Piraten-Politiker schildert Beschneidung als traumatisches Erlebnis

Ali Utlu berichtet, dass der Eingriff sein sexuelles Empfinden dauerhaft beeinträchtigt

Der Ex-Moslem Ali Utlu koordiniert bei der Piratenpartei die LGBT-Arbeitsgruppe "Queeraten" mit. Letzte Woche gab der 40-Jährige dem schwul-lesbischen Berliner Stadtmagazin Siegessäule ein Interview, in dem er seine eigene Beschneidung als "schlimmsten Moment seines Lebens" beschreibt, der sich bei ihm als "totaler Horror […] für immer eingebrannt" habe. Gegen diese traumatische Wirkung konnte auch die Zerstörung einer Filmaufnahme des Beschneidungsfestes nichts ausrichten.

Der in einer hessischen Kleinstadt aufgewachsene Pirat erzählt, wie er im Alter von sieben Jahren zusammen mit seinem Bruder (ohne vorherige Ankündigung dessen, was man mit ihm vorhatte) in die Türkei verbracht und dort im Rahmen einer Festivität mit etwa 300 Gästen in einem Hinterzimmer ohne Betäubung beschnitten wurde. Weil er dabei starke Schmerzen erlitt und von männlichen Verwandten festgehalten wurde, vergleicht er den Vorgang mit einer Vergewaltigung, bei der das Opfer ebenfalls hilflos ist. Die Röcke, die er und sein Bruder nach dem Eingriff anziehen mussten, empfand er ebenso als zusätzliche psychische Belastung wie die Tänze der Sünnet-Düğün-Gäste um die weinenden Kinder herum.

Weiter zeigt sich Utlu der Auffassung, dass ihm mit der Vorhaut "auch eine Menge Lust genommen" wurde. So führt er beispielsweise Orgasmusschwierigkeiten darauf zurück, die er als junger Mann hatte, und schildert Stimmen von Betroffenen, bei denen die Empfindlichkeit der Eichel durch die Beschneidung so weit herabgesetzt wurde, dass der Geschlechtsverkehr mit Kondom unmöglich ist. Dies hält er insofern für besonders problematisch, als Beschnittene seiner Erfahrung nach häufig irrtümlich glauben, sie wären durch den Eingriff vor einer HIV-Ansteckung geschützt, weswegen sie entsprechend sorglos beim Geschlechtsverkehr agieren. Dass eine Religion eine Tradition wie die Beschneidung zulässt, obwohl sie nicht einmal in ihrem Heiligen Buch gefordert wird, war für den Piraten der Grund, warum er sich von seinem Glauben abwandte.

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, der seine Beschneidung am Freitag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung öffentlich erinnerte, hat dagegen vor allem den Applaus der Zuschauer im Gedächtnis. Und während Utlu vorschwebt, die Zirkumzision erst dann zu erlauben, wenn Kinder religionsmündig oder volljährig sind, wettert der Schriftsteller wie ein sunnitischer Mosebach gegen "Liberale", die nicht einfach an "unverhandelbare Prophetenvorgaben" wie die Beschneidung glauben, sondern "biegen und beugen, bis die Gottesliebe zur bloßen Ideentapete verkommt".

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