Panama Papers: Wie objektiv ist die Recherche?

400 international vernetzte Journalisten teilen sich einen Schatz

Die Panama Papers markieren nicht nur einen Meilenstein im investigativen Journalismus, man muss eigentlich schon von einer tektonischen Plattenverschiebung sprechen. Ein “International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ)” aus 400 Journalisten recherchierte ein Jahr unter dem Siegel der Verschwiegenheit und hatte Zugriff auf die bislang größte Masse an vertraulichen Daten. Mit dem isländischen Premierminister, der seine finanziellen Angelegenheiten kreativ gestaltete, ist bereits der erste Staatschef so gut wie erledigt.

Doch bereits wenige Stunden nach den ersten Veröffentlichungen witterten Kritiker eine selektive Darstellung. So fiel manchen auf, dass MossFon kaum nennenswerte Kunden aus den USA haben soll. Dem gegenüber treffen die Enthüllungen der ersten Berichtswelle vor allem Personen aus Simbabwe, Nordkorea, Russland und Syrien - Länder, die das US-Außenministerium auf dem Kieker hat. Das macht die Vergehen zwar nicht besser, wirft aber Fragen zur Neutralität der "vierten Gewalt" auf.

Craig Murray, als ehemaliger britischer Botschafter mit diplomatischen Verlogenheiten gut vertraut, weist auf die Versicherung des Guardian hin, es werde viel Material vertraulich bleiben. Das Vertrauen mancher Whistleblower im Dunstkreis von WikiLeaks zum Guardian gilt schon länger als gestört. Murray verweist vor allem auf die Finanzierung der vernetzten Rechercheure von ICIJ durch das USA's Center for Public Integrity. Dort finden sich noble Spender wie Ford Foundation, Carnegie Endowment, Rockefeller Family Fund, W K Kellogg Foundation und Open Society Foundation (George Soros).

In der Tat wird man fragen müssen, wie unabhängige Journalisten etwa von solch mächtigen Lobbyisten schamlos Geld nehmen können. Doch die Frage ist eher akademisch, denn vor allem in den USA gehören nahezu alle großen Medienhäuser direkt zu Industriekonsortien. Wer im Geschäft bleiben will, wird schon schon darauf achten, was er über wen sagt, und was besser nicht. Vielleicht bieten die nächsten Schübe der Panama Papers ein ausgewogeneres Spektrum. Gut möglich, dass die Aufteilung auf 400 Schultern manchen Interessenkonflikt relativiert.

Julian Assange jedenfalls rief den unbekannten Whistleblower auf, sein Material auch mit WikiLeaks zu teilen, damit sich ähnlich wie bei Cable Gate usw. jeder eine eigene Meinung bilden kann. Wie allerdings die Erfahrung zeigt, führt das Leaken von Rohdaten nur bedingt zu einem Impact: Um aus Informationen brauchbaren Journalismus zu machen, benötigt man handwerklich versierte Autoren. Für Verlage lohnt sich jedoch das Finanzieren einer vertieften Recherche vor allem dann, wenn eine Story exklusiv ist und nicht einen Tag vor eigener Veröffentlichung beim Mitbewerber erscheint.

Exklusivität scheint der Süddeutschen gelungen zu sein. So haben die Panama Papers den SPIEGEL, der sich als Marktführer im investigativen Journalismus wähnt, nahezu deklassiert. Erst um 21.35 Uhr erschien gestern bei SPIEGEL online die erste Meldung zum Thema.

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