"Recording the Future"

Fantasy-Filmfest-Blog 6.Tag: "The Thaw", "Lake Mungo", "House of the Devil" und "Thrist"

Horrorfilme machen keinen Spaß mehr. Die Zeit, in der sich das Genre ungezwungen metaphysischen Ängsten gewidmet hat, sind scheinbar vorbei - die Realität hat den Horror eingeholt, was ein Film wie "The Thaw - Frozen" deutlich zu zeigen versucht. Er handelt von den Konsequenzen der Klimaerwärmung und erzählt von einem Wissenschaftler, der in der kanadischen Polarregion einen aus dem Eis auftau(ch)enden Mammut-Kadaver entdeckt.

"The Thaw – Frozen"

In diesem haben gefährliche parasitäre Insekten überlebt, die nun den Forscher und seine Expeditionstruppe anfallen. Bedauerlicherweise ist auch gerade eine Gruppe junger Leute, Studenten und die Tochter des Wissenschaftlers, auf dem Weg zur Forschungsstation und gerät mitten in die Brutstätte der tödlichen Parasiten. "The Thaw" beginnt als überaus stimmungsvoller Isolations-Horror, der in vielem an John Carpenters "The Thing" erinnert. War der Parasiten-Horror bei Carpenter jedoch noch abstrakte Science-Fiction, wird er in "The Thaw" jedoch von der ökologischen Realität eingeholt.

Aber trotz aller Zeitgemäßheit, trotz der wunderschönen Landschaftsaufnahmen aus der kanadischen Tundra und der klaustrophobischen Situation, in die der Plot seine Protagonisten treibt, schafft es "The Thaw" letztlich deswegen nicht zu überzeugen, weil er in konventionellen Horror umkippt. Da sind zum einen die ameisengroßen Insekten, die - seit Gordon Douglas' "Them!" häufig - dazu gezwungen sind Pieps- und Klickgeräusche von sich zu geben, damit man ihre Anwesenheit nicht vergisst; zum Anderen der obligatorisch undurchsichtige Wissenschaftler, der dem Plot gleich mehrere unerwartete (vor allem aber willkürlich erscheinende) Wendungen geben muss.

"Lake Mungo"

"Lake Mungo" hat sich zur Mitte des Festivals als das versteckte Juwel herausgestellt, das sich jedes Jahr beim Fantasy Filmfest finden lässt. Eine überaus unkonventionell erzählte Geistergeschichte um den Tod einer 16-jährigen, die bei einem Ausflug mit ihrer Familie im titelgebenden See ertrinkt. Schon kurze Zeit später aber taucht sie auf Fotografien und in Videoaufnahmen auf, die erst nach ihrem Tod entstanden sind. Nach Recherchen der Eltern und des Bruders sowie durch den Kontakt mit einem Geister-Experten tun sich Abgründe im Leben des verstorbenen Teenagers auf, die vieles erklären und am Ende trotz aller realistischen Wendungen doch noch eine Spur in den Okkultismus weisen.

Der Festival-Katalog vergleicht "Lake Mungo" mit "The Blair Witch Project", was nur in der Hinsicht stimmt, dass der Film konsequent aus verschiedenem Footage montiert ist. Im Gegensatz zu "The Blair Witch Project" handelt es sich hier jedoch um ein als solches konstruiertes Dokumentar-Feature, das neben Ausschnitten aus Fernsehnachrichten vor allem Interviews mit der Familie, Freunden und Beteiligten des Falles zu einem abgerundeten und abgeschlossenen Film montiert und mit Audiokommentar versieht. Der Eindruck, es mit einem Dokumentarfilm zu tun zu haben, entsteht hier also nicht wie bei "The Blair Witch Project" durch den Anschein rohen Materials, sondern ganz im Gegensatz durch dessen starke Bearbeitung. Und trotzdem "Lake Mungo" damit über keinen konventionellen Gruselfilm-Spannungsbogen verfügt, schafft er es die Erzählmöglichkeiten des Dokumentarfeatures für dieses Ziel umzufunktionieren und sich damit zwischen Gruselfilm und Genre-Reflexion zu positionieren.

"House of the Devil"

In gewisser Weise wird ein ähnliches Projekt auch von "House of the Devil" verfolgt, der zunächst wie ein konsequenter Teenage-Horro-Film im Stile "Halloweens" anmutet: Eine junge Studentin ist auf der Suche nach einem Job, um ihre erste eigene Wohnung finanzieren zu können. Sie findet durch Zufall einen Aushang, auf dem ein Babysitter gesucht wird und meldet sich sofort dort. Seltsam ist schon, dass sie, nachdem sie auf den Anrufbeantworter gesprochen hat, augenblicklich in der Telefonzelle vom Auftraggeber zurückgerufen wird. Noch seltsamer ist, dass es sich gar nicht um ein Baby, sondern um eine alte Frau handelt, die für ein paar Stunden - während die Auftraggeber bei einer Veranstaltung anlässlich der anstehenden Mondfinsternis weilen - beaufsichtigt werden soll.

"House of the Devil" verrät in seinem Titel bereits, dass es sich um einen Horrorfilm handeln könnte, löst diese Andeutung jedoch lange Zeit kaum ein. Anstelle dessen spielt er auf der Klaviatur der Spannungserzeugung - und zwar derartig virtuos, dass man als Zuschauer von einer Gänsehaut zur nächsten getrieben wird. Als äußerst klug erweist sich auch die Situierung des Plots in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre, weil der Film hier strategisch mit den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Zeit spielen kann: Es gibt keine Handys, es gibt kaum Telefone mit Rufnummernanzeige oder gar Rückruffunktion und so fallen Gadgets, die ein Funktionieren des Plots zur heutigen Zeit schwermachen würden, schon "aus zeitlichen Gründen" weg - bzw. werden dadurch erst möglich. "House of the Devil" zeigt, dass selbst Haunted-House-Filme heute noch jenseits aller Wiederholungen und Zitate möglich sind und verweist damit selbst teure Produktionen wie jüngst den Langweiler "The Haunting in Connecticut" auf die Ränge.

"Thirst"

Der letzte für dieses Blog gesichtete Film des sechsten Fantasy-Filmfest-Tages war Park Chan-Wooks "Thirst" - ein Vampirfilm. Nach dem Park zuletzt mit "I’m a Cyborg but that’s OK" schon gezeigt hatte, dass er in der Lage ist, selbst altbekannten Genre-Motiven durch seine unverwechselbare Handschrift noch eine ganz originelle Seite abzugewinnen, versucht er sich nun an einem noch klassischeren Film-Stoff. Als narratives Gerüst diente ihm Émile Zolas Erzählung "Thérèse Raquin" um die herum er seine Vampir-Geschichte über einen Pfarrer webt, der bei einem medizinischen Experiment mit verseuchtem Blut infiziert wird und deshalb Menschenblut zu sich nehmen, muss um die regelmäßig wiederkehrenden Krankheitssymptome zurückzudrängen.

Zunächst geschieht dies, ohne dass Menschen sterben, als der Geistliche sich jedoch dem Fleischlichen in Form einer jungen Frau zuwendet, die ihn in die Welt der Erotik einführt, brechen alle Dämme. Der streckenweise sich konfus entwickelnde und damit unvorhersehbare Plot des Films wird vor allem durch das Schauspiel seiner beiden Hauptdarsteller getragen, von denen die 22-jährige Ok-vin Kim eine vielversprechende Entdeckung des Regisseurs ist. "Thirst" hat sicherlich seine Längen, wird sich jedoch vor allem bei mehrfacher Rezeption als tiefgründige ästhetische Auseinandersetzung zu vielfältigen Themen erweisen. Dass der katholisch erzogene, sich nun aber zum Atheismus bekennende Regisseur in "Thirst" so überaus sarkastisch mit dem in seinem Heimatland sich schon beinahe epidemisch ausbreitenden Christentum ins Gericht geht, ist dabei nur das offensichtlichste Verhandlungsobjekt des Films. Im Anschluss an die Präsentation von "Thirst" war der Regisseur, der zudem seinen 46. Geburtstag feierte, im Kino anwesend und hat etwa ein halbe Stunde lang Rede und Antwort zu seinem Werk gestanden, was ich bei F.LM per Video dokumentiert habe.

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