Neue alte Bankenkrise zurück in Spanien

Banco Popular in Madrid. Bild: Luis García/CC By-Sa-3.0

Nach dem Absturz der Banco Popular gerät nun auch die Liberbank auf Absturzkurs, weil die Popular-Aktionäre ihr komplettes Geld verloren haben

Es ist genau fünf Jahre her, als Spanien tief in derBankenkrise hing und deshalb am 9. Juni 2012 schließlich einen Antrag an den europäischen Rettungsfonds stellen musste, weil das Land das Geld für seine abstürzenden Banken nicht mehr aufbringen konnte. Nun ist die neue (alte) Bankenkrise wieder mit voller Macht zurückgekehrt und hat mit der sechstgrößten Banco Popular diese Woche ein erstes neues Opfer gefordert.

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Angeblich, so behauptet die Europäische Zentralbank (EZB), hätten "Liquiditätsprobleme" dafür gesorgt, dass es "einen Ansturm auf die Bank" gab, sagte der EZB-Vizepräsident Vitor Constancio am Donnerstag. "There was a bank run. It was not a matter of assessing the developments of solvency as such, but the liquidity issue." Die EZB habe sich darauf beschränkt, das drohende Aus der Bank aus Liquiditätsgründen festzustellen.

Bei der Popular muss es nicht bleiben. Da erstmals die Anteilseigner rasiert werden (die noch der Bank vertraut hatten), findet gerade bei der Liberbank ein ähnlicher Vorgang statt. Erstmals wurden nun nämlich die Richtlinien zur Bankenabwicklung angewandt, weshalb die Aktionäre ihr angelegtes Geld verloren haben. Die sind eigentlich schon seit Anfang 2016 in Kraft, aber kürzlich wurden sie noch bei der italienischen Pleitebank Monte Paschi schon wieder umgangen.

Wie zuvor bei der Popular findet derzeit bei der Liberbank ein Ausverkauf statt. Es ist weniger ein klassischer Bank run, bei dem die Sparer ihre Einlagen massiv abziehen, sondern wie bei der Popular versuchen Anleger zu retten, was noch zu retten ist. Deshalb stürzte die Aktie heute erneut um fast 18% ab. Im Verlauf der Woche summiert die Bank, an deren Solvenz ebenfalls Zweifel bestehen, schon Verluste von fast 40%. Dabei hatten die Aktien schon Ende letzter Woche nur noch einen Wert von 1,15 Euro und ist nun nur ein "Pennystock".

Für die große Popular hat man zwischenzeitlich mit der großen Santander Bank einen "Retter" gefunden. Die übernimmt Popular für einen symbolischen Euro. Doch nun müssen viele Beschäftigte auch noch um ihren Job bangen. Es kursieren längst Gerüchte, wonach erneut rund 3000 Stellen bei Popular wegfallen sollen. Dass es dabei bleibt, das bezweifeln allerdings viele, obwohl versucht wird, die knapp 12.000 Mitarbeiter zu beruhigen. Doch die wollen ihren Chefs, den Aufsichtsbehörden und der Regierung nun gar nichts mehr abnehmen.


Auch die Gewerkschaften verweisen darauf, dass bei der Popular ohnehin längst 2600 Stellen gestrichen wurden, aber das wird nichts helfen. Denn durch die Übernahme gibt es im Kerngeschäft und im Netz der 1800 Filialen massive Überschneidungen mit der Santander, weshalb etliche aufgegeben werden. Schon deshalb befürchten die Gewerkschaften, dass die Mitarbeiter erneut "die Rechnung bezahlen" sollen. Das erklärt der Sprecher des Finanzsektors der UGT Roberto Tornamira. Er wirft der Führung vor "eine bedeutsame Bank durch Fahrlässigkeit ruiniert" zu haben.

Die beiden großen Gewerkschaften fordern "Jobgarantien" von der Santander, was allerdings kaum eine Wirkung auf die Großbank haben wird. Ohnehin wissen auch sie, dass auch die Santander zuletzt schon 2500 Stellen gestrichen hat, obwohl sie Gewinne generiert. Wird also erneut die Schere angesetzt, wird es besonders oder ausschließlich Beschäftigte der abgestürzten Popular treffen.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Beschäftigte im letzten Jahr bei der Kapitalerhöhung Aktien "ihrer" Bank gekauft hatten, weil sie der Propaganda der Führung geglaubt haben. Sie haben nun auch dieses Geld noch verloren. Dazu kommt bei vielen die Scham, da sie oft bei Angehörigen, Freunden und Bekannten dafür geworben hatten, Anteile an der Bank zu kaufen, die nun wertlos sind. Fast 30.000 neue Kleinanleger wurden bei der Kapitalerhöhung im vergangenen Jahr angeworben.

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Beschäftigte, Gewerkschaften und Anleger sind sich einig, dass die Bankführung die reale Lage der Bank verschleiert habe. Den Vertretern der Beschäftigten wurde auf Treffen verschwiegen, wie dramatisch die Lage ist. Und die konservative Regierung hat (wie schon aus früheren Bankenkrisen bekannt) erneut in vorderster Reihe in dem Spiel mitgemacht. So hatte angesichts durchgesickerter Zweifel an der Lage der Bank der konservative spanische Wirtschaftsminister kürzlich erklärt, die Bank sei "solvent" und über "ihre Zukunft werden die Aktionäre entscheiden". Die Kapitalausstattung läge weiter über den "Mindestanforderungen", sagte Luis de Guindos erst vor wenigen Tagen in Bezug auf die beaufsichtigende spanische Zentralbank.

Gegen die Führung der Popular wird bereits geklagt. Sie soll sogar Kreditnehmer immer wieder dazu gedrängt haben, Aktien zu kaufen, um im Gegenzug dafür Kredite zu bekommen. Das hatten die Analysten von Blackbird öffentlich gemacht. "Ich kenne einen katalanischen Existenzgründer der für einen Kredit von 200.000 Euro einen weiteren für 200.000 zum Aktienkauf aufgedrückt bekam", sagt der Blackbird-Mitbegründer Marc Ribes. Der habe nun 400.000 Schulden. Auch Blackbird bereitet Strafanzeigen und Klagen gegen die Bankführung vor. Eine erste Klage wurde schon eingereicht.

Bisher sieht es für die Santander jedenfalls wie ein gutes Geschäft aus. Die Bank bekommt neben dem Filialnetz zudem noch 5,2 Milliarden Euro als Steuergutschrift aus der Übernahme der Popular.

Die Santander ist nun unangefochtene Nummer Eins in Spanien. Schon bisher war sie das zweitgrößte Finanzinstitut Europas. Die Bankenkonzentration erreicht damit einen neuen Rekord in Spanien, obwohl das Land dabei schon 2014 zum Weltmeister aufstieg. Damit wurde das Risiko für die Volkswirtschaften nur immer weiter zugespitzt.

Und eins ist klar, auch wenn nun erstmals auch die Richtlinien der Abwicklung angewandt wurden: War die alte Santander schon "too big too fail", stellte die neue Santander im Fall von Problemen ein noch deutlich größeres systemisches Risiko dar, weshalb die Santander für einen Euro mit der Popular eine Zusatzversicherung gekauft hat, um im Notfall wieder vom Steuerzahler gerettet zu werden.

Interessant wird sein, wie die erste Anwendung der Abwicklungsregeln europaweit wirken wird. Kommt es demnächst zu weiteren Bank Runs, wenn es Gerüchte über Probleme bei einer Bank gibt? Noch im vergangenen Herbst hatte die Deutsche Bank schon massiv zu kämpfen (https://www.heise.de/tp/news/Deutsche-Bank-stuerzt-ab-3339220.html), ohne dass Anleger zuvor ihr Geld abschreiben mussten.

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