Sex, Eistee und Videos oder: Wenn Opfer und Täter identisch sind

Außer Kontrolle

Im "Eistee"-Fall sind bis jetzt 11 Jugendlichen Strafen auferlegt worden. Auch gegen das Mädchen, das sich selbst beim Masturbieren mit der Eisteeflasche zeigte, wird ermittelt.

Heranwachsende sind neugierig, auch im sexuellen Bereich. Das ist weder neu noch originell. Doch das, was einst im stillen Kämmerlein höchstens noch der beste Freund/die beste Freundin zu sehen oder hören bekam, findet jetzt immer öfter seinen Weg hinaus in die Öffentlichkeit. Das kann versehentlich passieren oder auch durch einen Vertrauensbruch. Eben ein solcher lag im sogenannten "Eistee"-Fall in der Schweizvor. In diesem Fall ging es um ein 14-jähriges Mädchen, das sich mit Hilfe einer PET-Flasche für Eistee in Masturbationstechniken übte. Da ihr Ex-"Freund" sich wenig freundschaftlich zeigte, stellte er das Video bei Facebook ein, wo es, wenig verwunderlich, innerhalb kurzer Zeit auf reges Interesse stieß.

Die Polizei, die auf das Video aufmerksam gemacht wurde, zeigte zunächst kein Interesse an einer Strafverfolgung, was bei besorgten Bürgern auf Unverständnis stieß. Schließlich aber wurde die Polizei doch aktiv und die Folgen sind nun, knapp vier Monate später, öffentlich geworden.

Gegen 11 Jugendliche, die sich das Video auf ihre Handys heruntergeladen hatten, wurden Strafen wegen Besitzes und Verbreitung von Kinderpornographie verhängt, wobei diese größtenteils aus Arbeitseinsätzen bei Suppenküchen oder ähnlichem bestand. Interessant dabei ist, dass auch das 14-jährige Mädchen selbst unter denjenigen ist, gegen die ermittelt wurde, ihr Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.

Täter/Opfer-Paradoxon

Gegen die 14-Jährige wurde wegen Herstellung von Kinderpornographie ermittelt, da sie ja die Person sei, die von einer Minderjährigen, in diesem Fall sich selbst, ein pornographisches Video angefertigt hat. Die Organisation "Pro Juventute" hat durch ihren Sprecher Stefan Oetiker bereits verlautbaren lassen, dass sie die Strafen für gerechtfertigt hält. "Gesetz ist Gesetz", kommentiert Oetiker dabei die Tatsache, dass auch das Mädchen selbst belangt wird, und spricht von einer Signalwirkung, die die Strafen hätten. So würden Mädchen, die von einem Bekannten nun zu solcherlei Videos genötigt werden, diesen zu Recht darauf hinweisen können, dass solches Vorgehen für beide zu rechtlichen Konsequenzen führen könne.

Stefan Oetikers Ansicht ist dabei bemerkenswert. Zum einen ist seine Argumentation in Bezug auf nötigende Freunde bestenfalls eine wackelige Argumentation. Jemand, der eine minderjährige Person unter Druck setzt, um pornographische Videos von ihr zu erhalten, wird sicherlich nicht wegen des Hinweises auf Verbreitung von Kinderpornographie davon ablassen, da er bereits durch die Nötigung den legalen Weg verlassen hat, dies jedoch ignoriert. Es ist insofern zu erwarten, dass letztendlich der aufgebaute Druck eher sich gegen die Opfer richtet, die somit zunächst zu den Videos und dann zum absoluten Stillschweigen genötigt werden, da sie sonst befürchten, selbst vor Gericht zu landen. "Du darfst es keinem sagen, sonst landest du im Heim", wie es bei sexueller Gewalt oft gegenüber betroffenen Kinder heißt, wird insofern durch "sonst landest du im Knast" ersetzt.

Hinzu kommt, dass Stefan Oetiker hier zeigt, dass er letztendlich am Gesetzestext klebt, ohne zu überlegen, wieso manche Gesetze existieren. Hier übersieht er beispielsweise den Schutzzweck des Gesetzes, das die Herstellung und Verbreitung von Kinderpornographie unter Strafe stellt. Dieser Schutzzweck besteht darin, sexuelle Gewalt gegenüber Minderjährigen zu sanktionieren und möglichst auch durch die Androhung der Strafe zu verhindern. Die Kinderpornographie ist hierbei lediglich die Dokumentation der sexuellen Gewalt. Im Fall einer minderjährigen Person, die von sich selbst ein Masturbationsvideo anfertigt, kam es jedoch zu keiner sexuellen Gewalt. In der Berichterstattung über den Fall war bisher auch nicht die Rede davon, dass das Video unter Einsatz von Gewalt oder gar durch Nötigung durch den "Freund" zustande kam, weshalb letztendlich also die Minderjährige allein beteiligt war.

Nun mag mancher sagen, dass es kaum vorstellbar ist, dass eine 14-Jährige ein Masturbationsvideo von sich anfertigt, ohne dazu genötigt worden zu sein. Doch dies lässt eine Realität außer Acht, in der Kinder an der Schwelle zur Jugendlichkeit eben auch sexuell neugierig sind. Masturbation mit Hilfe von Flaschen, Gemüse usw. ist nun ja nicht gerade im exotischen Sexualbereich anzusiedeln, sondern ist gerade auch bei Frauen, die aus diversen Gründen auf Vibratoren und/oder Dildos verzichten, weit verbreitet. Was die 14-Jährige hier also tat, ist also keinesfalls verwerflich und die teilweise entsetzten Kommentare bezüglich der Masturbationstechnik zeugen eher von einer Doppelmoral innerhalb eines Staates, in der Bücher über inzestuöse Sexualerfahrungen an der Bahnhofsbuchhandlung verfügbar sind.

Wie man mit dem Opferschutz neue Täter schafft

Die Bestrafung bzw. schon die Ermittlung gegen das Mädchen selbst ist insofern auch eine Ermittlung gegen ein "Opfer" (dieses ist ja in Bezug auf Kinderpornographie überhaupt der Grund dafür gewesen, dass eine solche Straftatsregelung besteht), das gleichzeitig auch der Täter bei dieser Straftat ist. Es hat sich insofern an sich selbst strafbar gemacht, was den logischen Widerspruch und die Absurdität dieser Gesetzsprechung aufzeigt. Hinzu kommt, dass ja hier keine sexuelle Gewalt vorliegt, hätte also das Mädchen beispielsweise ihre Sexualpraktik vor dem Spiegel geübt, wäre dies völlig legitim gewesen, während nunmehr die gleiche Handlung nur durch die Dokumentation zum strafbaren Akt wird. Würde man der Argumentation "Dann darf sie eben keine Bilder von diesen Praktiken anfertigen" folgen, so würde man nicht nur in die Privatsphäre des Mädchens, sondern auch in ihre sexuelle Selbstbestimmung eingreifen.

Keine Frage, Vertrauensbrüche, die mit der Veröffentlichung von Privatem einhergehen, sind unangenehm und führen schnell zu Ausgrenzung und Mobbing, gerade wenn es um Minderjährige und Sexualität geht. Doch diese Probleme werden nicht dadurch gelöst, dass Minderjährige unter Androhung von Strafen nach dem Strafgesetzbuch von der Entdeckung der eigenen Sexualität in all ihren Facetten abgehalten werden. Dass sie vor Nötigung geschützt werden müssen, ist selbstverständlich, doch wenn sie selbst wegen des Anfertigens von Videos, die nur sie selbst zeigen, strafrechtlich verfolgt werden, hat das Gesetz, das sie einst davor schützen sollte, zu Opfern zu werden, dafür gesorgt, dass sie zu Tätern werden. Dies ist der falsche Weg.

Wichtiger als hier auf "Signalwirkung" und Abschreckung zu hoffen bzw. dafür zu plädieren, wäre ein offener Umgang mit Sexualität, der beispielsweise bei anderen Minderjährigen beim Anschauen solcher Videos nicht zur Ausgrenzung des Mädchens, sondern zu einer Diskussion darüber, wie es den Weg ins Netz fand, führt. Wobei hier noch angemerkt werden muss, dass zwar der Begriff "Cybermobbing" mittlerweile inflationär gebraucht wird, es sich jedoch schlichtweg immer um Mobbing handelt, was durch die "neuen Medien" einfach noch verstärkt wird, da die Bilder usw., die ansonsten an den Pinwänden hingen und/oder unter der Hand verteilt wurden, nun in Sekundenschnelle per Handy usw. ausgetauscht und weitergegeben werden können. Gegen diese Probleme werden schnell digitale Radiergummis ins Feld geführt, doch letztendlich kann gegen Mobbing nur eine Strategie helfen, die von Toleranz und Mitgefühl geprägt ist. Ob sich dies mit einer zunehmenden Ellbogengesellschaft vereinbaren lässt, ist da die zweite Frage.