Noch nicht das letzte Wort gesprochen

100.000 demonstrierten in Berlin gegen Laufzeitverlängerung und für Stilllegung der AKW. Umweltverbände kündigen heißen Herbst an

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Vergrößern Bunt war es am Samstag auf der Anti-AKW-Demo in BerlinBild: wop

100.000 Menschen sind am Samstag nach Schätzung der Veranstalter aus der ganzen Republik zur Anti-AKW-Demo nach Berlin gekommen, und das dürfte nicht übertrieben sein: Der Platz vor dem Hauptbahnhof, auf den die Bezirksbehörden die Demonstranten abgeschoben hatten, war für die Menge viel zu klein. Als die Spitze des Demozugs nach knapp zwei Stunden das Regierungsviertel im großen Bogen umrundet hatte und auf dem gegenüberliegenden Spreeufer am Kanzleramt eintraf, waren die letzten noch immer nicht gestartet.

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Vergrößern Auch Gewerkschaftsfahnen waren hin und wieder zu sehen (hier von den Metallern), sogar welche von der IG BCE, die eigentlich bisher fest an der Seite der Atomlobby standBild: wop

Damit dürfte es eine der größten Demonstrationen gegen die Nutzung der Atomenergie in der Geschichte der Bundesrepublik gewesen sein. Allerdings war es nach der Menschenkette Anfang Mai zwischen Brunsbüttel und Krümmel für die Antiatomaktivisten bereits die zweite Großdemo in diesem Jahr, und der kämpferischen Stimmung nach zu urteilen, nicht die letzte: Im Herbst werden im niedersächsischen Wendland wieder Atommülltransporte erwartet. Dort steht neben dem Eingang zum Salzstock Gorleben ein großes Zwischenlager, das nach und nach mit Spezialbehältern, den sogenannten Castoren, gefüllt wird. Die dortigen Bürgerinitiativen rechnen in diesem Jahr mit den größten Protesten seit langem.

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Vergrößern Die Fahne der Freien Republik Wendland vor dem KanzleramtBild: wop

Christoph Bautz, einer der Organisatoren der Demo am Samstag, war sich jedenfalls sicher, dass die Bundesregierung einen heißen Herbst erleben wird. Die Atompolitik werde für sie zum "Stuttgart 21". Aus der Schwabenmetropole waren Vertreter der dortigen Proteste angereist und richteten ein Grußwort an die Berliner Demonstranten. Es handele sich um eine Bewegung, die Leute hätten die Nase voll von Politikern, die Projekte gegen den Willen der Bevölkerung durchdrücken.

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Vergrößern "Aber ohne Tauchanzug"Bild: wop

Diese Stimmung äußerte sich auf manchem der selbst gemalten Transparente. Die vorherrschende Stimmung war Wut und nicht Resignation, wie man angesichts der Beschlüsse der Bundesregierung vielleicht meinen könnte. Auf besondere Empörung stieß bei vielen Demoteilnehmern die Art und Weise, wie die Beschlüsse der schwarz-gelben Koalition zustande gekommen waren, die Hast, mit der man noch in der Nacht Verträge mit den Energiekonzernen abgeschlossen hatte, an denen nicht einmal der Umweltminister beteiligt war, und die man zunächst der Öffentlichkeit unterschlagen hatte.

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Vergrößern Bild: wop

Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz, sprach angesichts des Vorgehens der Bundesregierung auf der Abschlusskundgebung davon, dass es für die AKW-Gegner nicht nur um die Stilllegung der Strahlenmeiler gehe - sieben bis acht könnten nach seiner Ansicht sofort abgeschaltet werden, ohne dass es ein Problem mit der Versorgung gebe. Vielmehr ginge es auch um die Verteidigung der Demokratie, wenn am Bundesrat vorbei und gegen die Mehrheit der Bevölkerung der Ausstieg aus der Atomwirtschaft gekippt werden soll.

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Vergrößern Betreten des Rasens verboten. Noch ist der Platz der Republik zwischen Kanzler-Kasten (im Hintergrund) und Reichstag frei. Das Bezirksamt Mitte hatte die Nutzung untersagtBild: wop

In einer Erklärung der Veranstalter, die nach Abschluss der Demonstration verschickt wurde, heißt es: "Die Bevölkerung duldet keine Klientelpolitik für Atomkonzerne auf Kosten ihrer Sicherheit. Der Widerstand gegen die Atompläne der Bundesregierung kommt aus allen Schichten der Gesellschaft. Jüngere und Ältere, Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten, Gewerkschafter, Beschäftigte in der Branche der Erneuerbaren Energien, Raver und Chöre, Umweltschützer und Angehörige der verschiedenen Parteien protestieren heute gegen längere Laufzeiten für Atomkraftwerke und für einen schnelleren Ausstieg aus der gefährlichen Atomenergie. Nach dieser Demonstration wird der schwarz-gelben Regierungskoalition klar geworden sein, dass sie sich mit ihrem Atomdeal gehörig die Finger verbrannt hat. In der Atompolitik ist noch lange nicht das letzte Wort gesprochen."

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Vergrößern Zum Schluss eigneten sich die Demonstranten den Platz der Republik doch noch an. Ganz ohne BahnsteigkarteBild: wop
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Vergrößern Und zum Abschluss eine kleine Party vor dem ReichstagBild: wop
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