Ölpreis: Unklarer Trend, wachsende Risiken

US-Onshore-Förderung hat vor 15 Monaten ihren Höhepunkt überschritten und fällt weiter. OPEC pumpt hingegen mehr und der globale Bedarf steigt kontinuierlich

Wohin steuert der Ölpreis? Seit Anfang Juni ist er mal wieder auf Talfahrt. Ein Standardfass (Barrel, 159 Liter) der US-Sorte WTI kostet derzeit ein 42,65 US-Dollar, für das europäische Gegenstück Brent muss 44,35 US-Dollar pro Fass bezahlt werden.

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Das wird auch noch so weiter gehen, meint ein Autor auf Oilprice.com. Die Lagerbestände an Rohöl und Treibstoffen seien in den USA auf Rekordniveau, auch wenn sie seit zehn Wochen abnehmen. Nun stehe eine Revisionsphase in den Raffinerien bevor, die in den letzten Jahren jeweils bis Oktober gedauert habe. In dieser Zeit werden die Anlagen überholt und weniger Rohöl verarbeitet. Entsprechend sei damit zu rechnen, dass die Nachfrage wie in den Vorjahren zurückgehe. Hedgefonds würden bereits aufhören, auf steigende Ölpreise zu wetten.

Und langfristig? Da sieht die Lage ganz anders aus, heißt es bei Core Laboratories, einem Unternehmen, das sich auf die Analyse und Produktivitätssteigerung von Lagerstätten spezialisiert hat. In einer Pressemitteilung wird die Aussicht auf dem amerikanischen Ölmarkt analysiert.

Die sei dadurch geprägt, dass das Angebot sinke und die Ölimporte steigen. Die US-Onshore-Produktion habe im März letzten Jahres ihren Höhepunkt überschritten. Seitdem sei sie um eine Million Barrel pro Tag zurück gegangen. Dieser Trend werde sich bis ins nächste Jahr fortsetzen. Für 2016 wird bis zum Jahresende mit einem Netto-Rückgang der US-Förderung – neue Offshore-Projekte eingerechnet – von 940.000 Barrels täglich gerechnet. Entsprechend würde bald Preisauftrieb einsetzen.

Bei der Internationalen Energy Agentur (IEA) ist man nicht ganz so pessimistisch. Dort lautet die Prognose, dass in den Nicht-OPEC-Förderländern (also neben den USA u.a. auch Russland, Norwegen, Großbritannien, Dänemark und Deutschland) die Förderung 2016 um 900.000 Barrels pro Tag zurückgehen werde. Die Förderung der OPEC-Staaten sei im Juni um 400.000 Barrels pro Tag gestiegen, habe die sinkende Förderung der anderen Länder aber nur zum Teil ausgleichen können.

Und was heißt das alles für den Preis? Zum einen zeugen auch die IEA-Daten davon, dass sich Angebot und Nachfrage wieder annähern und die Nachfrage vielleicht schon bald dominiert und entsprechend den Preis nach oben treibt. Die IEA sah im zweiten Quartal eine Steigerung des globalen Verbrauchs um 1,4 Millionen Barrel pro Tag gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt werden derzeit täglich 96 Millionen Barrel verkauft. 2017 werden es nach IEA-Prognose 97,4 Millionen Barrel pro Tag sein. Andererseits geht die IEA aber davon aus, dass pessimistische Erwartungen an das globale Wirtschaftswachstum weiter auf den Preis drücken werden.

Mit anderen Worten: Bisher ist kein klarer Preistrend auszumachen, aber die Abhängigkeit der globalen Ökonomie vom Rohöl nimmt weiter zu und damit auch die potenziellen Risiken.

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