Ölaustritt im Golf: Neue Schätzungen übertreffen Exxon-Valdez-Katastrophe

Nach dem gestern veröffentlichten BP-Video schätzen Experten, dass bis zu 11 Millionen Liter Öl täglich austreten könnten

Das gestern von BP veröffentlichte Video, das den Ölaustritt aus einem Hauptleck der Förderleitung zeigt, bietet Wissenschaftlern neue Anhaltspunkte zu Schätzungen. Sie liegen nach Einschätzung von Experten sehr viel höher als die bisher kursierenden Schätzungen von täglich 5.000 Barrels, was ungefähr 800.000 Liter oder 800 Kubikmeter, bzw. Tonnen entspricht.

Es könnte mehr als das 14fache dieser Menge austreten, rund 70.000 Barrel (11 Millionen Liter), schätzt ein Experte, namens Steve Werely von der Purdue Universität, gegenüber dem amerikanischen National Public Radio. Werely basiert seine Zahlen auf der Geschwindigkeit, mit der Partikel und Wirbel aus dem Rohr strömen. Die Methode der particle image velocimetry habe nur eine 20 prozentige Ungenauigkeit, erklärt Werely gegenüber Medien:

"Man kann auf dem Video eine Menge an Strudel und Wirbel erkennen, die aus dem Rohr strömen. Ich benutzte einen Computer-Code, um diesen Strudeln zu folgen. Daraus ergab sich die Geschwindigkeit, mit der das Öl aus dem Förderrohr strömt. Von da aus ist es nur eine simple Rechenaufgabe, um das ausströmende Volumen zu schätzen."

Die Menge des ausströmenden Öls, die sich aus diesen Berechnungen ergibt, liege zwischen 56.000 und 84.000 Barrels, also zwischen beinahe 9 Millionen und 13 Millionen Litern (13.400 Tonnen). Demnach überträfe das Ausmaß der Ölpest im Golf von Mexiko, was die schon ausgetretene Ölmenge betrifft, die Exxon-Valdez Katastrophe vor Alaska (1989) bei weitem. Damals waren 40 Millionen Liter (40.000 Tonnen) Rohöl ausgetreten.

Schätzungen von anderen Experten, die heute von Medien zitiert werden, haben andere Schwankungsbreiten - von 20.000 zu 100.000 Barrels -, bestätigen aber in jedem Fall das gigantische Ausmaß der Ölpest im Golf von Mexiko. Selbst vom Ölkonzern BP, der in der Informationspolitik bislang vor allem auf Beschwichtigung setzte, kursiert eine Worst-Case-Schätzung von 60.000 Barrels täglich. Diese Zahl soll bei einem Treffen mit Kongressabgeordneten in Washington gefallen sein.

Um genauere Angaben machen zu können, fordern Experten nun von BP die Freigabe weiterer Videos, bzw. von zusätzlichen Daten, die die Roboter am Meeresgrund liefern könnten.

"If they took about 20 or 30 seconds of video with a very specific purpose of measuring flow rates, which means having the ROV (remotely operated vehicle) stay completely still or parked on the bottom, and you got video of the plume close to the leak, and if it was illuminated and with high resolution, then you could get pretty good estimates of the flow rates." Timothy Crone, Columbia University

Diese Analysen werden aber von anderen Experten stark angezweifelt, weil ihrer Ansicht nach der Gas-Anteil nicht genügend beachtet würde. Wie auf dem veröffentlichten Video deutlich zu sehen sei, ströme nicht nur Öl, sondern auch Wasser und Gas aus dem Leck. Vertrauenswürdigere Schätzungen könne man erst dann anstellen, wenn es BP gelänge, tatsächlich eine Glocke auf das Leck zu setzen, um das ausströmende Öl anzufangen.

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