Sind deutsche Hochschulen nur mit Psychopharmaka zu ertragen?

Die Bologna-Reform hat nach Umfragen die psychosozialen Leiden bei Studenten ansteigen lassen

Das Studium an deutschen Hochschulen ist für viele Kommilitonen nur mit Pillen und Tabletten zu ertragen. Zu diesem Schluss muss man kommen, wenn man die Auswertung einer Studie der Techniker Krankenkasse liest, die kürzlich veröffentlicht wurde. Sie untersuchte die gesundheitliche Situation von Kommilitonen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren. Demnach erhielt ein Student im Jahr 2010 durchschnittlich 13,5 Tagesdosen Psychopharmaka und Co.. Vier Jahre vorher waren es 8,7 Tagesdosen - eine Steigerung um 55 Prozent. Erwerbspersonen in dieser Altersgruppe bekamen 2010 statistisch gesehen 9,9 Tagesdosen verschrieben und damit "nur" 39 Prozent mehr als 2006 (7,1 Tagesdosen). Insgesamt wurden jedem Kommilitonen im Jahr 2010 Medikamente für 65 Tage verordnet, einem erwerbstätigen Altersgenossen dagegen 72 Tagesdosen. Bei studierenden Frauen wird nach der Studie mehr als doppelt so häufig ein psychisches Leiden diagnostiziert wie bei Männern. Diese Diagnose nimmt bei Studierenden beiderlei Geschlechts mit dem Alter zu.

Die Ergebnisse der Studie korrelieren mit einer aktuellen Forsa-Umfrage unter tausend Studierenden in Nordrhein-Westfalen im Mai 2012. 64 Prozent der Befragten klagen über Prüfungsdruck, 55 % über Zeitdruck und 36 % über finanzielle Probleme. Frauen sind davon in allen drei Punkten deutlich höher betroffen. Doch die am Schluss der Studie empfohlenen Kurse "Stressfrei durch die Prüfung" und die beworbene Stress-Hotlinie können allerhöchstens Symptome lindern, aber nicht die Ursachen bekämpfen.

Die liegen in einer Bildungspolitik, die die weitere Ökonomisierung der Hochschulen zur Folge hat. Mehr Burnout durch Bologna ist eine Soziologie-Diplomarbeit an der TU Chemnitz überschrieben, die ein Ansteigen der psychosozialen Leiden feststellt. Für die Arbeit wurden 36 Mitarbeiter von psychologischen Beratungsstellen des Studentenwerkes aus der ganzen Republik befragt. 83 % konstatieren eine Zunahme von Überlastung und psychischer Erschöpfung bei den Studierenden und ziehen einen Zusammenhang mit der aktuellen Bildungspolitik und dem allgemein verschärften Leistungsdruck in der Gesellschaft. Besonders die Umstellung auf das Bachelor-Master-Studiensystem habe zu massiven Zeitdruck und dem Verlust von Freiräumen geführt. Die Folge seien Lernblockaden, die auch zu vermehrten Studienabbrüchen führen.

Die Zahlen der unterschiedlichen Befragungen ergeben eine klare Diagnose: Eine Bildungspolitik, die schon vom ersten Semester an den Studierenden zur unternehmerischen Ich-AG erzieht, macht krank. Die Zahlen gaben auch den Studierenden recht, die sich in den letzten Jahren mit verschiedenen Aktionen gegen den Bologna-Prozess in den deutschen Hochschulen wehrten.

Dabei haben sie zunehmend mit dem Problem zu kämpfen, dass der mit der Reform verbundene Leistungsdruck vielen Kommilitonen keine Zeit mehr zum Protest lässt. Auch immer mehr selbstverwalteten Projekten an den Hochschulen, seien es selbstorganisierte Tutorien oder von den Fakultäten getragene Cafés, droht die personelle Austrocknung, weil die Kommilitonen im Zeitalter von Bologna keine Zeit mehr für ein solches gesellschaftliches Engagement haben. Daher ist es umso wichtiger, dass zumindest in der Frage der Studiengebühren die Bildungsproteste der letzten Jahre einen deutlichen Erfolg erzielten, wenn sogar die CSU mit der Campusmaut nicht mehr vor die Wähler treten will.

Schließlich verschärfen die Studiengebühren die sozialen Probleme der Kommilitonen noch. Davon können auch die letzten treuen Befürworter der Unimaut, wozu der Taz-Bildungsredakteur Christian Füller gehört, nicht hinwegtäuschen. Die Zunahme des Medikamentenkonsums und der psychischen Diagnosen sind der Preis einer Bildungspolitik, die das Ziel hat, dass alle nur noch funktionieren sollen. Wenn der Körper streikt, sollen Medikamente helfen, bis dann das Burnout kommt.

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