Pimp my Neuro-Signalfeuerungsrate!

Eine im Fachblatt Nature veröffentlichte Studie will die Ursachen für die altersbedingte Vergesslichkeit gefunden haben. Ein Gegenmittel wurde ebenfalls genannt.

Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht aus den Labors neue Mittel oder Methoden gegen die altersbedingte Vergesslichkeit gemeldet werden. Die Angst vor einer dementen Gesellschaft lässt weltweit Wissenschaftler nach den Grundlagen des Gedächtnis suchen. Eine jüngst im Fachblatt Nature veröffentlichte Studie will der Ursache der Vergesslichkeit auf die Spur gekommen sein. Ein Arzneistoff zur Therapie wurde ebenfalls genannt. Die genauere Analyse der Studie zeigt eher, wie sehr man noch am Anfang der Erkenntnis steht.

Die Forscher der Universität Yale haben das Arbeitsgedächtnis von sechs Affen in verschiedenen Altersstufen untersucht. Dafür zeichneten sie die Hirnaktivität während einer Aufgabe auf, bei der die Affen die Position eines Objekts auf einem Bildschirm erinnern mussten. Die Signalrate verschiedener Nervenzellen wurde aufgezeichnet, sodann wurde den Affen unterschiedliche chemische Substanzen in das Hirn injiziert und in einem wiederholten Versuch verglichen, ob die Signalraten sich veränderten. Grundsätzlich feuerten die Nervenzellen bei den beiden älteren Primaten langsamer. Nach der Injektion verbesserte sich die Signalrate; zumindest bei dem Wirkstoff Guanfacin, dessen Hersteller Shire Pharmaceuticals die Studie teilfinanziert hat.

Die Interpretation der Wissenschaftler: Im Hirn älterer Affen sammelt sich zu viel cAMP an. Diese Substanz gilt als sogenannter „second messenger“, also ein Botenstoff, der Signale von anderen Botenstoffe weiter leitet. CAMP hat diverse Funktionen, unter anderem öffnet es bestimmte Kanäle in den Wänden von Nervenzellen, durch die elektrische geladenen Ionen dringen. Klingt morbide, ist aber ein natürlicher Vorgang bei allen Primaten. Guanfacin hemmt nun das Vorkommen von cAMP im Hirn und die Nervenzellen feuern wieder öfter.

Bei der Interpretation der Studie ist Vorsicht geboten. Weder wurde die Leistungen der Affen untereinander, noch die Qualität des Arbeitsgedächtnis vor und nach der Medikamentenvergabe miteinander verglichen. Es kann durchaus sein, dass das potentierte Signal in den älteren Affen zu keiner Verbesserung ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit geführt hat. Nicht nur aus diesem Grund ist die Übertragung der Ergebnisse auf menschliche Fähigkeiten fehlerbehaftet. Die Ursachen von altersbedingter Vergesslichkeit sind, wie soll es anders sein, komplex und nicht nur auf eine Signalfeuerungsrate und vor allem nicht nur auf die Funktion des Arbeitsgedächtnis reduzierbar. Der Erfolg der Studie ist der Nachweis, dass die Vitalität der Nervenzellen nicht nur von ihrem eigenen Zustand, sondern auch vom Zustand ihrer Umgebung abhängt. Gleichwohl betrifft der organische Zerfallsprozess im Alter nicht nur ihre Fähigkeit zur cAMP-Verarbeitung.

Dass sich nun gleichwohl ausgerechnet auf cAMP konzentriert wird, hängt sicherlich mit den erhofften Vermarktungschancen des Wirkstoffs Guanfacin ab, der bislang vor allem bei AD(H)S eingesetzt wird. Ob die Beeinflussung des körpereigenen cAMP-Spiegels aber zum Erfolg führt ist ungewiss. Vor einigen Jahren hat die Biotech-Firma „Memory Pharmaceuticals“ durch ein genau gegensätzliches Vorgehen versucht ein besseres Gedächtnis zu schaffen. Der Wirkstoff mit Namen MEM 1414 sorgt dafür, dass mehr cAMP zur Verfügung steht und damit ein Signalweg länger aufrechterhalten wird. 2002 stieg der Pharmakonzern Roche ein und testete MEM 1414 an Alzheimer-Kranken, 2005 schied Roche aus der Kollaboration wieder aus, die Ergebnisse der Studie waren nicht vielversprechend genug.

Statt cAMP-Hemmern sollen nun cAMP-Potentierer für besseren Antrieb im Gehirn sorgen. Die Forscher in Yale rekrutieren Teilnehmer für eine Studie, die Guanfacin an älteren Menschen testen soll.

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