Sind höhere Produktionskosten ein Vorteil für den Standort Deutschland?

Eine Studie des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung löst unterschiedliche Reaktionen aus

Die Produktionskosten in Deutschland sind leicht gestiegen. Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Das gewerkschaftsnahe Institut bewertet das Ergebnis sehr unaufgeregt und betont, dass Deutschland bei den Arbeitskosten im EU-Rahmen weiterhin im Mittelfeld liegt. Ganz anders werden die Zahlen in der wirtschaftsnahen Presse bewertet. "Der Standort Deutschland wird teurer", titelte die "Welt". "Nun steigen die Löhne und damit auch die Arbeitskosten stärker als im EU-Schnitt - das Land verliert an Wettbewerbsfähigkeit", bringt das Leitmedium des Springerkonzerns die Argumente der Industrie auf dem Punkt.

Der Wissenschaftliche Direktor des IMK, Gustav Horn, kritisiert diese Position:

"Viele Ökonomen und Politiker in Deutschland waren extrem fixiert auf möglichst niedrige Arbeitskosten. Die Kehrseite bildete eine schwache Entwicklung bei Löhnen, Binnennachfrage, Importen und Investitionen."

Das habe der wirtschaftlichen Basis nicht gut getan und zur Krise im Euroraum beigetragen, betont der Ökonom. Die aktuellen Arbeitskosten-Daten würden nur den vorsichtigen Einstieg in eine Korrektur dieser Fehlentwicklung signalisieren.

"Wir erleben derzeit die positiven Auswirkungen: Höhere Löhne bei stabiler Beschäftigungsentwicklung schaffen die Voraussetzungen für einen relativ kräftigen privaten Konsum. Das stützt unsere Wirtschaft."

Nun scheint auch kein gewerkschaftsnaher Ökonom zur Stützung seiner Argumente für mehr Lohn ohne einen Verweis auf die Nützlichkeit für den Standort Deutschland nicht auszukommen. Trotzdem ist diese keynsianistische Position, die sich von höheren Löhnen eine Stimulierung der Binnenwirtschaft und einen Abbau der Disparitäten im Euroraum verspricht, noch immer in der Minderheit.

Dort befinden sich auch noch die Positionen des DM-Nationalismus, die allerdings auch in Wirtschaftskreisen schon ernsthaft diskutiert werden. Die IMK-Studie zeigt aber auch deutlich, dass es Nutznießer der n niedrigen Kosten der Ware Arbeitskraft in Deutschland gibt.

So profitierte die Industrie von den niedrigen Löhnen, die im deutschen Dienstleistungssektor bezahlt werden. Die Differenz zu den Löhnen in der Industrie wird mit etwa 20 Prozent angegeben. Die preiswerten Vorleistungen dieser Dienstleister hätten der deutschen Industrie im europäischen Wettbewerb einen Kostenvorteil zwischen 8 und 10 Prozent verschafft, das entspricht rund drei Euro je Arbeitsstunde.

Auch nach Einführung eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohnes von 8,50 Euro würde dieser Kostenvorteil nach Einschätzung der IMK-Studie nicht verschwinden. Er würde schrumpfen, betrage aber immer noch 6 bis 7 Prozent gegenüber wichtigen Konkurrenten. Im privaten Dienstleistungssektor lagen die deutschen Arbeitskosten 2012 mit 28,40 Euro weiterhin an neunter Stelle nach den Benelux-Ländern, den nordischen EU-Staaten, Frankreich und Österreich. Den höchsten Wert wies auch hier Schweden mit 41,90 Euro aus, der Durchschnitt im Euroraum beträgt 27,70 Euro.

Auf die Studie können sich Beschäftigte berufen, die, wie zurzeit im Handel, gegen die Verschlechterung ihrer Lohn- und Arbeitsverhältnisse kämpfen, oder gar mehr Lohn fordern. Wird es vielleicht bald einen Streik geben, der mit der Rettung des deutschen Wirtschaftsstandorts durch höhere Löhne begründet wird? Sicher nicht. Denn in vielen Branchen sind sich Unternehmen und Beschäftigte einig, dass für den Standort Deutschland Opfer gebracht werden müssen.

Das wird im gerade veröffentlichten Praktikantenspiegel 2014 deutlich, der sich mit der Lage jener wachsenden Bevölkerungsgruppe befasst, die seit einigen Jahren als Generation Praktikum durch die Medien geistert.

Andere wollten eher vom Prekariat sprechen. Einige Zeit bemühten sich soziale Bewegungen, wie der Euromayday um die Organisierung dieser Menschen. Irgendwann ist auch bei der SPD und dem DGB die Erkenntnis gereift, dass da eine soziale Schieflage vorliegt. Doch nun kommt der aktuellste Praktikantenspiegel zu dem Fazit:

"Die 'Neue Generation Praktikum' ist zufrieden und mobil, hält aber überwiegend nur privaten Kontakt zum Unternehmen."

Ob die Praktikanten zu Lohnforderungen und vielleicht sogar zum Kämpfen motiviert werden, wenn argumentiert wird, das nütze auch dem Wirtschaftsstandort Deutschland, ist fraglich.

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