Prä-Cyberspace-Science-Fiction: "Welt am Draht"

Wie Fassbinder "Matrix" vorwegnahm

Rainer-Werner Fassbinder ist sicherlich kein typischer Genre-Regisseur und dort, wo er sich einmal des Erzählkorsetts von Filmgenres bedient hat (wie etwa im Western "Whity" oder im Krimi "Liebe ist kälter als der Tod"), bekommen seine Filme einen reflektierenden Charakter. Als er sich 1973 an die Dreharbeiten zum Fernsehfilm "Welt am Draht", nach der Romanvorlage "Simulacron-3" von Daniel F. Galouye machte, war er gleichzeitig mit der Produktion des Serienmörderfilms "Die Zärtlichkeit der Wölfe" (Regie: Ulli Lommel) beschäftigt - einem Stoff, der mehr über die Gesellschaft, aus der der Serienmörder stammt, sagt, als über diesen selbst. Und ganz ähnlich sah es dann auch mit dem Prä-Cyberspace-Science-Fiction "Welt am Draht" aus.

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Er erzählt in über 200 Minuten die Geschichte des Informatikers Fred Stiller, der die Nachfolge seines Freundes Henry Vollmer in einem "Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung" antritt. In diesem Institut wird ein neuartiger Supercomputer mit dem Namen "Simulacron" betrieben. Dieser erzeugt eine künstliche Welt, in der bereits fast 10.000 simulierte Menschen als Marketing-Tester leben. Um diese Menschen und ihre Aktionen so realistisch wie möglich zu gestalten, ist ein Betriebspsychologe mit dem Entwurf ihrer mentalen Eigenschaften beschäftigt. Henry Vollmer, der das Projekt zuvor betreut hat, scheint eine seltsame Entdeckung gemacht zu haben, die ihn zuerst den Verstand und dann das Leben gekostet hat. Weil Stiller einer der letzten war, der Vollmer lebendig gesehen hat, gerät er in den Kreis der Mordverdächtigten und beginnt Ermittlungen auf eigene Faust - die ihn auch in die simulierte Welt führen.

Simulacron

"Welt am Draht" dürfte für die zeitgenössischen Fassbinder-Zuschauer, die ansonsten vielleicht kaum mit Science-Fiction-Stoffen in Berührung gekommen sind, nicht leicht zu verdauen gewesen sein. Nicht nur ist das Simulationskonzept eines "Second Life" in den 1970er Jahren überaus utopisch gewesen, überhaupt bestand zu dieser Zeit erst wenig Kontakt mit Computern - zumindest im privaten Leben, wenngleich diese Geräte langsam erschwinglich wurden. In seinem Utopismus lässt der Film daher tief in die Mentalität der Ära blicken, welche Hoffnungen, vor allem aber welche Ängste angesichts der nun langsam auch ins Private vordringenden Maschinen bestanden haben mögen.

Dass sich "Welt am Draht" seinem Thema unter dem Motto des Kriminalfilms nähert, deutet aber schon darauf hin, dass die Befürchtungen vor einer missbräuchlichen Verwendung der Technologie wohl überwogen haben. Immerhin waren Computer der Größenordnung, wie sie im Film und Roman beschrieben werden, bis dato vor allem für militärische Zwecke bekannt gewesen und damit sozusagen "Feinde des Lebens". Den Nimbus als menschenfeindlich hat diese Technologie zudem seit ihrer Frühgeschichte mit sich herumgetragen. Er reicht von den Protestaktionen der Orgelspieler gegen Hollerith und sein Lochkarten-System bis hin zu den ersten Arbeitslosen, die auf die ab den 1970er Jahren Kosten computerisierter Automatisierung gehen.

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Ein Blick voraus ins Heute

Die von Kinowelt/Arthaus veröffentlichte Doppel-DVD des Films bringt ihn nach nunmehr fast 40 Jahren endlich wieder an eine breitere Öffentlichkeit; das Label hatte sich in der Vergangenheit bereits um die Aufbereitung des Fassbinder'schen Werks verdient gemacht. "Welt am Draht" schließt eine der wenigen noch verbliebenen Lücken. Positiv hervorzuheben ist auch das Beiprogramm der Veröffentlichung: Neben den bereits verfügbaren Kurzfilmen "Der Stadtstreicher" und "Das kleine Chaos" sowie der filmischen Biografie "Rainer Werner Fassbinder, 1977" von Florian Hopf und Maximiliane Mainka, findet sich darunter auch die 45-minütige Dokumentation "Fassbinders 'Welt am Draht' - Ein Blick voraus ins Heute", in der die Leiterin der Fassbinder-Foundation Juliane Lorenz noch einmal Beteiligte der Filmproduktion (etwa Kameramann Michael Ballhaus und Drehbuchautor Fritz Müller-Scherz) zu Wort kommen lässt. Daneben kommentieren Medienwissenschaftler und Informatiker die Visionen Fassbinders.

Etwa zeitgleich zur DVD erscheint im Berliner Matthes&Seitz-Verlag das komplette Drehbuch zum Film in Buchform. Wenn nun der längst vergriffene und nur noch im Antiquariat für viel Geld erhältliche Roman "Simulacron-3" auch noch einmal neu aufgelegt würde, wäre die Würdigung dieser fantastischen Technik-Utopie komplett.

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