Ölpest: Die Angst vor weiteren Lecks

Mittlerweile ist man gegenüber Erfolgsmeldungen im Golf von Mexiko skeptisch - und gegenüber künstlichen Rettungsinseln

Die Erfahrung mit unvorhergesehenen Schwierigkeiten hat das Krisenmanagement im Golf von Mexiko skeptischer werden lassen. So wird auch die Erfolgsmeldung vom Wochenende - "Der Ölaustritt aus dem Leck am Bohrloch ist bis auf weiteres gestoppt" - mit Vorsicht bewertet. Bei BP zeigt sich das mit Hinweisen darauf, dass die Funktionstüchtigkeit der Systeme, die in dieser Tiefe noch nie zuvor probiert wurden, nicht gewährleistet sei. Unsicherheit gibt es vor allem wegen der Druckmessungen an der Quelle; Werte, die man bislang gemessen hat, liegen unter dem erwarteten Soll.

Selbst wenn die Messungen während der Tests leicht ansteigende Werte zeigten, bleibt man hier besonders hellhörig. Niedrige Werte könnten Zeichen für ein weiteres Leck (oder mehrere) an der Quelle sein. In diesem Zusammenhang drückt der Brief, den Thad Allen, Chef des Krisenmanagements seitens der US-Regierung, an BP schrieb einige Beunruhigung aus. Denn dort ist von "Aussickerungen" (i.O. 'hydrocarbon seepage') die Rede.

Was am Meeresboden in der Nähe der Quelle genau austritt und welcher Menge ist völlig unklar. In technischen Foren ( hier und hier) verweist man darauf, dass ROVs bei Erkundungstouren in einiger Entfernung zur Bohrung möglicherweise auf eine poröse Stelle der Rohrleitung gestoßen sind. Es wird für plausibel gehalten, dass auch Öl "oberhalb der Salzschicht, die das Reservoir abdeckt, aus einem beschädigten Casing austritt", um dann an einer Schwachstelle aus dem Boden aufzusteigen. Die Informationslage dazu ist diffus.

Feststeht bislang nur, dass Allen in seinem Brief fordert, dass BP solche Austritts-Möglichkeiten schnell und genau untersuchen soll. Darüber hinaus verlangt Allen einen schriftlichen Verlaufsplan von BP für den Fall, dass die Ventile - sollten sich die Vermutungen bestätigen - rasch wieder geöffnet werden. Allen fordert, dass der noch laufende Well Integrity Test jederzeit unterbrochen werden kann. Da das Ultimatum des Allen-Briefes mittlerweile ausgelaufen ist und die Tests weitergehen, scheint die Gefahr durch neue Lecks am Meeresboden aber derzeit zumindest nicht dramatisch.

Gemutmaßt wird, dass BP dem Öffnen der Abdichtungen nicht nur deswegen mit einigem Widerwillen gegenübersteht, weil dann wieder Öl ins Meer austritt, bis es über Leitungen auf bereitstehende Schiffe abgesaugt werden kann, sondern auch, weil man dank der neuen Abdichtungsapparatur auch die Menge des austretenden Öls genau messen kann - was verlässlichere Rückschlüsse auf die zuvor schon ausgetretene Ölmenge zuließe. Das wäre bei der juristischen Behandlung der Ölpest keine unwichtige Größe.

Blow Out Preventer zur Billiginsepktion nach China

Zumal man laut einem Bericht des Guardian einem weiterem Faux Pas des Konzerns auf der Spur ist: Angeblich hatte BP veranlasst, den Blow Out Preventer der Deepwater Horizon-Bohrinsel, dessen Rolle beim Unglück Gegenstand einer laufenden Untersuchung ist, 2005 zur Inspektion nach China zu geben, weil dies dort kostengünstiger ist. Zwar beteuern Experten, dass dies gängige Praxis sei, anderseits wenden Fachjuristen ein, dass damit BP - und nicht der Hersteller des BOPs - zur Verantwortung gezogen werden könnte, da der chinesische Vertragspartner kaum für Schadensersatzzahlungen in Pflicht zu nehmen wäre und der BOP-Hersteller damit argumentieren könnte, dass das Gerät in China wesentlich modifiziert wurde.

Künstliche Inseln als Ölbarrieren

Mit welchen komplexen Problemstellungen die Ölpest im Golf von Mexiko und Versuche, weitere Schäden so gut wie möglich zu verhindern, zu tun haben, zeigt eine spektakuläre Rettungsaktion in Louisiana. Dort versucht man nach dem Motto, wonach eine einfache Lösung oft die beste ist, vor der Küste künstliche Inseln aufzuschütten - als bessere Barriere gegen angeschwemmte Ölklumpen und Ölschlier, die das Marschland an der Küste gefährden.

Bis zu 128 Meilen solcher künstlicher Barriereneilande ( Foto) sind geplant, 45 Meilen wurden bereits von der Regierung genehmigt, bezahlen soll BP. Das geologische Fundament sind Reste früherer Inseln. Doch gibt es vehemente Kritik gegen diesen Rettungsversuch, der zu spät kommt, zu lange dauert, zu viel Arbeit und Material verbraucht und zu wenig Öl aufhält. Wissenschaftler befürchten obendrein, dass diese Barrieren die Strömungsverhältnisse so verändern könnten, dass die Biotope im Marschland von Erosion gefährdet sind und auch das Öl noch weiter ins Feuchtland treiben könnten.

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