Offline gehen, indem man online bleibt

Neben der Spur

Eine neue App aus den Hauptstadtschmieden Berlins soll uns helfen zu entspannen. Indem sie uns auf die Finger schaut.

Zur Abwechslung wollen wir den Montagmorgen (bitte nach diesem Artikel) einmal mit einer kleinen Offline-Übung beginnen. Wir nehmen unseren Blick vom Schirm oder vom mobilen Display, wenden ihn langsam, nicht zu schnell, dem Ausschalter zu. Dann holen wir tief Luft und ... schalten aus. Einfach so. Das halten wir zirka drei Minuten aus, dann lassen wir uns vom sorgsam bereitgestellten Notfallteam beatmen und gehen wieder online.

Oder so.

Offline zu sein und zu entspannen, fällt scheinbar immer schwerer. Eine von Alexander Steinhard an der Humboldt Universität entwickelte App soll uns dabei helfen, das leichter zu bewerkstelligen. Nun, da kommt uns Humboldt gerade recht. Immerhin war der gute Mann in Südamerika für Monate offline - oder wäre es gewesen, wenn es zu Zeiten seiner Forschungsreisen schon das Internet gegeben hätte.

Die App offtime (überraschend hergeleiteter Name übrigens) macht es uns einfach, einfach einmal nicht erreichbar zu sein. Indem wir sagen, zu welchen Zeiten wir von wem erreicht werden wollen. Und indem die App einfach automatische Antworten an die schickt, die es eben nicht zu uns schaffen. Gut, keiner wird sich trauen, einen kleinen Schrieb an seinen eigenen Chef mit den Worten "Es ist jetzt 20:00 Uhr, ich schau mir höchstens noch die Tagesschau, aber nicht Dein Geseiere an" automatisch zu beantworten. Der darf natürlich immer zu uns durch. Mama auch, und auf jeden Fall die eigene Herzensdame, keine Frage. Warum immer sie auch nachts um zwei Uhr nicht neben uns liegt, sondern eher vor einer Kneipe "dringend jetzt" mit uns plaudern muss. Könnte Liebe sein.

Offtime kann noch mehr, denn die App beobachtet unser Verhalten. Also nicht das vom Primaten abstammende. Oder eben doch, denn über Monate lässt sich die Nutzung anderer Apps auf dem Mobile tracken und dann in Informationen kleiden wie: "Also, der Harald, immer so gegen 10:30 Uhr an Donnerstagen ist der auf Facebook und nicht voll und ganz in der Teambesprechung zu finden." Und dann lässt sich der Zugang zu genau solchen Ablenkungen einschränken. Automatisch.

Gut, das wird dann so gut funktionieren wie das Vorhängeschloss an einem Kühlschrank. Das ist ja auch nachts um 23:00 Uhr eigentlich voll funktionsfähig, kann aber der Einwirkung der eigenen Schrotflinte auch nicht widerstehen.

In etwa so wird offtime nützlich sein, bis die beblockte Tante sich des guten alten Festnetzanschlusses erinnert. Aber bis dahin herrscht wieder himmlische Ruhe in der eigenen Hütte. Wenn man jetzt nur Zugang zu Facebook hätte, dann wäre alles gut.

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