Nazipropaganda in den Tagesthemen?

Jazenjuk spricht in der ARD von Sowjeteinmarsch in Deutschland - und die Medien schweigen

Bis Mittwoch galt es in der deutschen Medienlandschaft als historisch gesicherte Tatsache, dass während des Zweiten Weltkriegs das Naziregime die Sowjetunion überfallen habe - und nicht umgekehrt. Guido Knopp & Co. hatten uns stets etwas vom Geheimunternehmen Barbarossa der Nazis erzählt, die einen "Blitzkrieg" auch im Osten geplant hatten.

Doch diese Lesart des Einmarschs von Nazideutschland beansprucht nunmehr in der ARD und in den angeschlossenen Medien offenbar keine durchgehende Geltung mehr. In einem nicht als Satire erkennbaren Tagesthemen-Interview gab der ukrainische Machthaber Arseni Jazenjuk nach seiner Deutung zum Besten: "Die russische Aggression in der Ukraine, das ist der Angriff auf die Weltordnung und auf die Ordnung in Europa.":

“Wir können uns alle sehr gut auf den sowjetischen Anmarsch in die Ukraine und nach Deutschland erinnern. Das muss man vermeiden.”

Weder macht der Dolmetscher einen betrunkenen Eindruck, noch hat der NDR inzwischen das Interview mit dem Hinweis auf einen denkbaren Übersetzungsfehler versehen. So wenig die Moderatorin nachfragte, wie Jazenjuk diese Äußerung gemeint habe, so wenig reagierten die konventionellen Medien auf diese Geschichtsklitterung eines Politikers, dessen Gefolgsleute ohne erkennbare Scham einen Kult um den Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera pflegen.

Nachdem kürzlich die Medien nach dem Putin-Interview jedes Wort auf die Goldwaage legten und der (eigentlich in dieser Funktion zur Neutralität gehaltene) Moderator als erstes apodiktisch Putin als "uneinsichtig" ausrief, ist das Schweigen der Edelfedern auf die seltsame Äußerung von "Yats" bemerkenswert. Putin ist jedoch anders als "Yats" nun einmal nicht Victoria Nulands "guy". Während Blogs wie der Blaue Bote gar von "Vertuschung" sprechen, kann Unfähigkeit der deutschen Journalisten-Elite nicht gänzlich ausgeschlossen werden.

Einzig die Satire-Abteilung des ehemaligen Nachrichtenmagazins war auf Draht. Erneut erweisen sich die Satiriker im Ukrainekonflikt als die zuverlässigeren Chronisten.

UPDATE:

Inzwischen äußert sich die ARD wie folgt auf Facebook (via Blauer Bote):

“Wegen unserer Berichterstattung aus Paris kommen wir erst jetzt zu einer Antwort auf die kritischen Anmerkungen zum Tagesthemen-Interview mit dem ukrainischen Ministerpräsidenten Jazenjuk. Die Kritiker des Interviews beanstanden diese Formulierung des ukrainischen Ministerpräsidenten: ‘Wir können uns alle sehr gut an den sowjetischen Anmarsch in die Ukraine und nach Deutschland erinnern. Das muss man vermeiden und keiner hat das Recht, die Ergebnisse des zweiten Weltkrieges neu zu schreiben. Und das versucht der russische Präsident Herr Putin zu machen.’ Dabei wechselte Jazenjuk mitten im Satz von ukrainischer Sprache ins Englische und sprach von ‘Invasion’, was die Übersetzerin mit ‘Anmarsch’ übersetzte. Somit ist nicht klar, worauf sich Jazenjuk in seinen Äußerungen bezog. Eine Intervention durch die Moderatorin war deshalb sowohl inhaltlich als auch technisch aufgrund der Simultan-Übersetzung nahezu unmöglich. Die Moderatorin hat im gesamten Interview nachweislich eine kritische Haltung gegenüber ihrem Interviewpartner eingenommen. Vorwürfe gegen die Redaktion der Tagesthemen und Pinar Atalay sind daher unbegründet.”

Das Interview war vor der Sendung aufgezeichnet worden. Warum der Übersetzungsfehler unkommentiert blieb und die eigenartige Behauptung unbekümmert gesendet wurde, bleibt unklar.

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