"Nackt. Ist das gut für die Autorität?"

In Frankreich diskutiert man über die politische Korrektheit eines Kinderbuches mit Bildern von nackten Erwachsenen

Was passiert, wenn Kinder sich Bilder von nackten Erwachsenen ansehen? In einem Kinderbuch mit gezeichneten Illustrationen wohlgemerkt, das für Schüler der ersten Klassen Grundschule empfohlen wird.

Sie werden marxistisch indoktriniert, meint der französische Oppositionsführer.

In der Debatte, die die Medien in Frankreich seit Sonntag letzter Woche sehr beschäftigt, und die bis jetzt für Reaktionen sorgt, geht es nicht um eine sexuell aufreizende Nacktheit, sondern um die Nacktheit, die gemeint ist, wenn man vom Kaiser ohne Kleider spricht.

Die Autorität werde durch das Buch mit dem Titel "Tous à poil" (zu deutsch: "Alle nackt!", kann aber auch mit "Zieht euch aus!" übersetzt werden) entheiligt, so der Vorwurf von Jean-François Copé, Chef der früheren Regierungspartei UMP.

Copé nahm in der Fernsehsendung Grand Jury am 9. Februar das Kinderbuch in die Hand und gestattete sich eine spontane Erregung über das französische Erziehungssystem zu Zeiten der Regierung Hollande:

"Nackt, das Baby; nackt, der Babysitter; nackt, der Nachbar; nackt, die Mama; nackt, der Hund; nackt, der Gendarm; nackt, die Lehrerin; nackt, auch der Herr Generaldirektor...Sehen Sie das? Das ist gut für die Autorität der Lehrer!.. Es wird der Moment kommen, wo die Regierung in Paris wieder den Bodenkontakt aufnehmen muss und sich umschauen sollte, was im Land so geschieht und sich entwickelt, auch was die Rolle der Verantwortlichen angeht, und dann sagen muss: Es reicht."

Als er das Buch, das von einem Verband, der mit Eltern und Schulen zusammenarbeitet, auf eine Liste empfohlener Bücher gesetzt wurde, sah, sei sein Blut in Wallung geraten, so Copé. Immerhin werde es den Lehrern der ersten Klassen von einem pädogogischen Center empfohlen. Für Copé ist dies "Ausdruck einer marxistischen Ideologie", wie er später präzisiert. Das Buch solle von der Liste der Empfehlungen gestrichen werden. Seine politischen Gegner halten ihm, von der Schnappatmung angesteckt, Zensur vor.

Aufgeladen wird die von unzähligen Parodien begleitete theatralisch überhöhte Streitparade durch die Vorwürfe, die national und religiös bewegte Traditionalisten gegen die Regierung erheben, denen zufolge das Buch ein weiterer Beleg dafür ist, dass die Sozialdemokraten in der Schulerziehung der Agenda einer "Gender-Theorie" folgen (vgl. "Morgen wirst du eine Frau sein, mein Sohn").

In dem Buch gehe es um eine Idee von Gleichheit, bekräftigen einer der Autoren des Buches und der Verleger. Alle würden sich ausziehen, alt und jung, dick, dünn, aus unterschiedlichen Berufswelten, ohne jede Erotik, um gemeinsam das Glück eines Bades im Meer zu genießen.

Die tragende Idee sei die Gleichheit der von Kleidung und Statussymbolen Befreiten, das Körperglück im Meer. Von Ferne erinnert das an die Idee, die Léon Blum 1936 mit der damaligen Front Populaire, der linken Volksfront verwirklichte, der erste bezahlte Urlaub für Arbeiter und Angestellte, die ersten großen Sommerferien für alle. Der Geist dieser Gleichheitsidee, scheint es, sorgt noch immer für Ärger. Ob die Abbildungen gefallen, ist freilich Geschmackssache, wie vieles, das man am Strand zu sehen bekommt.

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