Mr. President und El Presidente

Freigegebenes Dokument belegt Kenntnis der CIA, dass Pinochet das Bombenattentat in Washington DC von 1976 befohlen hatte

Am 21.09.1976 explodierte in Washington DC eine Autobombe und riss den chilenischen Diplomat und Politiker Orlando Letelier del Sola und dessen Mitarbeiterin mit US-Staatsbürgerschaft in den Tod. Sozialist Letelier wurde Opfer einer Serie an in verschiedenen Ländern durchgeführten Attentaten auf politische Gegner der Militärjunta, die sich am 11. September 1973 blutig an die Macht geputscht hatte. Partner des Coup d’État von 1973 war die CIA gewesen, welche die Welt vor dem Grundübel des Kommunismus bewahren wollte. Einen Anschlag des chilenischen Geheimdienstes DINA ausgerechnet auf dem Boden der USA hatte Letelier für unwahrscheinlich gehalten, da ein solches die Gastgeber kompromittierte.

Als Organisator des Mordes, eigentlich aber als Bauernopfer, wurde 1978 in den USA der vormalige CIA-Agent Michael Townley verurteilt. Während des Anschlags, der in der Terror-Folklore der USA nur eine geringe Bedeutung erfährt, wurde die CIA von Erdölunternehmer George Herbert Walker Bush geleitet. Der fanatische Kommunistenhasser Ronald Reagan ließ noch Mitte 1980 wissen, „es sei eine gute Sache, dass Letelier abgemurkst wurde“.

1981 nahmen Reagan und Bush Platz im Weißen Haus, wo sie 1983 beinahe versehentlich den Dritten Weltkrieg auslösten. US-Außenminister George Schultz informierte 1987 Präsident Reagan in einem nun veröffentlichten Memo über (nach wie vor unter Verschluss gehaltene) CIA-Erkenntnisse, dass Chiles General Augusto Pinochet persönlich den Anschlag auf Letelier angeordnet hatte. Pinochet sei entschlossen, Präsident zu bleiben und zu tun, was auch immer dafür nötig sei. Tatsächlich hatte Pinochet nicht nur politische Gegner, sondern auch Mitwisser eigener Verbrechen liquidieren lassen.

Der nie gewählte Präsident Pinochet setzte Folter zum Verhör und zur Disziplinierung Gefangener ein, während seiner Präsidentschaft wurden insgesamt 2095 Tote und 1102 verschwundene Häftlinge gezählt. Als Pinochet Ende der 1990er Jahre in Großbritannien wegen seiner Verbrechen festsaß, setzten sich die USA und der Heilige Stuhl für eine Freilassung ein. Präsident George W. Bush, dessen erste Wahl umstritten blieb, lehnte auch nach den Anschlägen des 11. September 2001 ein Vorgehen gegen Pinochet ab, obwohl die US-Regierung durch die CIA-Dokumente wissen musste, dass der General für den bis dahin schwersten Terroranschlag auf US-Boden verantwortlich war. Stattdessen ließ Bush jr. selbst foltern. Pinochet, gegen den 2004 Anklage wegen Mordes in 199 Fällen erhoben wurde, entschlief unverurteilt 2006.

Das Schultz-Memo und weitere Dokumente wurden nun vom National Security Archive kommentiert online gestellt.

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