"Sie tun es spät in der Nacht, wenn ihre Eltern schlafen"

Angste vor dem Kommunikationszwang könnten in einem Punkt zutreffen: Es wird Konformität gefördert und die Entwicklung von sperriger Individualität untergraben.

Wir sind umgeben von vielerlei Gefahren, die uns abhängig machen oder ungünstig beeinflussen können: Computer, das Internet und vor allem Computerspiele, Social Networking-Websites, Computersex, natürlich auch die Glücks- und Börsenspiele. Wer genau Ausschau hält, wird weitere drohende Gefahren bemerken. Da wären natürlich auch die Handys. Weniger das Telefonieren und ständige erreichbar sein, das machen wir ja alle, sondern das exzessive SMSen oder Texting, das die Kinder und Jugendlichen praktizieren, die hilflos den neuen Techniken ausgeliefert sind.

So heißt es mit eindringlichen Worten in der New York Times: "Sie tun es spät in der Nacht, wenn ihre Eltern schlafen. Sie machen es in Restaurants und beim Überqueren viel befahrener Straßen. Sie machen es im Klassenzimmer mit ihren Händen im Rücken. Sie tun es so lange, bis ihre Daumen schmerzen." Es geht nicht um Sex, wie manche denken könnten, zumindest nicht direkt. Es geht um Teenager, die in den USA Ende 2008 angeblich durchschnittlich 2.272 SMS-Botschaften im Monat empfangen oder gesendet haben, 80 am Tag, doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Das würde Mediziner und Psychologen Sorgen bereiten, heißt es weiter, es drohen Ängste, Schulversagen, Schlafstörungen, das RSI-Syndrom.

Die Psychologin Sherry Turkle, die seit vielen Jahren das Medienverhalten untersucht, meint, dass damit die Entwicklung der Jugendlichen gefährdet würde. Eigentlich müssten sie sich von ihren Eltern ablösen und selbständig werden. Das aber werde durch die SMS-Anbindung gestört. Jetzt würden heranwachsende Mädchen andauernd SMS an ihre Mütter schicken und fragen, ob sie diese oder jene Schuhe kaufen sollen. Und wenn die Handys dauernd aufmerksamkeitsheischend brummen, tönen oder singen, weil die nächste Nachricht abgehört oder gelesen werden soll, sei es schwierig, ruhig und friedlich zu sein, um sich selbst zu finden: "Wenn man von permanenter Kommunikation überschwemmt wird, ist der Druck, sofort zu antworten, ziemlich groß. Wenn man mitten in einem Gedanken steckt, kann man ihn vergessen." Gehetzt und an der Leine kommt nichts heraus, was sich festigen und individualisieren kann.

Klingt einleuchtend, ebenso wie die Überlegungen des Psychotherapeuten Michael Hausauer, der der NYT sagte, dass die Jugendlichen einfach ein großes Interesse haben zu wissen, was bei ihren Freunden und Bekannten los ist. Das sei gepaart mit einer ebenso großen Angst, ausgeschlossen zu sein – "a terrific anxiety about being out of the loop”. Und deswegen muss man mit allen medialen und kommunikativen Mitteln, die überall leicht vorhanden sein, immer dabei sein. Mit Texting wäre man aber nicht nur mit anderen verbunden, sondern gerate auch unter Druck, weil man eben auch immer präsent sein müsse. Muss man also vom Terror der medialen Aufmerksamkeit sprechen, der auch ein enormer Druck ist, sich im Hinblick auf das konform zu verhalten, was gerade mehrheitsfähig oder in ist?

Möglicherweise erzeugt die Vielzahl an verfügbaren Kommunikationsmitteln nicht nur den Zwang, stets präsent und ansprechbar zu sein, stetig mitzumischen und keine Chance zu verpassen, sondern auch die Panik vor der schwarzen Kommunikationsloch, also einer Einsamkeit, die vermutlich wichtig ist, um Selbstbewusstsein und Personalität auch gegen den sozialen Strom entstehen zu lassen. Jetzt, so könnte man den Vertretern der Medienangst zugute halten, wird die Maschinerie der gesellschaftlichen und kollektiven Konformität immer stärker, die Medien fördern, allen voran Web 2.0-Angebote, das, was populär ist, während die sperrige oder verkauzte, aber auch – zumindest gelegentlich – kreative und verstörende Individualität ins Hintertreffen gerät. Sollte dies so sein, so brauchen wir mehr digitale Eremiten, also Menschen, die die Informations- und Kommunikationsmittel selbstbestimmt nutzen und vor allem auch nicht nutzen können. Die es aushalten, nicht dabei zu sein, für sich zu sein, allein zu sein, ausgeschlossen zu sein, kurz: Individuen zu sein.

Um auf den NYT-Artikel zurückzukommen. Es werden nicht nur die psychischen Folgen der Kommunikationsabhängigkeit beschworen, sondern auch die körperlichen. Zu viel SMS-Botschaften zu schreiben, beansprucht schließlich auch Daumen und Finger und kann zu Schmerzen führen. Die von vielen Altvorderen gegenüber den neuen Medien gefeierte Kulturtechnik Lesen hat freilich auch zu Veränderungen des Körpers und zu "unnatürlichen" Körperhaltungen geführt, die stundenlang und verkrümmt sitzend ausgeführt wurden und werden.

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