Nahrungsmittel, die Glatzen produzieren

Auf seiner Weltklimakonferenz in Cochabamba hat sich Evo Morales mit sonderbaren Äußerungen gleich mehrere Eigentore geschossen

Am heutigen Donnerstag geht die Weltkonferenz der Völker über Klimawandel und die Rechte der Mutter Erde im bolivianischen Cochabamba zu Ende. Die Initiative dazu ging von Präsident Evo Morales aus. Der Kongress war eine direkte Reaktion auf die gescheiterten Verhandlungen beim UN-Klimagipfel in Kopenhagen. "Wir sind hier versammelt, weil die sogenannten entwickelten Staaten ihre Verpflichtung nicht erfüllt haben, eine Einigung über eine substanzielle Verringerung von Klimagasen zu erreichen." Wenn sich diese Länder an das Kyoto-Protokoll gehalten hätten, dann wäre dieses Treffen nicht notwendig gewesen, erklärte Morales.

Die Tatsache, dass sich trotz des Chaos im Flugverkehr etwa 30.000 Menschen aus fünf Kontinenten und 136 Ländern in Bolivien zu dem Treffen eingefunden haben, ist sicher ein großer Erfolg. Es zeigt sich darin, dass immer mehr Menschen die Hoffnung in die UNO verlieren, das Problem des Klimawandels in den Griff zu bekommen. Das Gezänk um das Folgetreffen in Mexiko zeigt schon jetzt, dass auch dort kein Ergebnis zu erwarten ist, dass dem Problem gerecht werden könnte.

Auf dem Weltkongress in Bolivien wird dagegen der Kapitalismus als Ursache für die Probleme thematisiert. "Pacha Mama", also Mutter Erde, würde zu einer Ware gemacht, weshalb die sozialen Probleme und der Klimawandel als traurige Ergebnisse des kapitalistischen Wirtschaftssystems gesehen werden müssten. Der Kapitalismus plündere die Ressourcen der Erde aus und vergifte dabei die Umwelt. "Der Kapitalismus ist der größte Feind der Menschheit (…), Synonym für Hungertod, Ungleichheit und der Zerstörung des Planeten Erde", erklärte Morales. "Entweder stirbt der Kapitalismus oder es stirbt Mutter Erde", fügte er an. Deshalb habe man sich nahe Cochabamba versammelt, um das Leben, die Menschheit und die Erde zu verteidigen.

Allerdings verstieg sich Morales in seiner Rede aber auch zu höchst merkwürdigen Äußerungen, was ein gefundenes Fressen für viele Medien ist. So titelte die größte spanische Tageszeitung El País: "Genmanipulationen und Hormone führen nach Evo Morales zu Kahlköpfigkeit und Homosexualität.". Das ist zwar völlig verkürzt und zugespitzt, allerdings sind die Äußerungen vom Morales tatsächlich reichlich abstrus und er scheint eine besondere Angst zu haben, eine Glatze zu bekommen. "Die Kahlköpfigkeit ist eine Krankheit in Europa. Fast alle haben eine Glatze", erklärte Morales. Als Ursache dafür, dass wir anscheinend alle kahlköpfig durch die Gegend laufen, führt er "diese Sachen" an, die wir essen. "Bei den indigenen Völkern gibt es keine Glatzen, weil wir andere Dinge essen." Deshalb pries er zum Beispiel den "Inkareis", bei dem offensichtlich die Gefahr, an Kahlköpfigkeit zu erkranken ausgeschlossen ist. Quinoa habe die FAO erst kürzlich als "bestes Nahrungsmittel der Welt" bezeichnet.

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Er warb allgemein für Bio-Lebensmittel und stellte sie genmanipulierten Nahrungsmitteln und Produkten gegenüber, bei denen Hormonen oder hormonähnlichen Substanzen zur Produktion eingesetzt wurden. Wenn sich diese Produkte ausbreiteten, würden wir in 50 Jahren alle Glatzen haben, meint er. Nahrungsmittel, die auf diese Weise produziert wurden, dienten ohnehin nur dazu, immer mehr und immer mehr zu essen, statt sich zu ernähren. Vielleicht müsste ein Berater von Morales ihn einmal darüber aufklären, dass es Glatzen in Europa schon vor dem Einsatz von solchen Stoffen in der Lebensmittelproduktion gab. Tatsächlich dürfte man mit derlei absurden Vergleichen der richtigen Kritik an solchen Produktionsweisen eher schaden als nutzen.

Morales schoss auch bei einem zweiten Beispiel so weit über das Ziel hinaus, dass es ebenfalls ein Eigentor wurde. "Die Hähnchen, die wir essen, sind mit weiblichen Hormonen angereichert, weshalb Männer, die sie essen, Abweichungen vom ihrem männlichen Verhalten aufweisen." Tatsächlich vermuten Forscher eine allgemeine schleichende "Verweiblichung" von Lebewesen durch hormonähnliche Substanzen, weil diese Stoffe entweder wie weibliche Sexualhormone wirken oder verhindern, dass männliche Hormone auf den Körper einwirken. Deshalb sollen zum Beispiel ab Mitte 2011 europaweit Pflanzenschutzmittel nur noch dann zugelassen werden, wenn sie keine schädigenden hormonell wirksamen Eigenschaften haben. Das ist aber etwas anderes als die "Abweichungen", die Morales offenbar ausmacht, wohinter man auch eine gewisse Homophobie vermuten könnte.

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