Rücktritt wegen Auflagenbetrug bei Murdochs' Wall Street Journal

Zeitweise soll gut ein Drittel der Europa-Auflage des WSJ indirekt vom Verlag selbst gekauft worden sein, um Leser und Anzeigenkunden zu täuschen

Wie der britische Guardian aufdeckte, hat das Renommier-Blatt aus Rupert Murdochs' News Corporation, das 2007 von der News Corp übernommen wurde, insgeheim und systematisch tausende Exemplare zu Billigpreisen an europäische Unternehmen abgegeben, um die offiziell ausgewiesene Verkaufsauflage zu steigern. Dabei wurde den Partnerunternehmen nicht nur eine wohlwollende Berichterstattung zugesagt - was journalistische Mitarbeiter, die sich um den Ruf der Zeitung sorgten, frühzeitig zu interner Kritik am Management animierte -, notfalls wurden dafür auch eigene Gelder eingesetzt.

So zeigten laut Guardian interne Emails und Dokumente, dass Andrew Langhoff, der am Dienstag zurückgetretene Chef von Dow Jones and Co, der Muttergesellschaft des WSJ, an der Affäre beteiligt war. Demnach wurden die Aktionen in London organisiert und auch führende New Yorker News Corp-Manager inklusive Murdochs' "rechter Hand" Les Hinton hätten im Vorjahr durch einen internen Whistleblower davon erfahren. Laut Guardian hätten sie daraufhin aber nichts dagegen unternommen, sondern nur den Whistleblower aus dem Unternehmen entfernt.

Das umstrittene Marketingsystem wurde offenbar im Januar 2008 im Zusammenhang mit dem Future Leadership Institute etabliert, bei dem europäische Unternehmen Seminare für Universitätsstudenten sponserten, die als potenzielle künftige Wirtschaftsführer eingeschätzt werden. Dafür wurden sie in der Zeitung redaktionell gewürdigt, was die Unternehmen bezahlten, indem sie Zeitungsexemplare zu einem Stückpreis von maximal fünf Cent kauften, die dann gratis an die Studenten verteilt werden sollten.

Die Käufer bekamen die Zeitungen zwar nie zu Gesicht und es ist unklar, ob sie tatsächlich von irgendwelchen Studenten gelesen wurden oder stapelweise im Altpapier landeten. 2010 wurden diese Exemplare jedenfalls der normalen verkauften Auflage zugeordnet und kamen mit im Schnitt 31.000 Stück auf satte 41 Prozent der offiziellen täglichen Verkaufsauflage von 75.000 Exemplaren.

Zusehends problematisch für die News Corp. wurde das System demnach Anfang 2010, als das holländische Unternehmen Executive Learning Partnership (ELP), monierte, für seine Investitionen nicht den vereinbarten Gegenwert zu ergalten. Immerhin sponserte ELP allein täglich 12.000 Exemplare und bezahlte dafür allerdings jeweils nur maximal einen Cent – für die 3,1 Millionen Exemplare im Jahr 2010 laut Guardian insgesamt bescheidene 31.080 Euro. Langhoff habe ELP dann aber zur weiteren Kooperation überreden können, wofür er neben Anzeigen und gemeinsamen Projekten auch redaktionelle Berichterstattung angeboten habe. Daraus resultierte unter anderem eine nette ganzseitige Geschichte über eine ELP-Studie, die nicht als Kooperation gekennzeichnet war. Das stieß in der Redaktion zwar weiterhin auf Kritik, wurde aber beibehalten, wobei der ELP-Vertrag nun immerhin als Grund für Langhoffs' Rücktritt genannt wurde.

Dennoch war ELP offenbar nicht ganz zufrieden und beklagte sich im Herbst 2010, dass das WSJ seinen Verpflichtungen nicht nachkomme. Insbesondere drohte ELP eine zum Jahresende fällige Forderung für die ab Mai gesponserten Zeitungen über 15.000 Euro nicht zu begleichen. Dann hätten diese Exemplare aber nicht der offizielle Verkaufsauflage zugezählt werden dürfen, was diese sofort um 16 Prozent reduziert hätte. Das durfte nicht geschehen, weshalb Langhoff kurzerhand über zwischengeschaltete Unternehmen und Scheinaufträge eigene Verlagsgelder an ELP weiterleitete mit denen die Zeitungen dann bezahlt wurden.

Laut News Corp sei alles indes ganz harmlos. Es habe es sich jeweils um legitime Geschäfte gehandelt, die intern bereits seit Ende 2010 untersucht würden. Die deshalb erfolgte Trennung von einigen Mitarbeitern sei nicht aufgrund gebrochener Gesetze vorgenommen worden, sondern aufgrund eines Stils, der nicht angebracht gewesen sei.

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