Narzissmus und Nazismus

Uwe Boll instrumentalisiert die Berlinale

Wenn es heißt „im Rahmen der Berlinale“ muss das nicht unbedingt „auf der Berlinale“ bedeuten. Es legt diese Bedeutung jedoch zumindest nahe. Im Falle von Uwe Bolls neuem Film „Auschwitz“, der es trotz erdenklicher Bemühungen des Regisseurs nicht ins Programm des Festivals geschafft hat, ist diese Ambivalenz nicht nur nicht unerwünscht, sondern sogar provokativ gemeint: Weil die Berlinale (in Person: Dieter Kosslick) Boll zufolge seinen Film nicht zeigen möchte, zeigt er ihn eben während der Berlinale-Woche in Berlin einem zuvor ausgewählten Publikum und zerrt Kosslick vor den Kadi.

Man konnte sich bei Bolls Facebook-Account per Zuruf zum „Auschwitz“-Screening anmelden. Einige, die das getan und den Film dann gesehen haben, fanden ihn gut; die meisten aber wieder einmal miserabel. Was von Boll als selbsternanntem Aufklärer über die jüngere deutsche Geschichte zu halten ist, kann allenthalben (und gestern etwa im Spiegel) nachgelesen werden. Wenn jemand mit dem Nazismus so weit kokettiert, dass er einen fiktiven Freizeitpark „Little Auschwitz“ nennt und damit provoziert, seine Filme mit Nazi-Gold zu finanzieren: Wie soll man so jemandem eine ernsthafte Absicht im Umgang mit dem Holocaust abkaufen?

Das ganze „Auschwitz“-Projekt sieht nach bloßer filmischer Provokation aus; dass Boll sich selbst darin als Gasmann auftreten lässt, unterstreicht diesen Verdacht. Selbst sein engagierter Film „Darfur“ hatte es letztes Jahr nicht geschafft, aus dem narzisstischen Schlagschatten des Regisseurs zu entkommen - nutzte Boll hier doch die humanitäre Katastrophe im Sudan nicht nur zur Selstbeweihräucherung, sondern auch dazu, sich als den Märtyrer des deutschen Films zu stilisieren. (Dazu verhalf ebenfalls das zeitgleiche Starten seiner „symbolischen Autobiografie“ Rampage.)

Nein, Boll ist PR-Mann genug, dass er die beiden goldenen Regeln „publish or perish“ und „Es gibt keine schlechten Kritiken“ so gut kennt, dass seine neueste Aktion nur auf publizistisch fruchtbaren Boden fallen kann: Dreh einen kontroversen Film über Auschwitz, behaupte, dass man den in Berlin zeigen muss und stell Strafanzeige gegen Dieter Kosslick, weil er ihn nur deshalb nicht zeigt, weil er angeblich noch eine Rechnung mit dir offen hat.

So lautet das Erfolgsrezept des Film-Doktors. Das klingt aber nicht nur nach einem cleveren PR-Konzept, sondern auch ziemlich narzisstisch. Angesichts der Qualität des Boll‘schen Werks sollte man als Filmkritiker also eigentlich mit den Schultern zucken, „so what …?“ sagen und einfach in die nächste Vorführung eines anderen Films gehen … wenn nur Bolls Persönlichkeit nicht ständig diese Widerhaken in den Willen des Kritikers schlagen würde, so dass man von ihm gleichzeitig vor den PR-Karren gespannt wird und auch noch daran verdient. Der vorliegende Text bestätigt dies leider einmal mehr.

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