des 18. Jahrhunderts angesiedelt ist, nicht immer stimmig.

Pontypool

"Pontypool" ist eine jener Entdeckungen, die man jedes Jahr wieder auf dem Festival machen kann. Der kanadische Film beginnt als Horror-Thriller in der Radiostation der titelgebenden Kleinstadt, in der es zu seltsamen Vorfällen kommt: Menschen rotten sich zusammen, reden unzusammenhängendes Zeug, attackieren Mitbürger, begehen kannibalistische Akte. Das alles bekommt man nicht zu sehen, aber durch Telefonanrufe in der Radioredaktion und über andere Audiokanäle zu hören. Der Radiosender mit seinem äußerst charismatischen Sprecher wird zu einer Informationssammel- und -verteilbasis, ohne jedoch wirklich Fakten zu besitzen. Etwa ab der Hälfte (und der Trailer verschweigt dies wohlwissentlich] kippt der Film dann in eine groteske Geschichte um Sprache und Sprachverstehen, als klar wird, was die mittlerweile weltweit beachtete Katastrophe in Pontypool ausgelöst hat. Einerseits ist es überaus schade, dass der Film hier sein interessantes Paradigma aufgibt (ein Horrorfilm, der zum Hören zwingt, weil er aufgrund seines Handlungsortes nichts zu zeigen hat!), andererseits offenbart sich in dieser zweiten Hälfte die semiotische und vielleicht sogar politische Spitze des Stoffes – geht es dann doch vor allem um den Konflikt zwischen englisch und französisch sprechenden Kanadiern. "Pontypool" ist sicherlich kein einfacher Film, aber auch keiner, den man einfach übergehen sollte.

Anzeige