Nicht-Ort Europa

Euro-Land ist abgebrannt. Wahrnehmen will das allerdings niemand so recht

Auch in Deutschland, dem angeblichen Profiteur des Euro, schwinden Vertrauen und Zustimmung der Bürger in die EU dramatisch. Nur noch jeder Vierte traut ihren Institutionen, und etwas weniger als die Hälfte sehen ihre Zukunft noch in der Gemeinschaft. Und das Krisenmanagement, das die Euro-Politiker derzeit an den Tag legen, wird die Stimmungslage nicht aufhellen.

Es verwundert daher nicht, dass Hans-Magnus Enzensberger zu seiner jüngsten Abrechnung mit den Eurokraten viel Applaus auch von der konservativen Seite bekommen hat ( Wehrt Euch gegen die Bananenrepublik).

Mit immer neuen Beruhigungspillen und Durchhalteparolen, die die Euro-Politiker Woche für Woche streuen, wird dem wachsenden Ärger und Unmut der Bürger über die galoppierende Verschuldungskrise nicht beikommen sein. Und mit emphatischen "Liebeserklärungen", wie sie neulich Heribert Prantl, das moralische Gewissen der deutschen Journaille, in der SZ-Wochenendausgabe erneut losgelassen hat ( Europa, zweite Heimat), auch nicht.

Zu unterschiedlich sind die Mentalitäten und Sozialsysteme, die Kulturen und Sprachen, als dass man sie alle, wie man seinerzeit glaubte, mit Hilfe einer gemeinsamen Währung zwangsvergemeinschaften könnte. Schon mit dem zaghaften Versuch, sich eine europäische Verfassung zu geben, scheiterte man kläglich. Lehnten die Franzosen solche Eingriffe in ihre Souveränität an der Urne ab, ließ man die Deutschen aus Angst, von den Wählern abgestraft zu werden, gar nicht erst davor.

Gern wurde in den letzten Wochen und Monaten an den "Westfälischen Frieden" erinnert, als es erstmals in Europa gelang, die marodierenden Truppen zu stoppen und die Länder zu einem, von allen anerkannten Friedens- und Rechtssystem zu bewegen. Und gern wurde auch an das 20. Jahrhundert erinnert, wo Europas Nationen ihre politischen Zwistigkeiten noch blutig auf dem Schlachtfeld austrugen. Als ob sich die Verschuldungskrise mit Verweis auf die Historie lösen ließe. Auch wenn der europäische Laden auseinander fliegen sollte, werden morgen keine Armeen an den Grenzen aufmarschieren. Auch vor dem Euro gab es Verträge, Binnenmarkt und -handel.

Auch Prantl spielt die Kriegskarte. Er erinnert seine Leser an die "Holzkiste" seiner Oma, in der sie die Briefe ihrer Söhne von der Front aus Stalingrad und El Alamein verwahrte und die den Aufdruck "Krieg" trug. Im Vergleich dazu sei die EU "das Kürzel für das goldene Zeitalter der europäischen Historie".

Dies mag so sein. Vor allem, wenn man die Omas und Opas der Republik fragt. Den Jüngern, ihren Kindern oder den Noch-nicht-Geborenen wird das aber kaum nützen. Sie müssen später das Schuldenerbe stemmen, die das Projekt ihrer Großväter und Väter ihnen hinterlassen hat.

Darum verwundet es auch kaum, dass Prantl auch die politische "Birne" Helmut Kohl wieder ins Spiel bringt. Der Altbundeskanzler nahm laut Prantl noch Rücksicht auf den Stolz und die Achtung der Nachbarn, er gebärdete sich nicht wie sein "Mädchen" als "dicke Berta" und belehrte andere, sich gefälligst mehr anzustrengen.

Als ob der Alte aus Oggersheim während seiner Amtszeit nicht genug Fehler gemacht hätte. Die überstürzte deutsche Wiedervereinigung hat den Bürgern einige hundert Milliarden D-Mark gekostet und Deutschland auch die Überschreitung der Maastricht-Kriterien beschert. Prantl vergisst, dass genau in der stetigen Schuldenmacherei der Hase im Pfeffer liegt.

Zuerst versprach Kohl den neuen Bundesländern "blühende Landschaften", wenn sie die D-Mark in den Taschen hätten. Seitdem ist dank des Soli eine riesige Umverteilung von West nach Ost in Gang. Erstrahlen die Innenstädte und Dörfer im Osten mittlerweile in vollem Glanz, schaut es in vielen westlichen Städten und Gemeinden eher düster und vergammelt aus.

Dann wollte Kohl mit Hilfe der Währungsunion ein vereintes Europa erzwingen, im Irrglauben, die politische Integration würde der wirtschaftlichen auf dem Fuße folgen. Das Projekt war aber schon damals zum Scheitern verurteilt, als man im Einigungsrausch alles aufnahm, was aufnahmewillig war, aber niemals aufgenommen werden durfte. So machte man Europa zwar groß, aber nicht stark.

Doch Kohl hatte damals von Wirtschaft so wenig Ahnung wie Prantl heute. Er ist Historiker und Prantl moralisierender Jurist. Seit Kriegsende, und schon davor, steigen die Schulden in allen westlichen Ländern exorbitant. In Deutschland zum Beispiel stieg die Verschuldung der öffentlichen Haushalte in achtzig Jahren von 9 auf 62 Prozent – Tendenz steigend. Um Loyalitäten zu erkaufen und den Machterhalt zu sichern, wählte man den Weg der Fremdfinanzierung. Und genau dieser "Pumpkapitalismus" (Ralf Dahrendorf) ist es, der die Länder nun einholt

Nun, da das Projekt Europa an die Wand zu fahren droht, taucht wieder mal die Frage nach dem Zusammenhalt auf der Agenda auf. Was hält Europa im Innersten zusammen? Die Freizügigkeit von Waren, Diensten und Kommunikationen, die Rivalität mit aufstrebenden Mächten oder doch ein europäisches Bewusstsein, das den Verkehr sozialen Belangen unterstellt? Doch wo äußert sich das Wir-Gefühl? Auf den Straßen Athens und Madrids? Oder doch eher in Castrop-Rauxel?

Jürgen Habermas fantasiert von einer "Angleichung der Lebensverhältnisse", Ulrich Beck verbreitet die Mär vom "kosmopolitischen Europa", Heribert Prantl wiederum, Habermas darin nicht ganz unähnlich, plädiert für eine "Schutzgemeinschaft", in der Bretonen und Österreicher, Dänen und Tschechen, Balten und Wallonen Europa als zweite Heimat erleben.

Auch das alles mag durchaus ehrenwert sein. Doch sind sie Appelle und Plädoyers für Vollbeschäftigung und Arbeitsplatzgarantien, für Mindestlöhne und soziale Rundumversorgung für über 450, bald 500 Millionen Menschen auch realistisch? Wollen die Bürger Europas überhaupt alle umsorgt, umhegt und sozial wohl gebettet sein? Und wer soll für dieses "System der Bedürfnisse" (Hegel) nach welchen Regeln und Maßgaben aufkommen? Nach den deutschen, griechischen, schwedischen oder spanischen?

Hätte Prantl Ernst Bloch gelesen, dann wären ihm wenigstens bei der Wahl des Begriffs "Heimat" Zweifel gekommen. Heimat ist bei Bloch bekanntlich jener Ort, "an dem noch niemand war". Heimat ist mithin ein Nicht- oder Un-Ort, einer, der zwar häufig gesucht oder ersehnt, aber höchst selten gefunden wird. Mit ihr verbindet sich ein Gefühl der Hoffnung, das im ständigen Unterwegssein aufkommt oder im Exil erfahren und erlebt wird.

Gleichwohl ist Heimat auch ein Begriff, der bei Bloch sehr ambivalent bleibt. Heimat ist zugleich ein Gefühl, das keine Veränderung erlaubt. Wer sesshaft wird, es sich dort bequem macht und wohlig einrichtet, bewegt sich nicht mehr, er wird träge und dick, er rostet, erstarrt und wird vielleicht bald kristallin, wenn der "Sturm der Geschichte" ihn nicht vorher wegbläst.

Darum heißt es bei Ernst Bloch auch an prominenter Stelle, und zwar im Schlusswort von Prinzip Hoffnung ganz marxistisch: "Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, der schaffende, der Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch".

Von einem "sozialen Uterus", der zugleich "Heimat" ist und wird, ist da nichts zu lesen. Weder bei ihm noch bei Marx. Und von Lebensrisiken, die einem von Staatswegen abgenommen werden, auch nicht. Mal abgesehen von all jenen US-Amerikanern, die diese Diskussionen sowieso nicht verstehen, weil sie in Europa all das schon verwirklich sehen.

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