"Schieß weiter, schieß weiter, schieß weiter, keep shoot'n"

Ein verstörendes Video zeigt ein Massaker, das US-Hubschrauberbesatzungen 2007 im Irak anrichteten. Zwei der Opfer waren Reuters-Mitarbeiter. Ansonsten wäre die Aktion wahrscheinlich nicht ans Licht gekommen.

"Nice"
"Good shoot'n"
"Haha"

Das sind Gesprächsfetzen aus "Collateral Murder, einem Video-Dokument, das derzeit bei WikiLeaks veröffentlicht ist. Es führt die totale moralische Verwahrlosung des Menschen in der Alltäglichkeit des Krieges vor Augen: Hubschrauberpiloten, möglicherweise privat echte "nice guys", feuern unbarmherzig auf eine Gruppe Menschen in einem Vorort Bagdads, weil sie die Männer für eine Versammlung bewaffneter Widerständler halten. Sie handeln nach der Kriegslogik "Ich töte, weil ihr mich umgebracht hättet, wenn ich euch nicht töte" und kommentieren die Tötung, als ob es sich um ein Spiel oder ein Sportereignis handeln würde.

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Screenshot

Dem kameradschaftlichen Einverständnis, das sich im Funkverkehr oben zwischen den Hubschrauberbesatzungen zeigt, stehen verstörende Bilder vom Boden entgegen: ein Schwerverwundeter, der sich mühsam auf der Straße dahinschleppt, in der Hoffnung auf irgendeine Zuflucht oder Hilfe, das Eintreffen eines Kleinbusses, mit zu Hilfe eilenden Männern, eine weitere Schusssalve, Staub, Tote. Und später Bilder von Soldaten, die mit verwundeten Kindern im Arm auf Fahrzeuge zu laufen. Zuvor hatte die Kamera eine Zoom-Aufnahme des Kleinbusses gezeigt, in der die Kinder im Bus sitzend zu erkennen sind. Im Funkverkehr wurde zunächst der Treffer in der Windschutzscheibe bejubelt und dann, das Signal eines "schlechten Gefühls" zur Seite räumend, moniert, dass man doch keine Kinder ins Schlachtfeld mitbringen sollte - "selbst schuld".

Das Video, das den "Kollateralmord" amerikanischer Hubschrauberbesatzungen in einem Vorort Bagdas im Jahr 2007 dokumentieren soll, ist nach Angaben von Wikileaks.com durch die Mithilfe mehrerer "Whistleblowers" innerhalb des amerikanischen Militärs auf die Site gelangt. Die Nachrichtenagentur Reuters habe über Freedom of Information Act-Anfragen schon seit August 2007 versucht, an das Material zu kommen, erfolglos. Man habe die Authentizität der Dokumente sorgfältig geprüft, heißt es auf WikiLeaks.

Wären zwei der Toten, der Fahrer Sameed Chamagh und der Fotograf Namir Noor-Eldee, nicht Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters gewesen, so wäre die militärisch sanktionierte Mordaktion wohl niemals ans Licht der Öffentlichkeit gekommen - doch ist das nur einer von mehreren Skandalen, die mit dem bislang geheimgehaltenen Video verknüpft sind.

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Screenshot

Über den Einzelfall hinaus zeigt das Video das Grundübel des Krieges im Irak: die vermeintliche Bedrohung, auf die mit aller Waffengewalt, die zur Verfügung steht, reagiert wird, gnadenlos. Dass die Gruppe von Männern, die, wie auf den ersten Bildern zu sehen ist, in Zivil und in lockerer Gangart eine Straße queren, eine Bedrohung darstellen, erschließt sich nämlich nicht so eindeutig, wie es der Funkverkehr der Hubschrauberbesatzung ohne jeden Anflug von Zweifel konstatiert und eine tödlichen Abfolge in Gang setzt: "Individuals with Weapons"..."Request permission to engage"... "Lets shoot" - die vermeintliche Schusswaffe, die der "fucking prick", der Reutersfotograf, an der Schulter hängen hat, ist eine Kamera, wie sich später herausstellt. Hätte man dies früher erkennen können? Und hätte das den Ablauf verändert? (Einzufügen wäre an dieser Stelle, dass bei den Männern, die weiter hinten auftauchen, ebenso nicht klar ersichtlich ist, was sie in den Händen halten, der Verdacht, dass es Waffen sein könnten, ist aber gegeben.)

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Screenshot

Schockierend ist in jedem Falle die Reaktion der amerikanischen Militärführung, die nach einer durch Reuters Nachfragen initiierten Untersuchung des "Vorfalls" offiziell bekundet, dass die Handlungen der Soldaten nach den Regeln des bewaffneten Konflikts und in Übereinstimmung mit den Einsatzregeln des US-Militärs, "Rules of Engagement", verlaufen seien - schuld sind die anderen.

Auch hier erhebt ein Monster des "gerechten Irakkrieges" sein gräßliches Haupt: die Vertuschung wahrer Umstände, der Wille mit aller Macht am offiziellen Zerrbild festzuhalten. Was sich schon in der Vorbereitung auf den Waffengang im Irak zeigte, wird hier in Details noch einmal durchdekliniert. Etwa an der Art, wie amerikanische Geheimdienste in diesem Fall versuchten, mit massiven Drohungen gegenüber WikiLeaks die Veröffentlichung des brisanten Dokuments zu verhindern.

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