Skurril, zu soft und ohne jede Tiefe

Selbst dem Öffentlich-Rechtlichen Staatsfernsehen geht sein talkendes Personal ob seiner ewig wiederkehrender Gäste und Themen allmählich auf die Nerven

Harald Schmidt ist schon weg. Vermissen werden ihn nur wenige. Seine besten Jahre hat er längst hinter sich. Nachdem er sich als wandelnde "Medienhure" von Sender zu Sender gehangelt hatte und dabei jedes Mal Millionen an Euro einsackte, ist er ab 4. September nur noch auf Sky im Abo-Paket für ca. 34 Euro im Monat zu sehen, und zwar von Dienstag bis Donnerstag.

Thomas Gottschalk wiederum, den Frau Piel, die WDR-Intendantin, erst letztes Jahr für sechs Millionen Euro, die Produktionskosten nicht mitgerechnet, dem ZDF abspenstig gemacht hatte, haben die Verantwortlichen nach gut viereinhalb Monaten den Stecker herausgezogen und ihn vom Bildschirm verbannt.

"Gottschalk Live", das nur einen Inhalt kannte, nämlich den Moderator selbst, war selbst seinen weiblichen Fans, die sich gefühlt jenseits der fünfzig bewegen, zu einfältig und belanglos, zu oberflächlich und desorientiert. Auch "Tommys" Bekanntheitsgrad wird mittlerweile in "Followern" gemessen.

Zum Vorabend im Ersten wollte ihm aber anscheinend niemand mehr so recht folgen. Aus Neugier wurde rasch Abneigung und schlug dann sogar in Mitleid um - trotz eines FAZ-Redakteurs, der in den Sendungen "Geistvolles" entdeckt haben wollte. Sonst wäre das Debakel des Formats mit dem alternden "Star" im Mittelpunkt nicht so groß gewesen.

Dem eitlen "Gecken" und "Selbstdarsteller", der sich selbst für unwiderstehlich und einen "Fernsehgott" hält und gern damit kokettiert, mit den Stars dieser Welt auf Du und Du zu sein, will im Grunde niemand mehr nirgendwohin folgen. Zumal der "große Blonde" mit den wallenden Haaren und den affigen Schuhen, der von allen "gebauchpinselt" werden will, am Schluss nur noch wirres Zeug daherredete und Namen und Adressen verwechselte.

Wie realitätsfern der gebürtige Kulmbacher mittlerweile geworden ist, davon zeugen etliche Interviews, die er nach dem abrupten Aus seiner Show am 7. Juni, ausgewählten, ihm streng ergebenen Journalisten gegeben hat.

Sein Konzept (welches Konzept eigentlich?) habe er "aus Kostengründen" nicht verwirklichen können, sagte er dem Focus. So habe er sich etwa eine Liveschaltung zu (hört! hört!) Papst Benedikt vorgestellt, mit Hendryk M. Broder an der Seite. Das Erste habe diese Unterhaltung mit ihm aber abgelehnt.

Ohne ihn, diktierte er dem Medienredakteur der FAZ, Michael Hanfeld, ins Mikrofon, werde die deutsche Fernsehlandschaft "veröden". Mancher wird sich da der "blühenden Landschaften" erinnern, die laut Helmut Kohl im Osten entstehen sollten, aber nie entstanden sind.

Das "Selbstbewusstsein" scheint "Tommy", auch nach seinem kläglichem Aus, nicht abhanden gekommen zu sein. Freilich hat es ihm daran auch nie gemangelt. Schuld, dass er im Abseits gelandet ist, haben andere, nicht er. Vorher nachdenken wäre gewiss besser gewesen, als sich nur auf seinen "Namen" zu verlassen.

Immerhin durfte der "vermeintliche Retter des Vorabends", der "zum Verlierer des Vorabends" aufstieg - auch eine Art von Karriere - , bei Spiegel Online jene Sendung zusammen mit Stefan Kuzmany moderieren, die ihm die ARD am 7. Juni verwehrt hatte und stattdessen einen Vorbericht zur EM in Polen und Ukraine brachte.

Im Vorlauf dazu huldigte ein weiterer Spiegel-Reporter dem als schlagfertig geltenden Moderator. Für das Fernsehen habe der "Paradiesvogel" nicht nur "große Kunst" geliefert, er sei auch "der Größte, den das deutsche Fernsehen zu bieten hat" ( Die Sache mit den Eierstöcken).

Dabei spannte der Feiernde den Bogen von Gottschalks ersten "Gehversuchen", die er gemeinsam mit Günther Jauch im "Bayerischen Rundfunk" unternommen hatte, bis hin zur Dauerwerbesendung "Wetten dass..?, jener Show, bei der immer die gleichen Prominenten auf der Couch saßen, um ihren Film, ihre CD oder Fernsehshow vorzustellen und dabei von grotesken Wetten skurriler Personen unterbrochen werden.

Gewiss hat Gottschalk einige Neuerungen ins deutsche Fernsehen eingebracht. Nur ihm war es gestattet, mit geschmacklosen Outfits den heiligen Fernsehsamstagabend zu begehen; nur er brachte es lange Zeit fertig, McLuhans Vision vom "Herdfeuer", um das sich die Nation versammelt, am Leben zu halten; und nur er durfte unvorbereitet vor den Bildschirm treten, jedermann duzen und ungestraft "Grapschattacken" gegen weibliche Knie, Beine oder Schultern fahren.

Nicht verstanden hat er allerdings, dass jede Marke, auch die seine, nicht nur "Gütesiegel", sondern auch und vor allem ein "Verfallsdatum" besitzt. Weil das so ist, ist für jeden Niedergang zuallererst auch der Zu-nieder-Gehende mitverantwortlich. Statt neue Ideen einzubringen und damit zu wachsen und "zu werden", wie Alexander Gorkow in der SZ schrieb, reichte es ihm (wie auch Harald Schmidt) bloß "zu sein". Eitel bis in die Fußsohlen, an latenter Selbstüberschätzung leidend, drehte er ständig und immer am gleichen Rad und verharrte im "Status Quo". Nicht zufällig heißt so auch seine Lieblingsrockband.

Als die Einschaltquoten dann dahinschmolzen, er sich plötzlich an "Dieter Bohlen" und dem "Dschungelcamp" messen wollte, hatte er seinen Untergang besiegelt. Der Versuch, die Sendung mit "Stunts" oder "Geschmacklosigkeiten" attraktiver zu machen und dadurch einen Großteil des RTL2-Publikums zu sich zu lotsen, war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Am Schluss konnte der "anarchische Paradiesvogel", so der huldigende Spiegel-Redakteur, nur noch mit Hilfe der Bild-Schlagzeilen und einer jauchzend-glucksenden Blondine namens Hunziker im ZDF "überleben".

Als sich das Desaster schon abzeichnete und das Ende seiner Vorabendsendung nur noch eine Frage der Zeit war, kokettierte er vor dem Bildschirm glatt mit einer Rückkehr zum ZDF und zu "Wetten dass..? Dass der derart umworbene Sender ihm die kalte Schulter zeigte und ebenso umgehend wie dankend ablehnte, mag ein deutlicher Hinweis auf den Wertverfall seiner "Marke" sein. Nicht einmal sein ehemaliger Haussender will ihn mehr sehen.

Der eine oder andere Talker im Ersten, Günther Jauch, Anne Will, Frank Plasberg und Co. könnten das Schicksal Schmidts oder Gottschalks (kennt überhaupt noch jemand Joseph B. Kerner? Über den gab es sogar mal ein Suhrkamp-Bändchen) bald teilen. Was sich vor Jahresschluss noch wie Zukunftsmusik anhörte, ein Aus dieses programmpolitischen Blödsinns, könnte nämlich tatsächlich bald Wirklichkeit werden.

Das Erste hat jetzt auch sie unter verschärfte Beobachtung gestellt. Das geht zumindest aus einem "Geheim-Dokument" hervor, das die "Bild-Zeitung" schon letzte Woche öffentlich gemacht hat, ehe es, mit einiger Verspätung, auch von der restlichen Presse wahrgenommen wurde.

Als das Erste letztes Jahr den vermeintlichen "Startalker" Jauch, nach langem Werben mit Zigmillionen endlich zur ARD holte, hatte das einen erheblichen Umbau des Abendprogramms zur Folge. Seitdem ist von Sonntag bis Donnerstag allabendlich eine Gesprächsrunde angesetzt. Die Moderatoren, die man für viel Gebührengeld angeheuert und mit lang laufenden Verträgen ausgestattet hatte, wollen schließlich versorgt sein.

Bereits damals gab es warnende Stimmen, die vor einer Überfütterung des Publikums warnten, vor Themen- und Gästedoppelungen. Die WDR-Intendantin Monika Piel, die derzeit der gebührenfinanzierten "Arbeitsgemeinschaft" noch bis Dezember vorsteht, gerade beim WDR um ihre Wiederwahl kämpft und auch für den Gottschalk-Fehlschlag verantwortlich zeichnet, beschwichtigte und setzte durch, dass fortan ein Gremium streng über Themenauswahl und Gästelisten wachen sollte, das die Redaktionen vorab einzureichen hatten.

Genutzt hat es wenig, wie nicht nur der Zuseher Woche für Woche vor dem Screen erfahren kann oder muss. Auch der ARD-Programmausschuss, in dem alle Landesrundfunkanstalten vertreten sind, räumt das jetzt ein. Erhebliche "Qualitätsdefizite" gebe es danach sowohl bei den "Gästen" als auch bei den "Inhalten", also bei genau den Dingen, die man durch die Einsetzung dieses Kontrollgremiums verhindern wollte.

Statt auf die hauseigene "Gästedatenbank" zurückzugreifen, so der Ausschuss, kochten die Redaktionen ihr eigenes Süppchen. Dies führe dazu, dass die ewiggleichen Gesichter, Sprüche und Geschichten auf den Bildschirmen auftauchten, Frau Wagenknecht, Herr Geißler oder Frau von der Leyen etwa oder auch "Mister Dax", Dirk Müller, oder der Mann vom "Stern", Hans-Ulrich Jörges.

Die sorgten zwar mitunter für "Unterhaltungswert", für vertieftes Wissen aber hingegen nicht. Vermisst werden danach Experten, die quer denken, über Knowhow verfügen und zu einem Thema kompetent Stellung nehmen können.

Vor allem die Moderatoren bekommen dabei ihr Fett ab ( ARD-Programmbeirat attackiert eigene Moderatoren. Vor allem ihnen wird ein mieses Zeugnis ausgestellt. Von Beliebig- und Eintönigkeit, von Kanten- und Profillosigkeit ist da die Rede.

Habe der eine, Plasberg, seinen Biss verloren, verliere sich die andere, Will, in "Oberflächlichkeiten", die durch "Klatscheinlagen" des Publikums an falschen Stellen untermalt wird. Versuche die eine, Maischberger, mit der Einladung "skurriler" Gestalten auf sich aufmerksam zu machen, versucht sich der andere, Jauch, in "Effekthascherei" und "Stimmungsmache".

Vermutlich hat man da die Diskussion zwischen Thilo Sarrazin und Peer Steinbrück im Auge, sowie jene Dauersendungen zur "Bobbycar-Affäre Wulff", in der immer wieder die "Geldgier" des damaligen Bundespräsidenten angeprangert wurde, Jauch aber selbst in die Schusslinie geriet, als ein Gast ihm vorwarf, selbst keinen Euro liegen zu lassen.

Damit verstärkt der Beirat, der auch dem ARD-Programmdirektor Volker Herres zur Seite steht und ihm Empfehlungen gibt, jene Kritik, die davor schon Verantwortliche des WDR und NDR an dem "Sonnyboy" des deutschen Fernsehens geübt hatte ( Offensive in der Defensive).

Jauchs "Gesprächsführung" sei nicht journalistisch genug. Er lasse Themen schweifen, scheue Konflikte, hake nicht nach und gehe auf Beiträge seiner Gesprächspartner nicht ein. Zudem verlasse er häufig seine moderierende Position, er frage "suggestiv" oder stelle gar seine eigene Meinung in den Vordergrund. Günther Jauch gleiche eher einer "Showsendung" als einem "Polittalk".

Diese harsche Kritik verwundert. Einerseits. Mag Herr Jauch auch eine journalistische Ausbildung genossen haben, richtig journalistisch tätig war er eigentlich nie. Weder beim Bayerischen Rundfunk noch bei RTL. Insofern hätte die ARD wissen müssen, wen sie sich da ins Boot holt und mit einem gebührenfinanzierten Luxusvertrag ausstattet. Jauch war immer schon eher ein "Unterhaltungsmensch", dem es an Ernsthaftigkeit für das journalistische Geschäft fehlt.

Schon deswegen hätte man sich an fünf Fingern ausrechnen können, dass Jauch den sonntäglichen Talk nach dem "Tatort" in "stern-tv-Manier" betreiben und seine Gästerunden mit Quizkandidaten aus "Einer wird Millionär" verwechseln würde. An dieser Befürchtung, die einige ARD-Oberen hegten, war sein 2007 schon mal geplantes Engagement gescheitert. Erst als die WDR-Intendantin Monika Piel den Vorsitz innehatte, wurde der Deal mit Jauch über die Bühne gebracht, an manchen Gremien vorbei, wie man munkelt.

Deutlich ist auch die Warnung, die in dem Papier zum Ausdruck kommt. Der Beirat spricht von einem "Überdenken" der Anzahl der Talkformate und davon, sie eingehender Beobachtung, sprich "Qualitätsmanagement" zu unterwerfen. Zugleich moniert er, dass die Produktionen dieser Formate externen Gesellschaften unterliegen, statt sie ARD-intern zu produzieren.

Wie ernst diese Ratschläge und Empfehlungen zu nehmen sind, steht in den Sternen. Zum einen hat man, als die Rüffel öffentlich wurden, rasch ein Lob nachgeschoben. Im Grunde sei man mit dem talkenden Personal hoch zufrieden. Vor allem Reinhold Beckmann wird gesondert herausgehoben. Nach Sendungen mit ihm habe man einen Mehrwert an Information, heißt es da. Andererseits weiß man aber, dass die fünf Talker mit langlaufenden Verträgen ausgestattet sind, bis Ende 2013, wie die SZ zu wissen glaubt.

Dass Verträge und große Namen nicht vor Abschaltung schützen, besonders in der ARD, hat man an "Gottschalk live" gesehen. Die "Arbeitsgemeinschaft" ist da rigoros. Zur Not bezahlt sie die Moderatoren auch, ohne dass sie dafür auf Sendung gehen müssen. Gebührengelder, um die "Arbeitslosigkeit" der Talker zu finanzieren, sind reichlich vorhanden, sie werden Monat für Monat zwangsabgeführt, ohne dass der Zuschauer echten Einfluss auf das hat, was alltäglich gesendet wird. Vom Ausschaltknopf oder der Fernbedienung mal ganz abgesehen.

Ich, für meinen Teil, habe aus all dem längst meine Konsequenzen gezogen, ich gucke kaum noch das Gebühren gesponserte Staatsfernsehen. Stattdessen bin ich zum Sky-Abonnenten geworden. Dort ist nicht nur das Programm besser, vielfältiger und fast ohne Werbeunterbrechungen, dort sind auch die Moderatoren und Reporter kompetenter als im privat- und gebührenfinanzierten Fernsehen.

Das gilt für Serien, die ich kaum, wie für Filme, die ich selten schaue. Vor allem aber für Sport- und Fußballübertragungen, die bei Sky bestens aufbereitet, kommentiert und betreut werden. Wer die hohen Kosten beklagt, der sollte bedenken, dass ein Monats-Abo der SZ, der FAZ oder irgendeiner anderen Tageszeitung, je nach Sky-Paket, um ein Vielfaches höher oder nahezu gleich ist.

Anzeige