Obama, Hitler und die Krankenversicherung

In den USA nutzen Gegner einer öffentlichen Gesundheitsfürsorge einen Vergleich, der bei einem genaueren Blick in die Geschichte nach hinten losgehen könnte

Neuerdings nutzen Gegner von Obamas Gesundheitsfürsorgeplänen neben dem zum Joker verunstalteten und mit dem Wort "Socialism" versehenen Obama-Bild (das ironischerweise ein Student entwarf, der ihn aus der entgegengesetzten politischen Richtung attackieren wollte) auch Porträits des Präsidenten mit Hitler-Bärtchen. Diese aus dem deutschen Plakatwahlkampf wohlbekannte Verfremdung geschieht dort nicht aus reinem Übermut, sondern soll ausdrücken, dass Obamas Pläne zum Umbau des Gesundheitsystems angeblich denen Hitlers gleichen.

Die Vorstellung entspricht zwar gängigen Klischees – könnte aber falscher nicht sein. Tatsächlich ähnelt die Gesundheitspolitik im Dritten Reich sogar sehr viel eher jener, wie sie die Gegner öffentlicher Gesundheitsfürsorgepläne propagieren. Besonders eindrucksvoll dargelegt ist dies in Ingo Böhles vor ein paar Jahren erschienenem Buch über die Geschichte der privaten Krankenversicherungen im Nationalsozialismus.

Die Branche, die mit ihrer Sonderbehandlung so genannter "schlechter Risiken" schon vor Hitlers Machtergreifung eine Art Sozialdarwinismus der Tat propagierte, wies dem Historiker zufolge innerhalb der Versicherungswirtschaft die stärkste "Affinität" zum Hitler-Regime auf. So war unter anderem Dr. Gerhard Wagner, der Pate des Euthanasie-Programms, bei der privaten DKV beschäftigt. Die Ernennung von Dr. Kurt Schmitt, dem Generaldirektor des Allianz-Konzerns zum Wirtschaftsminister im Kabinett Hitler war nicht nur die Erfüllung einer Dankesschuld an einen alten Freund Görings (der bereits 1931 der SA eine Fünf-Millionen-Firmenspende für den Kampf gegen "Links" versprochen hatte), sondern auch ein "klares Bekenntnis der neuen Staatsführung zur Privatwirtschschaft". Entsprechend arrangierten sich die privaten Krankenversicherungen bestens mit dem System und setzten unter anderem Forderungen wie die Ausschaltung der Konkurrenz aus dem gemeinwirtschaftlichen Sektor durch.

Wo sich der Antisemitismus mit dem Profit verbinden ließ, waren die privaten Krankenversicherungen durchaus eifriger als der Staatsapparat. Bereits kurz nach der Machtergreifung Hitlers strichen sie die Erstattung für Behandlungskosten, welche bei jüdischen und kommunistischen Ärzten entstanden waren. Dies ging allein auf die Initiative der Privatwirtschaft zurück: Die staatlichen Stellen lehnten den Wegfall der Erstattung sogar ab. Opfer dieser privaten Rassenvorschriften waren auch die nichtjüdischen und nichtkommunistischen Versicherten, die ihre Rechnungen nicht erstattet bekamen.

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