Schulstreiks bei Anne Will: Diskussion wortreich verweigert

FridaysForFuture Demonstration am 29. März 2019 in Berlin. Front_of_the_FridaysForFuture_demonstration_Berlin_29-03-2019_21.jpg:Bild: Leonhard Lenz/CC0

Die Talkrunde sollte über Klimaschutz und Schülerstreiks diskutieren, vermied es aber, über das Ausmaß des Problems und Lösungsansätze zu sprechen

Drei Dinge hat die sonntägliche Talk-Runde bei Anne Will deutlich gemacht. Erstens: Frau Will kann es einfach nicht lassen, ihren Gästen beharrlich ins Wort zu fallen. Ausreden dürfen bestenfalls Vertreter der CDU. Zweitens: Frau Will hat keinerlei Interesse an den Hintergründen der Proteste, sondern verbraucht zunächst runde 25 Prozent der Sendezeit, über vermeintliches Schwänzen zu lamentieren und lamentieren zu lassen, um dann so brennende Fragen zu diskutieren, wie etwa, ob die Grünen eine Partei der Verbote sind.

Und Drittens: Den etablierten Politikern geht jedes Verständnis für das Anliegen der Jugendlichen und die Dringlichkeit der Situation ab. Am meisten hatte erwartungsgemäß noch der Ko-Chef der Grünen Robert Habeck verstanden. Es sei doch ganz einfach, die Demos der Schüler zu beenden, ließ er wissen. Die Politik müsse nur die Forderungen der Schüler erfüllen.

Dass es er und seine Partei damit allerdings auch nicht so eilig haben, kann man gerade in seinem Heimatland Schleswig-Holstein sehen, wo eine Jamaika-Koalition den Ausbau der Windenergie ausbremst und Arbeitsplätze in der Branche gefährdet. Hätte Anne-Will sich auf die Sendung ernsthaft vorbereitet, hätte sie Habeck und den ebenfalls eingeladenen Wolfgang Kubicki, langjähriger FDP-Landeschef und Fraktionsvorsitzender im Landtag, 2017 Wechsel in den Bundestag, fragen können, was ihre Parteifreunde denn da in Kiel treiben und ob dies denn dem Klimaschutz dienlich ist.

Doch so sehr ins Inhaltliche sollte dann doch nicht gegangen werden. Mehr interessierte die Moderatorin schon, ob denn nun die Grünen eine Partei der Verbote seien. Auch die olle Kamelle vom so gerne missverstandenen "Veggie-Day" musste hervorgekramt werden, mit der die Grünen vor einigen Jahren in einem kleinen PR-Gau für öffentliche Kantinen wöchentlich einen Tag ohne Fleisch aus Massentierhaltung gefordert hatten.

Besser wurde es auch nicht, als dann Reiner Haseloff, CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, ansetzte, um wortreich den auf die lange Bank geschobenen Kohleausstieg zu verteidigen. Das ginge nicht anders wegen der Existenznöte der Kohlekumpel in seinem Land – etwa 1.200 direkt im Tagebau und Kraftwerken Beschäftigte.

Was sei denn mit ihren Existenzängsten, fragte da Therese Kah, Organisatorin der FridaysForFuture- Streiks in Dortmund. Doch darauf bekam sie natürlich keine Antwort, wie auch keiner nach den Existenzängsten jener rund 2.000 Mitarbeiter von Windenergieanlagen-Herstellern fragt, die im letzten Jahr in strukturschwachen Regionen ihren Arbeitsplatz verloren, weil Bundes- und Landesregierungen mit unterschiedlichen Mitteln die Windenergie ausbremsen.

Bedingungslose Unterstützung bekam Kah nur von Harald Lesch, Astrophysiker, Naturphilosoph und Wissenschaftserklärer in zahlreichen Sendungen. Jetzt müsse gehandelt werden, für den Klimaschutz blieben nicht noch einmal 15 Jahre Zeit. Doch das wollten weder Moderatorin noch Politiker so genau wissen.

Will fragte ihn lieber, ob er denn Professor geworden wäre, wenn er Freitags immer gestreikt – sie nannte es lieber Schwänzen – hätte. "Ja, natürlich", war dessen Reaktion und ansonsten blieb ihm nur bedauernd festzustellen, dass es die Runde nicht schaffe, angemessen inhaltlich zu diskutieren.

Derweil hat die Initiative Scientists4Future die Unterschriften unter jener Stellungnahme ausgezählt, mit der in Deutschland, Österreich und der Schweiz für die Unterstützung der Klimastreiks geworben wird. Demnach haben insgesamt knapp 27.000 Wissenschaftler aus den genannten Ländern unterschrieben. 63 Prozent davon haben einen akademischen Grad, sind also Professoren oder haben zumindest einen Doktortitel. 71 Prozent sind Verfasser wissenschaftlicher Publikationen. 21.676 sind in Deutschland tätig, 2.773 in der Schweiz, 2.221 in Österreich und 131 in anderen Ländern.

In der Stellungenahme heißt es unter anderem: "Zurzeit demonstrieren regelmäßig viele junge Menschen für Klimaschutz und den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erklären wir auf Grundlage gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse: Diese Anliegen sind berechtigt und gut begründet. Die derzeitigen Maßnahmen zum Klima-, Arten-, Wald-, Meeres- und Bodenschutz reichen bei weitem nicht aus."

Mitglieder von Science4Future und ParentsForFuture hatten am gestrigen Sonntag zusammen mit den Schülern in Potsdam zu einer weiteren Demonstration für raschen und effektiven Klimaschutz aufgerufen, die nach Veranstalterangaben 2.500 Menschen auf die Straße brachte.