Reallöhne sind im letzten Jahrzehnt gesunken

Vor allem die Einkommen aus Vermögen konnten im vergangenen Jahr zulegen

Der Aufschwung ist da, und er kurbelt dank steigender Löhne zunehmend die Binnennachfrage an - das ist zumindest die Sichtweise, die die Regierung und allen voran Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) nicht müde werden zu verkünden. Doch kritisieren Experten wie der Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft, Rudolf Hickel, die Aufschwungsrhetorik der Bundesregierung. Neueinstellungen seien oft zeitlich befristet, zudem entließen viele Unternehmen reguläre Beschäftigte, um Leiharbeiter einzustellen, so Hickel.

Dass die Lohnsituation bei weitem nicht so positiv ist, wie sie Schwarz-Gelb gerne darstellen möchte, unterstreicht nun auch die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung in ihrem Tarifpolitischen Jahresbericht. Laut dem Bericht stiegen die Tarifverdienste im Kalenderjahr 2010 in Gesamtdeutschland um 1,8 Prozent und damit weniger als im Vorjahr, wo noch eine Steigerung von 2,6 Prozent erreicht wurde. Da im selben Zeitraum die Inflationsrate bei 1,1 Prozent lag, bedeutet dies einen Reallohnanstieg von real 0,7 Prozent - eine ernstzunehmende Steigerung der Binnenkaufkraft sieht anders aus.

Deutlich zugelegt haben hingegen Unternehmens- und Vermögenseinkommen. Diese sind um ganze 13,2 Prozent gewachsen. Dies kann zu einem Teil mit den nominal um 0,2 Prozent gesunkenen Stundenlöhnen sowie der Zunahme der Arbeitsproduktivität um ein Prozent erklärt werden. Infolgedessen konnten die für den Exporterfolg der deutschen Wirtschaft wichtigen Lohnstückkosten 2010 um 1,3 Prozent gesenkt und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportunternehmen weiter gesteigert werden.

Grafik: WSI-Tarifarchiv/Hans Böckler Stiftung

Auch der längerfristige Trend in der Lohnentwicklung sieht aus Arbeitnehmersicht alles andere als positiv aus. Inflationsbereinigt sind die Bruttoeinkommen im Zeitraum von 2000 bis 2010 laut dem Jahresbericht der Böckler-Stiftung um vier Prozent gesunken. Es würde daher einen deutlichen Lohnanstieg brauchen, um die Verluste der vergangenen Jahre überhaupt wieder aufzuholen. Vorher kann von einer Belebung der Binnenkaufkraft keine Rede sein. Die Böckler-Stiftung nennt daher die Jahre von 2000 bis 2010 aus Sicht der Lohnentwicklung ein "verlorenes Jahrzehnt".

Daher würden die Gewerkschaften in diesem Jahr entsprechend hohe Tarifabschlüsse anstreben, so der Jahresbericht. In den meisten Branchen seien Abschlüsse zwischen fünf und sieben Prozent das Ziel. Lohnsteigerungen in der Bundesrepublik sind auch notwendig, um wirtschaftliche Ungleichgewichte in der Europäischen Union auszugleichen, die zu den deutlichen Außenhandelsüberschüssen der Bundesrepublik führen. In der Vergangenheit war Deutschland deswegen wiederholt der Kritik, unter anderem aus Frankreich, ausgesetzt.

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