Nord-Korea investigativ

Der "Geliebte Führer" war auch Journalismus-Dozent

Der gerade verstorbene nordkoreanische Diktator Kim Jong Il ließ sich nicht nur als "geliebter Führer" feiern, sondern war auch der "große Lehrer der Journalisten".

In einem erstmals 1983 erschienen Buch mit dem Titel "The Great Teacher of Journalists" gibt Kim Jong Il Tipps für Fernseh-Moderatorinnen, erklärt verschiedene Arten des Redigierens, erteilt Sprachlehre und gibt allgemeine Lebensratschläge für Journalisten. Das Werk wurde vom staatlichen Verlag für Fremdsprachen herausgegeben und ist bis heute in einer englischen Version beim Verlag International Law & Taxation Publishers erhältlich. Die Neue Züricher Zeitung bemerkt zu dem Buch:

"Als Universalgenie - der neue Anbaumethoden in der Landwirtschaft mit der gleichen Leichtigkeit erfindet, wie er als Poet Gedichte von überragendem literarischen Rang verfasst - beherrscht Kim natürlich auch das Handwerk der Journalisten unendlich viel besser als diese selber. Als man ihm einmal den ersten Abzug eines Zeitungsartikels zeigt, greift er kurzerhand zum Füllfederhalter und redigiert ihn so, dass der Text danach viel klarer das Wesentliche zum Ausdruck bringt. Als die Journalisten den Korrekturabzug zurückerhalten, sind sie äusserst gerührt, weil sie nun auf dem Papier die persönlichen handschriftlichen Anmerkungen Kims erblicken."

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Es gibt auch ein Kapitel in dem Buch, das die Überschrift trägt: "Ein Reporter wird auf wundersame Weise aus den Klauen des Todes befreit". Man muss wohl nicht anfügen, wer der wunderbare Retter gewesen ist. Im Vorwort des Buchs wird recht unumwunden niedergelegt, welche Rolle Journalisten in einer Ein-Parteien-Diktatur zugedacht wird:

"He is always among journalists and teaches them every detailed problem arising in their activities, and kindly leads them to write and compile excellent articles that arouse the sentiments of the masses in keeping with the Party's intentions. He also brings up journalists to be the Party's reliable writers under his wings and takes meticulous care of every facet of their life and activity..."

Die Gefühle der Massen sollen mit den Absichten der Staatspartei in Übereinstimmung gebracht werden. Deutlicher lässt sich kaum formulieren, welche Funktion der Journalismus in einer Gesellschaft hat, in der er eben gerade nicht die "vierte Gewalt" ist, sondern ausschließlich der verlängerte Arm der Exekutive.

Dass totalitäre Potentaten sich nicht nur als große Wirtschaftsführer und geniale Innovatoren, sondern gerade auch auf dem Gebiet von Sprache und journalistischer Darstellung als Lehrmeister produzierten, hat System. Auch Josef Stalin veröffentlichte 1950 ein Werk "Der Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft". Goebbels als Nachfolger Hitlers im Amt des "Führers und Reichskanzlers" war nicht von ungefähr zuvor Propagandaminister, oberster Aufseher der "Reichsschrifttums-" sowie der "Reichspressekammer" und studierter Germanist, der vor seiner Politkarriere erfolglos Romane schrieb. Auch Saddam Hussein schrieb Romane. Gerade Systeme, die den freien Diskurs unter Gleichen unterdrücken, müssen umso mehr die öffentliche Meinung unter Kontrolle halten.

Auch Fotografen erhalten entsprechende Ratschläge von Kim Jong Il. Ihre Aufgabe sei es vornehmlich, vom "geliebten Führer" das beste Foto in die Redaktionen zu bringen. Wie das geht, weiß Journalistik-Dozent Kim ganz genau: "Den Auslöser darf man erst drücken, wenn man sicher ist, ein erfolgreiches Bild zu machen."

Es darf bei aller Komik solcher Parteiliteratur nicht vergessen werden - und darauf weist auch die NZZ ausdrücklich hin -, dass die scheinbar so harmlosen und streckenweise realsatirischen Auslassungen für Millionen Menschen in Nord-Korea eine Realität schufen, die das Land äußerst nahe an Orwells Dystopie "1984" herangebracht haben. Wie kritikwürdig die Presse und der Journalismus in den westlichen Gesellschaften auch manchmal sein mögen, an Handreichungen wie Kim Jong Ils "The Great Teacher of Journalists" kann man ablesen, welche subversive Kraft dem Journalismus trotz alledem innewohnen kann.

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