Schatten über Desertec-Projekt werden länger

Nach Siemens steigt auch Bosch aus dem Projekt aus, Europa mit Strom aus der Sahara zu beliefern

Die Schatten über dem Projekt, Europa mit Strom aus Nordafrika zu versorgen, werden länger. Nun steigt auch der Technologiekonzern Bosch aus dem Desertec-Projekt aus, hat die "Financial Times Deutschland" (FTD) am Dienstag energiewende-desertec-verliert-bosch-als-partner/70117118.html: berichtet.

"Wir werden unsere Mitgliedschaft nicht verlängern", zitiert die FTD eine Sprecherin der Konzerntochter Bosch-Rexroth. Die Verträge liefen nach drei Jahren Ende Dezember aus und würden nicht verlängert. Damit verliert Desertec erneut einen wichtigen Partner. Kürzlich hat schon der Siemens-Konzern seinen Ausstieg bekanntgegeben . ( Nordafrika zwischen Powerplants und Powerpoint).

Der Bosch-Ausstieg hat Desertec-Planungsfirma Dii bestätigt. Die Bosch-Tochter begründet den Schritt mit der schwachen Konjunktur und will sein Geschäft stärker fokussieren. Nach Gerüchten wird wohl auch Bosch-Rexroth die Beteiligung zu teuer. Sie ist vor allem im Bereich Antriebs- und Steuerungstechnik tätigt und wollte sich per Technologieaustausch oder Workshops mit Experten an dem Projekt beteiligen. Geboten werden sollten aber auch Unterbauten zur Sonnenstandsnachführung und Elektronik. Diese sogenannten Tracking-Systeme erhöhen die Ausbeute von Photovoltaikanlagen deutlich, weil sie sich jahreszeitlich anpassen und sich wie eine Sonnenblume stets der Sonne zudrehen. Bei solarthermischen Anlagen ist diese Technik unverzichtbar.

Gerüchteweise soll aber auch Bosch-Rexroth das Engagement zu teuer zu werden, das zudem bisher nicht über die Planung hinausgekommen ist. Für Siemens hatte sich die Beteiligung als ziemlich teure Investition herausgestellt. Siemens meint, allein der Ausstieg aus dem Solargeschäft würde den Konzern erneut 250 Millionen Euro kosten. Experten schätzen, das Abenteuer habe den Konzern insgesamt Verluste in einer Höhe von 800 Millionen Euro eingebracht.

Für Desertec ist das der nächste Tiefschlag, denn man hatte noch vor einem Jahr verkündet, 2012 würden die Bauarbeiten für eine 12 km² große 500 MW-Pilotanlage in Marokko starten, drei Jahre früher als geplant. Die Stromerzeugung sollte auch diversifiziert werden und neben solarthermischen Parabolrinnenkraftwerken sollte auch Photovoltaik eingesetzt werden, um die Bauzeit zu verkürzen.

Marokko verfolgt eigene Projekte

Doch die Probleme sind weiter enorm. Marokko baut zum Beispiel in Ouarzazate schon an einem Kraftwerk am Rand der Sahara für die eigene Stromversorgung. Es soll eine Leistung von 160 Megawatt (MW) haben und 2013 ans Netz gehen. In der zweiten Baustufe soll die Leistung bis 2017 auf 500 MW ausgebaut werden. Das wäre die Leistung eines normalen Kohlekraftwerks und das größte thermische Solarkraftwerk der Welt.

Marokko will insgesamt vier Anlagen dieser Art bauen, um das Potential der "Concentrated Solar Power (CSP)" zu nutzen. Mit der CSP-Technik werden die Sonnenstrahlen in einem Brennpunkt gebündelt und eine Flüssigkeit wird auf fast 500 Grad erhitzt. Wie in einem normalen Kraftwerk wird Wasser verdampft und darüber eine Turbine angetrieben. Mit Flüssigkeit oder über Salz kann die Wärme gespeichert und dann Strom erzeugt werden, wenn keine Sonne scheint.

Ein politisches Problem ist, dass zum Beispiel Marokko auch Solarstromkraftwerke in der völkerrechtswidrig besetzten Westsahara bauen will. Immer wieder wird die Hauptstadt der Westsahara Al-Aaiún als Standort genannt, die unter einem nicht erklärten Ausnahmezustand gehalten wird. Anders als in Marokko, sind in der Westsahara küstennahe Gebiete meist nicht zugebaut oder anders genutzt. Nur etwa 100 Kilometer von den Kanarischen Inseln entfernt, böte sich der Standort als Pilotprojekt an. Doch Chancen, das umzusetzen, sind im vergangenen Dezember geschrumpft. Das Europaparlament entschied, das seit 2007 bestehende Fischereiabkommen mit Marokko wegen des Westsahara-Konflikts nicht zu verlängern.

Stolperstein Spanien

Denn der Strom einer Pilotanlage in Marokko, die einen Teil des Stroms nach Europa liefern soll, müsste über die iberische Halbinsel fließen. Madrid müsste sich dazu bereit erklären, den Strom über das existierende Unterwasserkabel in der Meerenge von Gibraltar zu leiten, fließen zu lassen, wofür es genug Kapazität haben soll. Statt zum Erzeugerland würde Spanien aber zum Transitland. Die regierenden Konservativen sind mit ihrer Energiepolitik schon nach einem Jahr in der Sackgasse gelandet. Anders als die sozialistischen Vorgänger will Ministerpräsident Mariano Rajoy eigene Potentiale nicht stärker nutzen. Er hat die Förderung aller erneuerbaren Energiequellen (EE), auch zukunftsträchtige solarthermischen Anlagen, weitgehend abgeklemmt. Nun will er sich aber nicht damit abfinden, dass Marokko als Solarstromexporteur einspringen will. Die Konservativen in Madrid blockieren und versuchen, kleinkrämerisch wie üblich Vorteile für Spanien heraus zu handeln.

Erst im Sommer hatte EU-Energiekommissar Günther Oettinger Spanien gedrängt, die EE-Potentiale stärker zu nutzen. Das sei günstiger für das Land als teure Energieimporte und könne eine Strategie zur Überwindung der tiefen Wirtschaftskrise sein. Er kritisierte auch "unzureichende Konkurrenz" auf dem Strommarkt, wobei das Tarifsystem zusätzlich den Strom verteuere. Alte, längst abgeschriebene Atom- und Wasserkraftwerke würden bevorteilt, die eine "exzessive Vergütung" erhielten. Die spanische Rechte wollte sogar am uralten Schrottreaktor von Santa Maria de Garoña festhalten, der aber nun im Sommer 2013 abgeschaltet wird.

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