Reden wir mal über Schwärme

Fernsehen als Orientierungshilfe in einer zunehmend komplexeren Welt

Bildungsfernsehen hat es bekanntlich schwer - im privaten noch mehr als im öffentlich-rechtlichen Staatsfernsehen. Erst recht, wenn es sich dabei um intellektuell fordernde Sendungen handelt. Medienkritiker und -wissenschaftler werden sofort einwenden, dass solcher Anspruch das Fernsehen überfordern muss. Im Prinzip ist es ein "Zerstreuungs" - oder gar "Nullmedium", das eher beiläufig im Hintergrund agiert, zum Dösen animiert und als ausgezeichnetes Schlafmittel gilt.

Fernsehmacher hindert diese Skepsis aber nicht, es trotzdem und immer wieder aufs Neue zu probieren. Das "Nachtstudio" und das "Philosophische Quartett" im ZDF gelten als anspruchsvoll, "News & Stories" sowie "10 nach 11" von Alex Kluge auf SAT 1 noch mehr und so mancher Themenbeitrag, zu dem sich der Spartensender arte an manchen Abenden entschließen kann, sicherlich auch. Allerdings flimmern die meisten dieser Beiträge, auch weil sich kaum jemand dafür interessant, erst zu spät schlafender Zeit über den Bildschirm.

Auch "scobel" möchte als Sendung mit hohen Ansprüchen gesehen werden. Immer donnerstags ist das Format auf 3sat eine Stunde lang ab 21 Uhr zu sehen. Moderiert wird es von Gerd Scobel, einem studierten evangelischen Theologen, der zuvor lange Jahre Aushängeschild der "Kulturzeit" auf 3sat war.

"Fernsehen macht schlau", davon ist der Moderator trotz aller gegenteiliger Ansichten überzeugt, vorausgesetzt, man packt es richtig an, müsste man wohl in seinem Sinne ergänzen. Auf der Webseite liest man dazu von ihm auch:

"Ich begreife Fernsehen als ein Medium der Bildung, das auch dazu da ist, Erkenntnis zu vermitteln und Orientierung in einer zunehmend komplexeren Welt zu bieten."

Seit ungefähr drei Jahren ist man mittlerweile auf Sendung. Woche für Woche versuchen Gerd Scobel und sein Team, mit dem allseits beliebten Stilmittel des kurzen Einspielers, dem dann in aller Regel ein kurzes Frage-Antwort-Spiel des Moderators mit zwei oder drei geladenen Spezialisten folgt, das "Wissen und Verstehen" der Zuschauer zu "mehren" und ihr Leben dadurch selbstredend "menschlicher" zu machen.

An entsprechenden Themen scheint, bislang jedenfalls, kein Mangel zu herrschen. Gern ackert man sich quer durch den Gemüsegarten des Wissens, von der Biochemie und der Materialforschung über die Anthropologie und Pflanzenkunde zur Epidemiologie und Lebenshilfe. Kein Spezialgebiet scheint vor den Machern sicher. Und auch vor den Sinn- und allerletzten Fragen des Lebens machen sie nicht halt. Wichtig ist nur, dass das Thema interdisziplinär daherkommt, Spannung und Abwechslung verspricht und irgendwie kontrovers diskutiert wird.

Im Grunde ist solches Fernsehen in pädagogischer Absicht löblich. Doch gut gemeint ist, der Kalauer mag an dieser Stelle gestattet sein, nicht immer gut gemacht. Allein die Vielfalt der Themen und Gebiete, die sich die Redaktion oft zumutet, legt nahe, dass sowohl der Moderator als auch sein ihm zuarbeitendes Team der Aufgabe, den Fragestellungen und dem selbstgesteckten Zielen nicht immer ganz gewachsen sind.

Entsprechendes Anschauungsmaterial dafür bot etwa die Sendung vom 1. September. An diesem Abend wollte der Moderator seine Zuseher über die Intelligenz von Schwärmen aufklären. Mitte der Neunziger schaffte der Begriff der "Kollektiven Intelligenz" es bekanntlich zu einer gewissen Prominenz. Pierre Lévy, damals noch vierzigjähriger Hypermedia-Professor an der Universität Saint-Denis in Paris, hatte ihn seinerzeit in die Debatte geworfen und darüber ein Buch (bei Bollmann) verfasst. Die Äquivalentbegriffe dazu lauteten damals Global Brain von Howard Bloom, "Homo Symbioticus" von Joel de Rosnay oder auch "Out of Control" von Kevin Kelly.

Allen diesen Publikationen war eigen, dass sie Erkenntnisse aus der Organismenlehre umstandslos auf das Verhalten und Handeln von Menschen hochrechneten. Der Cyberspace und die sich ankündigende virtuelle Revolution animierten die Forscher dazu. Bereits damals avancierte der weltweite Verbund elektronischer Netzwerke und Computerprogramme zur Projektionsfläche des historisch schon verglüht geglaubten Wunsches nach Befreiung und kollektiver Selbstbestimmung. Die Anfänge von Telepolis etwa sind mit diesen Diskussionen, angestoßen vom Soziobiologismus eines Edward O. Watson, aufs Engste verknüpft.

Was damals für die Ohren mancher Beobachter zunächst nach einem seltsamen Gebräu aus Technik, Mystik und New Age klang, nach einer Mixtur aus McLuhans Vision von Technik als "extensions of man" mit kosmologischen Gedanken des Jesuiten Teilhard de Chardin, hat sich über die Jahre, auch dank Wikies und Blogs, Google und Web 2.0, Open Source und sozialen Netzdienstleistern, zu einem handfesten und bestens florierenden Forschungsgebiet entwickelt.

In der Computercloud reichere sich, so die allgemeine Meinung der Protagonisten, ein übermenschliches Maß an Intelligenz an. Durch die unzähligen Kontakte anonymer und ansonsten fragmentierter Einzelner bilde sich eine "hypermenschliche Entität" heraus, die sich durch eine besondere Art der Intelligenz auszeichne. Der Einzelne sei daher verzichtbar, weil auf diese Weise das Kollektiv "der Wahrheit" am nächsten komme.

Schwarm- oder kollektive Intelligenz glaubt man mittlerweile aber auch und vor allem bei Tierkolonien zu entdecken, bei Ameisen und Bienen, Fischen und Vögeln. Auf diese Weise ist der Entomologe Jean-Henri Fabre, der sich im 19. Jahrhundert selbst zur Ameise gemacht hat, zu neuen Meriten gekommen. Seine umfangreichen Forschungen werden gerade bei Matthes & Seitz neu verlegt.

Aus den Wechselbeziehungen, den diese lebenden Systeme zeigen, will man Schlussfolgerungen für das Verhalten der Menschen und deren soziale Ordnung ziehen. Die Forscher sind überzeugt, dass Einzelne in solchen Geflechten nur wenig vermögen. Erst im Sozialverbund und in sozialer Kooperation mit anderen reifen sie zu wahrer Macht, Größe und Intelligenz. Das Ganze mehr als die Summe seiner Teile? Die antike Philosophie lässt grüßen.

Obwohl es weder "Führer" noch "Kommandos" oder vorab festgelegte Regeln gibt, der oder die allen anderen Weg und Ziel weisen, kommen für das Kollektiv sinnvolle Entscheidungen zustande, die fraglos auch von allen mitgetragen werden. Das Zauberwort hierfür heißt "Selbstorganisation". Die Frage ist nur, inwieweit sich die dynamischen Prozesse von Insekten und verwandten tierischen Gebilden auch auf menschliche Gruppen, Verbünde oder Gesellschaften übertragen lassen. Und die Frage ist auch, wann und in welchen Fällen man solchen Verhaltensweisen die Adjektive "klug" und "intelligent" zubilligen kann.

Denn "Duftstoffe", an denen sich diese Tierchen orientieren, hinterlassen Menschen nur selten. Und wenn, dann dienen sie nicht unbedingt der Problemlösung, Ziel- oder Sinnfindung. Um zumindest den richtigen Weg zu finden, braucht es dafür schon technischer Gadgets wie etwa einem TomTom. Hinzu kommt, dass Menschen Gefühle haben, sie zeigen Empathie und legen ihr Augenmerk bewusst auf die Ausnahme, das Singuläre und Besondere, das sich vom Normalen, Allgemeinen und Mainstream unterscheidet.

Wäre es anders, wären viele Entdeckungen, Eroberungen und Erfindungen nicht gemacht worden. Ohne den Solitär, der sich von der Masse abhebt oder absondert, hätte es vieler dieser Errungenschaften nicht gegeben, auf die die Menschen zu recht stolz sind.

Darum sind die Beispiele, bei denen eine "Weisheit der Vielen" ausfindig gemacht werden kann, bislang auch recht überschaubar geblieben. Bei Wikipedia, bei Creative Commons oder anderen Kollaborationen im Netz (siehe Linux) kann man ab und an schon mal der Menge eine größere Kompetenz zuweisen als dem Individuum.

Bei Wikiplag oder Wikileaks, bei Flashmobs oder Zwitschereien kann man hingegen schon ins Grübeln kommen. Und in vielen anderen Fällen, bei Börsenspekulationen und Croudsourcing, bei Flashmobs und Cybermobbing, bei viralen Marketing, Filesharing oder anderen Adhoc-Zusammenkünften wird man an der Problemlösungskompetenz des "Schwarms" schon sehr zweifeln müssen. Im günstigsten Fall handelt es sich da bestenfalls um "Mitläufertum", mehr um "programmierte Komplizenschaft" als um kollektive Intelligenz.

In der Sendung selbst wurde weder darüber diskutiert noch der Unterschied von "idiotischen Massen" und "smarten Mengen" oder der von "analog" und "digital" auch nur ansatzweise thematisiert. Weder wollte man zwischen Meuten- und Rudelbildung und Serviceleistungen differenzieren noch darüber, welche Rolle bei solchen Mob-Bildungen Gerüchten und Memen zukommt. Der bekannte Formatmix aus vorbereiteten Filmchen, die alle irgendwie zum Einsatz kommen mussten, und lauen Statements der Gäste, ließ dazu keinen Raum. Munter wurde alles in einen Topf geworfen, Flashmobs und Fischschwärme, Autobahnstaus und Wikis, EHEC und die Ereignisse in Nordafrika und der Loveparade in Duisburg.

Vielleicht hätten Scobel und die Redaktion gut daran getan, sich mal bei Jaron Laniers jüngstem Werk "Gadget" kundiger zu machen. Dort hat der Cyberpionier derlei Schwarmideen, denen auch die "Piratenpartei" in Berlin nachhängt, nicht nur als "kybernetischen Totalitarismus" oder "digitalen Maoismus" charakterisiert. Darin weist er auch darauf hin, dass wir die "Weisheit der Vielen" nicht glorifizieren, sondern eher als nützliches Werkzeug zum Meistern von Aufgaben verstehen sollten.

Was sich mit Schwärmen und digitalen Kollektiven durchsetzt, ist das Mittelmäßige, der Durchschnitt, der Mainstream, das Populäre, kurz: der kleinste gemeinsame Nenner ( Massen handeln dumm und idiotisch). Auf der Strecke bleibt dagegen die Qualität. Um das zu verhindern, und dem Mob keine Chance zu gehen, kann es Laniers Ansicht nach nur um eins gehen, um Qualitätskontrolle. Doch wer kontrolliert dann die Kontrolleure? Das Kollektiv?

Literatur:

Jean-Henri Fabre: Erinnerungen eines Insektenforschers, Berlin (Matthes & Seitz), auf zehn Bände angelegt (Erscheinen fortlaufend)
Jaron Lanier: Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht, Berlin (Suhrkamp)

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