Oh wie schön ist Panama

Operation Just Cause Lizenz: Public Domain

Vor 30 Jahren marschierten die USA in Panama mit "eingebetteten Journalisten" ein

Jahrestage politischer Ereignisse, bei denen Tausende Todesopfer zu beklagen sind, werden häufig zum Anlass für Artikel genommen – wenn sie ins Narrativ passen. Während viele Medien dieses Jahr an die vor 30 Jahren erfolgte Demonstration auf dem Tien'anmen-Platz mit schließlich 2.600 Toten erinnerten, ist die an Weihnachten 1989 erfolgte Invasion in Panama mit rund 4.000 Toten in Deutschland offenbar nur linken Medien einer näheren Erwähnung wert, sowie kurioserweise auch dem Domradio, da der Showdown der Invasion an der Botschaft des Vatikans in Panama erfolgte.

Die Zurückhaltung deutscher Medien ist auf den erste Blick erstaunlich, denn die Geschichte ist reich an Skurrilem und lehrreich für die Bewertung US-amerikanischer Außenpolitik. Die kollektive Amnesie der Qualitätsmedien passt jedoch zur einhelligen Verklärung des Unternehmers, CIA-Chefs und Präsidenten George Herbert Walker Bush (Auf den Hund gekommen).

Subversive Eingriffe in Panama durch die USA hatten Tradition. Bereits die Staatsgründung durch Loslösung von Kolumbien von 1903 verlief unter Regie der Wallstreet. Die Vollendung des Panama-Kanals wurde seinerzeit durch die Industriekanzlei Sullivan&Cromwell gemanagt, die mit schmutzigen Tricks etwa Unruhen inszenieren ließ, um dem US-Militär einen Vorwand zu liefern, zum angeblichen Schutz von US-Amerikanern in der Region zu intervenieren. An beiden Ufern des Kanals sicherten sich die USA auf einem 8 km breiten Streifen Hoheitsrechte, die sogenannte Panama-Kanalzone. Dort entstand eine Art Apartheid-System, das Kanalarbeiter schwarzer Hautfarbe von weißen US-Amerikanern trennte.

Schule der Amerikas

1946 eröffnete das US-Militär dort die Escuela de las Américas, in dem lateinamerikanische Söldner in der Kunst des Kampfes gegen Kommunismus ausgebildet wurden, nämlich durch Foltern, Massakrieren und Unterdrücken. Aus dieser Schule rekrutierten sich diverse rechtsgerichtete Diktatoren, zu denen Washington herzliche Beziehungen pflegte. Die späteren Chefs von Sullivan&Cromwell, die Dulles-Brüder, kontrollierten in den 1950er Jahren die republikanische Partei und bauten die CIA auf. Der US-Geheimdienst manipulierte unter dem Vorwand nationaler Sicherheitsinteressen stets auch zugunsten der US-Industrie, die ihr Auslandsgeschäft überwiegend über Sullivan&Cromwell abwickelte.

Zu den Absolventen der Folter-Schule gehörte auch der Charismatiker Omar Torrijos, der nach einer Serie instabiler Regierungen und Putsche schließlich der starke Mann in Panama wurde. Erstmals konnten sich auch die Einheimischen mit ihrem aus dem einfachen Volk stammenden Staatschef identifizieren. Torrijos errichtete eine rechte Diktatur, pflegte persönliche Freundschaft mit Hitler-Verehrer John Wayne und erwies sich standesgemäß korrupt als verlässlicher Partner Washingtons.

Dennoch sinnierte Torrijos über den Bau eines konkurrierenden Panama-Kanals. Als nach dem Watergate-Skandal im Weißen Haus der Demokrat Jimmy Carter einzog, forderte Torrijos die Kontrolle über die Panama-Kanalzone ein. Schließlich einigte man sich auf eine Rückgabe zur Jahrhundertwende, sofern Panama die Sicherheit des Kanals durch eigenes Militär garantieren könne.

Freundlicher Diktator

Den nächsten Regierungswechsel in den USA, wo als Vizepräsident nunmehr der ehemalige CIA-Chef George Herbert Walker Bush die Außenpolitik bestimmte, überlebte Torrijos nur acht Monate. Bei schlechtem, aber keineswegs unbeherrschbarem Wetter zerschellte Torrijos Flugzeug aus ungeklärter Ursache. Zeugenaussagen über Explosionen, die nicht zur Version vom „Pilotenfehler“ passten, wurden nicht in den Untersuchungsbericht aufgenommen. Diverse Indiskretionen und Andeutungen nähren den Verdacht, dass es sich um einen Anschlag seines eigenen Geheimdienstchefs handelte: Oberstleutnant Manuel Noriega, ebenfalls Absolvent der Schule für Todesschwadronen und langjähriger CIA-Agent.

Noriega war unter Carter von der CIA-Payroll gestrichen, dann aber in der Reagan-Ära von CIA-Chef Casey wieder in Dienste genommen worden. Formell verzichtete Noriega auf eine Rolle als Staatschef und nannte sich „Chef der Nationalgarde“, tatsächlich jedoch war er der Mann, mit dem man in Panama nun zu reden hatte. In enger Partnerschaft mit der CIA baute Noriega mit dem kolumbianischen Medellin-Kartell einen Drogenhandel auf, der ausgerechnet die USA mit Kokain überschwemmte. Mit Dreiecksgeschäften finanzierte die CIA ihre schmutzigen Kriege etwa gegen sogenannte linksgerichtete Sandinisten in Nicaragua und El Salvador, ohne dass der US-Kongress oder Bürokraten in Washington um Bewilligung von Geldern ersucht werden mussten.

Der berühmteste Deal dieser Art wurde 1985 als Iran-Contra-Skandal bekannt, dessen Spuren bis ins Weiße Haus führten und die Regierung in Verlegenheit brachten (Der tiefe Staat des George H. W. Bush). Nunmehr war CIA-Agent Noriega, der ins Visier der mit der CIA rivalisierenden US-Drogenfahndung geraten war, unhaltbar geworden. Damit nicht genug, betrieb Noriega die Politik Torrijos fort und wollte sogar die US-Folterschule schließen. 1988 richtete Noriega gar ein Treffen mit lateinamerikanischer Staatschefs aus, die sich gegen weitere US-Interventionen auf ihrem Kontinent aussprachen.

Unfreundlicher Diktator

Reagan änderte seine Politik gegenüber dem einstigen Partner und fror die Konten Panamas in den USA ein. Auch die US-Medien stenografierten servil Bushs Propaganda, Noriega sei Drogenschmuggler Nr. 1, obwohl die CIA selbst tief in den Schmuggel verstrickt war. Die US-Presse präsentierte den mit pockenartigen Narben verunzierten Noriega als „altes Ananas-Gesicht“ und dämonisierten ihn als korrupten und brutalen Diktator, obwohl dies praktisch für jeden befreundeten Diktator zutraf. Noriega erschien der US-Öffentlichkeit als Super-Schurke, auch der James Bond-Film des Jahres 1989 (Die Lizenz zum Töten) bediente Bushs edlen Kampf gegen Drogenbarone.

Diktaturen ohne Kontrolle durch die CIA waren Washington dann doch nicht geheuer, zumal Noriega zu viel über die peinlichen Geschäfte von Bushs Geheimdiensten mit den Drogenhändlern wusste. Außerdem war Carters Vertrag zur Übergabe der Kanalregion an die Bedingung geknüpft, dass das Land in der Lage sei, den Kanal zu verteidigen - was bei Wegfall eines intakten Militärs obsolet würde. Zufällig suchte auch das Pentagon, dem mit der Sowjetunion der Hauptfeind weggebrochen war, eine neue Beschäftigung, etwa zum Test neuer Waffensysteme wie Apache-Helikopter und lasergesteuerte Bomben.

Der neue Präsident Bush hatte bereits im Laufe des Jahres die Anzahl der Truppen zum Schutz von US-Amerikanern erhöht. Das US-Militär provozierte durch Präsenz außerhalb des US-Hoheitsgebiets, trotzdem lieferte Noriega zunächst keinen casus belli. Nachdem Noriega diverse Wahlergebnisse in Panama nicht anerkannte und einen offenbar CIA-unterstützten Putschversuch abwehren konnte, ließ er sich am 15.12.1989 nun auch formal zum Regierungschef mit außerordentlichen und zeitlich unbeschränkten Rechten krönen.

"Gerechter Anlass"

Am 16.12.1989 jedoch wurde ein Marine in Zivil erschossen, weil sich dieser mit drei anderen unbewaffneten Soldaten einer Fahrzeugkontrolle entzogen habe. Nach anderer Darstellung soll es sich um ein bewaffnetes Geheimkommando gehandelt haben, das Noriega ausschalten sollte.

Bereits am 20.12.1989 begann die Operation Just Cause (gerechter Anlass) mit der größten Luftlande-Operation seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Invasion von über 26.000 Soldaten wurde von der Presse als "chirurgischer Eingriff" präsentiert. Tatsächlich jedoch warf das US-Militär nachts 400 Bomben auf Wohnviertel. Die Soldaten schossen in dieser Nacht auf alles, was sich bewegte, darunter Frauen und Kinder. Tausende an Leichen wurden in mit Bulldozern ausgehobenen Massengräbern verscharrt, am Strand verbrannt oder ins Meer geworfen. Systematisch setzten Soldaten Tausende Holzhäuser in Brand, 40.000 Menschen verloren ihre Unterkunft.

Alle Männer unter 55 Jahren wurden in errichtete Camps verbracht, verhört und in Datenbanken erfasst. Manche Häuser wurden über 20 Mal durchsucht. Gewerkschafter, Politiker, Professoren und bekannte Künstler wurden unter Vorwänden festgenommen, jedoch nie formal angeklagt. Trotz Zeugenaussagen über Hinrichtungen von Gefangenen wurden die USA hierfür nie belangt.

"Eingebettete Journalisten"

Zeugen waren unerwünscht. Einheimische Zeitungshäuser wurden durchsucht und eingeschüchtert, um Fotos und insbesondere Videofilme zu verhindern. Als der 32jährige spanische Journalist Juantxu Rodríguez, der für die Zeitung El País berichtete, eigenmächtig Leichen fotografierte, wurde auch er von US-Soldaten erschossen. (Auch dieses Opfer scheint für deutsche Journalisten oder US-finanzierte Organisationen wie "Reporter ohne Grenze" kein Anlass zum Gedenken an den Kollegen zu sein.)

Seit dem der Vietnamkrieg vor allem durch schlechte Presse und ikonische Fotos an der Heimatfront verloren wurde, war das Pentagon in Medienangelegenheiten besonders sensibel. Daher kontrollierte man systematisch die PR, indem man kooperative Journalisten einbettete und ihnen nur das zeigte, was sie sehen sollten.

Nach Protest der Organisation Amerikanischer Staaten vom 22.12.1989 scheiterte eine Verurteilung der USA im der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am 23.12.1989 am Veto der USA, Frankreichs und Großbritanniens. Die USA hätten das Recht, die Sicherheit ihrer rund 35.000 Landsleute in der Region zu verteidigen. Außerdem mache man sich ja um die Wiederherstellung der Demokratie verdient. Tatsächlich allerdings durchsuchten die USA alle Büros etwa oppositioneller oder sonst wie lästigen Organisationen und zerstörten dieses systematisch.

Als hingegen die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 29.12.1989 mehrheitlich die Invasion verurteilte, berichteten dies die US-Medien einfach nicht. Folglich entging dieses Detail auch deutschen Journalisten. Die eigentlichen Kampfhandlungen waren ohnehin schon beendet.

Befreier

Die Medien übernahmen das patriotische Narrativ des Pentagons, ignorierten die massiven Menschenrechtsverletzungen und konzentrierten sich stattdessen auf die Jagd nach der zunächst utergetauchten "alten Ananas". Die Tatsache, dass sich Noriega in nichts von anderen mit den USA befreundeten Despoten unterschied (wie etwa dem damals noch gelittenen Saddam Hussein, der gleichfalls von der CIA aufgebaut worden war), fiel unter den Tisch.

Um das Publikum vom völkerrechtswidrigen Überfall auf ein fremdes Land und Massaker an der Zivilbevölkerung abzulenken, bot die PSIOP-Abteilung den Medien eine originelle Show: Noriega, der sich verspekuliert hatte, suchte unerwartet Zuflucht in der Vatikanbotschaft, die selbst den USA als wichtigem konservativen Verbündeten des Papstes heilig war. Statt einer Stürmung beschallte man die Botschaft mit lauter Rockmusik, die Noriega psychologisch zermürben sollte. Die Noriega Playlist wurde legendär. Obwohl die Musikauswahl durchaus geschmackvoll war, kapitulierte der Diktator schließlich am 03.01.1990 mangels Alternativen und wurde in den USA verurteilt.

Blinde Flecken

Die US-Presse hielt das Narrativ vom sauberen Blitzkrieg durch und betrauerte patriotisch den Heldentod von 26 getöteten US-Soldaten. Europäische Medien trauten sich zwar, auch von Tausenden getöteten Einheimischen zu berichten, folgten aber im Großen und Ganzen dem US-Narrativ. Der SPIEGEL berichtete vom Jubel der US-Amerikaner über ihren starken Präsidenten, ohne die apokalyptischen Zustände in Panama näher zu erwähnen. Tatsächlich aber waren 75% der Menschen in den vertuschten Massengräbern Zivilisten, der 20. Dezember ist in Panama heute ein Staatstrauertag.

Der von den USA eingesetzte neue Präsident schrieb in der Verfassung fest, dass Panama fortan auf eine eigene Armee verzichtete. Mithin schien die zwischen Carter und Torrijos ausgehandelte Vereinbarung über die Kanalzone obsolet. Unter der neuen Regierung Clinton verließ das Militär die Region aber trotzdem, denn inzwischen hatte Lateinamerika begriffen, dass die USA auch ohne Stützpunkt vor Ort in der Lage sind, jedes beliebige Land der Welt anzugreifen. Nachdem dies für den Hinterhof der USA geklärt war, nahm man sich fortan der Arabischen Welt an.

Die Panama-Lüge

Nicht alle Journalisten ließen sich so willfährig einseifen. Barbara Trent und David Caspar, die bereits zum Iran-Contra-Skandal recherchiert hatten, gaben der Zivilbevölkerung ein Gesicht. Dem Vorwand, es habe sich um einen Krieg gegen die Drogen gehandelt, hielten sie entgegen, dass sich die Drogenexporte seither sogar verdoppelt hatten. Ihre Dokumentation The Panama Deception wurde 1993 mit dem Oscar ausgezeichnet. Dennoch hatte bislang kein deutscher Sender Interesse an einer Ausstrahlung. Solange es die Gebührenzahler akzeptieren, dass karrierebewusste Senderintendanten Washington lieber von der Atlantikbrücke aus huldigen, wird sich das auch nicht ändern.

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