Sie haben da was im Auge

Klingt immer noch wie Science Fiction, scheint aber jetzt so gut wie marktreif zu sein: die VR-Kontaktlinse. Es ist nur unklar, für welchen Markt.

Ein bisschen fühlt man sich immer an die Sache mit dem zerknüllbaren elektronischen Papier erinnert: Seit knapp 30 Jahren tauchen immer wieder Gerüchte darüber auf, dass man das Material jetzt aber wirklich auf den Markt bringen wird und damit den Formfaktor von PCs entscheidend verändern wird. Und seit 30 Jahren passiert das eher im Sommerloch, wenn es gerade keine neuen iPhones (seit 15 Jahren, OK) zu präsentieren gilt.

Vielleicht ist das jetzt wieder soetwas, denn seit den Terminator-Filmen, den guten ersten paar, meine ich, schwirrt die Idee herum, dass es doch bald eine VR-Kontaktlinse geben müsste. Und dass man dazu vielleicht kein Cyborg, sondern ein ganz normales Lieschen Müller sein könnte.

Nun ist es wieder soweit, die Nachricht von einer fast marktreifen VR-Linse wabert wieder durch die Medienkanäle. Und dabei ist es dieses Mal nicht einmal Sommer. Mojo Vision soll sich wie Science Fiction anfühlen, so gut wie marktreif sein und eine ziemlich tolle Erfahrung bieten. Soweit jedenfalls Journalisten, die schon mal ein Auge riskieren und durch so eine Linse schauen durften. Also, sie nicht wirklich auf dem Auge trugen ... sie durften nur mal durch den Prototypen schauen und staunen, dass man dort angeblich ein LED-Display mit 14.000 Pixeln pro Inch zustande gebracht habe.

Aber sei es drum. Future is bright, und bald wird es diese Linsen auf einem Markt geben, bei dem man sich von seiten Mojo eine Menge an User-Szenarien vorstellen kann. Zum Beispiel Consumer für Spiele, Professionals für den Flugzeugbau und natürlich sehbehinderte Mitmenschen, denen der PC dann "Achtung, da vorne kommt Ihnen ein Flugzeug entgegen" quer über den tragbaren Bildschirm schreiben könnte. Klingt gut. Spannend.

Der derzeitige Markt für VR-Brillen scheint immer noch ein wenig vor sich hin zu schwächeln. Während Oculus inzwischen auf eine permanente Preissenkung von 160 USD eingroovt, was nicht immer ein Zeichen von Markterfolg sein muss, gibt Microsoft für seine HoloLens 2, die immerhin das 20Fache davon kostet, zu, dass das Display nicht so dolle funktioniert. Man arbeite daran. Vielleicht erklärt sich der mangelnde Absatz dieser Science Fiction in Supermarktregalen auch damit, dass Kunden nicht wirklich riesige, abschließende Devices auf ihren Gesichtskreis pressen wollen.

Man sieht damit nicht wirklich sexy und intelligent aus, schon gar nicht, wenn man dabei beobachtet wird, wie man Drachen mit einem Hammer bekämpft und dabei von außen die Gestik eines vollbetrunkenen Regaleinräumers nachäfft. Vielleicht ist es auch die Idee, generell einen Gegenstand auf die Nase zu binden. Deshalb wird dieses Device, das die Atemluft kühlen soll, auch kein wirklicher Marktrenner werden. Auch wenn die Absichten natürlich cool sind.

Nein, vielleicht ist genau deshalb so eine Linse ein Riesenerfolg, wenn sie kommt. Denn damit hat man keine Litfaßsäulen mehr vor den Spielergesichtern. Die meisten Menschen werden gar nicht merken, dass sie eben von ihrem Mitmenschen angeschaut und in Facebook recherchiert werden. Aber halt, vielleicht liegt dann da wieder genau die Crux dieser Technologie, wenn sie denn kommt.

Linsenträger brauchen heute noch nicht extra gekennzeichnet zu werden, weil diese Dinger nichts können als den eigenen Blick scharfzustellen. Aber wenn in Zukunft die Onlinelinse käme, müssten ihre Träger dann vielleicht ein großes "Video Surveillance" Schild auf den Köpfen tragen. Das ist ungünstig bei aufkommendem Wind und sieht bescheuert aus. Was nun auch wieder den Markterfolg schmälern dürfte.

Nein, diese Linse kommt so sicher wie das elektronische Papier, und deshalb freuen wir uns darauf. Und wenn sie kommt, dann wird sie sicher ein Blurring Feature für die eingebaut haben, die nicht heimlich abgescannt werden wollen. Was den Sehbehinderten vielleicht die letzte Verzweiflung ins Gesicht schreiben wird, weil sie das Feature in der Gebrauchsanweisung, die sie eh nicht lesen konnten, übersehen haben.

Die Zukunft wird toll, einfach wird sie nicht.