Schachern bis zum Blackout?

Börsenzocken gefährdet nun auch das Stromnetz

Während der Kälteperiode der letzten zwei Wochen kam es mehrmals zu teilweise Stunden andauernden Unterdeckungen im Stromnetz. Die Bundesnetzagentur überprüft nun die Hinweise darauf, dass Stromhandelsgeschäfte dafür verantwortlich waren. Der Verdacht richtet sich gegen einige der rund 900 Stromhändler, die als Bilanzkreisverantwortliche direkt bei den Kraftwerken Strom für Großkunden einkaufen.

Die Stromhändler müssen eigentlich viertelstundengenau so viel Strom einkaufen, wie ihre Großkunden aus Industrie oder Kommunen gerade brauchen. In mehreren Bilanzkreisen sei es aber zu Unterspeisungen gekommen, weil zu wenig Energie eingekauft worden sei. Diese Unterdeckung habe durch Regelenergie, die mengenmäßig nicht dafür ausgelegt ist, ausgeglichen werden müssen. Damit wurde die Netzsicherheit riskiert.

Stromerzeugung und Verbrauch müssen im Gleichgewicht sein, sonst bricht das Netz zusammen. Wenn die Händler mehr benötigen als bestellt, müssen sie auf dem Spotmarkt dazu kaufen - und das ist teuer. Eine MWh, die sonst 50-55 Euro kostet lag am Spotmarkt während der besonders kalten Tage im Februar stundenweise bei 100, teilweise sogar bis 380 Euro/MWh. Stromhändler sollen, obwohl sie einen höheren Strombedarf absehen konnten, bewusst nicht nachgekauft haben, um Geld zu sparen.

Das Netz musste währenddessen durch Regelenergie ausgeglichen werden, deren Funktion es eigentlich ist, das Netz sekundengenau auszugleichen. So schrammte das deutsche Stromnetz aufgrund fehlender Strommengen, die die Händler absichtlich nicht gekauft hatten, um Geld zu sparen, knapp am Blackout vorbei.

Die Bundesnetzagentur prüft nun die Stromhandelsbilanzen, um herauszufinden, wer dafür verantwortlich war. Außerdem schlägt deren Chef Matthias Kurth vor, den Preis der Regelenergie an die Preise der Spotmärkte zu koppeln, damit kein Anreiz mehr besteht, auf Kosten der Netzsicherheit zu zocken. Das Ende der Strombörse und deren Ersatz durch Lieferverträge zu fordern, ist dagegen leider immer noch ein politisches Tabu.

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