Persönliches Drama oder die Schuld des Unternehmens?

Eine Selbstmordwelle unter Angestellten bei France Telekom offenbart die Kluft zwischen Unternehmer-Räson und dem, was den Mitarbeitern wichtig ist

17 Selbstmordversuche von France Telekom-Mitarbeitern in den vergangenen 15 Monaten, darunter acht mit tödlichem Ausgang, meldet alarmiert das "Observatorium für Stress und der erzwungene Mobilität von France Telekom". Für die Vertreter der von der Gewerkschaft gegründeten Einrichtung und für Angehörige ist evident, dass das Unternehmen und die Bedingungen am Arbeitsplatz für die Selbstmorde verantwortlich zu machen sind.

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Gegründet wurde das Observatoire du stress et des mobilités forcées de France Telecom im Sommer 2007, in der Umstrukturierung, die auf die Privatisierung folgte, die Tausende von Arbeitsplätzen zerstörte (Abbau von 40.000 Stellen zwischen 1996 und 2006) und Tausende von Mitarbeitern zu größeren Umstellungen zwang ("mobilités forcées", z.B. längere Wege zur Arbeit, weil Filialen aufgelöst wurden, neue Arbeitszeiten, neue Arbeitsplätze - Techniker, die in den Bürodienst oder Verkauf delegiert werden, etc.). Die von Gewerkschaften gegründete Organsation sollte die Leiden am Arbeitsplatz analysieren und helfen, Gegenmittel zu finden.

Jetzt hat man genug, heißt es im Observatoire, man will sich von Erklärungsversuchen seitens der France-Telekom-Führung, die den Blick auf das "persönliche Drama" richten, nicht mehr abspeisen lassen. Die Unternehmensleitung sollte endlich Stellung nehmen, ihre Verantwortung einräumen:

"Wir haben genug davon, die Toten zu zählen und immer die gleichen Worte bei France Telekom zu hören, Phrasen im Stil von 'War er nicht ein Alkoholiker?', 'Krank?' oder 'Gab's da nicht eine Scheidung?' Die Direktion sucht ohne Unterlass nach einem persönlichen Motiv, um ihrer Verantwortlichkeit zu entkommen. Natürlich, ist hier eine Auseinandersetzung nötig.[...] Die Ursachen für einen Selbstmord sind manchmal gemischt. Aber bestimmte Handlungen sind unbestreitbar mit der Arbeit verknüpft und die Führung weiß das."

Tatsächlich drückt sich in manchen der Abschiedsbriefe, die von der Gewerkschaftseinrichtung und von der Presse zitiert werden, eine direkte Verbindung mit der Arbeit aus. "Ich kann es nicht mehr in dieser Hölle aushalten und Stunden vor einem Bildschirm verbringen wie ein echter Hampelmann", hinterlässt ein 54jähriger Familienvater, der sich vor einen Zug stürzte. Ein anderer Selbstmörder schreibt davon, dass ihm die neuen Arbeitszeiten das Leben unmöglich gemacht haben; zitiert wird darüber hinaus auch der Fall eines Mitarbeiters, der mit den neuen Techniken nicht zurechtkam.

Das Durchschnittsalter der Angestellten bei France Telekom liege bei 49 Jahren, erklärt ein Gewerkschaftler gegenüber der Zeitung France Soir. Viele seien, nachdem sie zwanzig Jahre oder länger denselben Posten innegehabt haben, nach der Privatisierung radikalen Veränderungen unterworfen gewesen. Zu Anfang hätte man diejenigen, die gehen sollten, noch gut abgefunden, das habe sich aber geändert. Jetzt würde man die Angestellten zur Kündigung drängen, ohne dass man ihren Ausstieg mit ernstzunehmenden Maßnahmen begleite. Einem fünfzigjährigen Techniker würde man gerade noch zwischen 15 und 30 Monaten Gehalt bezahlen. "Aber wie sollen diese Menschen danach weiterleben?"

France-Telekom-Sprecher, Laurent Zylberberg, verantwortlich für die sozialen Beziehungen, spricht gegenüber der Presse von einem "Signal" - "Wenn es zu solchen Dramen kommt, ja, dann ist es ein Signal" - und einer internen Untersuchung, die man eingeleitet hätte und welche für solche Fälle vorgesehen sei, wenn ein Angestellter die Führung verantwortlich mache. Eine mögliche Beteiligung des Unternehmens an dem Phänomen der Selbstmorde wollte er nicht komplett ausschließen, "denn wir haben durch die Ereignisse das Gefühl, darin verwickelt zu sein. Das ist individuelles wie kollektives Scheitern. Das ist eine echte Beunruhigung, die wir nicht leugnen".-

Das Eingeständnis, das die Belegschaft gerne gehört hätte, wonach die Selbstmorde "unbestreitbar mit den Arbeitsebdingungen verknüpft sind", unterlässt er. Er glaubt nicht an eine "monokausale Erklärung", verweist, konfrontiert mit einem Einzelfall darauf, dass er nicht zu jener Art des Denkens neige, wonach es nur einen einzigen Grund gebe, Selbstmord zu verüben; er weist weiter darauf hin, dass die wirtschaftlichen Bedingungen die Kürzung der Arbeitsplätze notwendig gemacht hätten, dass die Abschaffung mancher veralteter Posten unumgänglich gewesen sei, dass diese Veränderungen und die Projekte nicht immer in "sozialer Harmonie" vonstatten gingen. Dass es für einen Angestellten schwierig sei, "sein Verhältnis zur täglichen Arbeit mit der Unternehmensstrategie in Beziehung zu setzen". Das gelte insbespondere auch für die "ökonomischen Imperative".

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Klar ist auch: Die Kluft zwischen Unternehmer-Räson und dem, was den Mitarbeitern wichtig ist, wird durch solche Erklärungen nicht kleiner. Es sind Paralleluniversen.

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