"Sogar die beschissenen Songs waren ziemlich gut"

Peter Hooks Geschichte von Joy Division: Denn nur wer dabei war, kann wissen, wie es damals wirklich war, als No Future begann

Joy Division, jene Postpunk-Band aus dem Norden Englands, hat zweifellos Musikgeschichte geschrieben. Und das, obwohl sie es in den gut drei Jahren ihrer Existenz nur auf eine Handvoll Singles und zwei Langspielplatten gebracht hat - sieht man mal von einem dritten Longplayer ab, der unveröffentlichte Aufnahmen, etwa "Ceremony" und das letzte Konzert wiedergibt, das die Band im Frühjahr 1980 in Birmingham an der dortigen Universität gegeben hat und ein Jahr nach ihrer Auflösung veröffentlicht wurde.

Eigentlich ist ihre Geschichte längst auserzählt. Etliche Bücher sind mittlerweile über das Quartett verfasst worden, erst recht über Ian Curtis, den charismatisch-tragischen Sänger, der an schweren epileptischen Anfällen litt und sich zwei Tage, bevor die Band zu ihrer ersten Amerikatour aufbrechen wollte, in der Küche seines Hauses erhängt hat.

Hinzu kommen die Erinnerungen von Debbie, der Frau von Curtis, sowie "Control", ein filmisches und künstlerisches Denkmal, das der Fotograf und Filmemacher Anton Corbijn den vier Musikern gesetzt hat, der schon für U2, REM und Depeche Mode gearbeitet hat, Fan der Band war und seinerzeit sein Domizil wegen seiner Lieblingsmusiker nach London verlegte, um ihnen ganz nahe sein zu können.

Doch all dies geschah eher aus einer Außenperspektive, von Leuten also, die die Band auf ihrem Werdegang begleitet und/oder sich in die Archive irgendwelcher Plattenstudios oder Zeitungsredaktionen vertieft haben. Ein Blick von innen fehlte bislang noch. Peter "Hooky" Hook, ehemaliger Bassist der Band und zuletzt als Autor eines Buches über den legendären Tanztempel "Hazienda" aufgefallen, den er mit seinen Kumpels von New Order unterhalten hat, schließt diese Lücke jetzt mit seinem Report.

Denn nur wer dabei war, so das Motto und Bekenntnis des Autors, kann wissen, wie es damals wirklich war, das Leben in Salford, einem Vorort von Manchester, wo die Musiker in einer Proletensiedlung aufwuchsen, das "No Future", das viele Jugendliche damals im Lande Maggie Thatchers befallen hatte, und in der Punkszene, wo man einerseits plötzlich mit musikalischer Unkenntnis, mit Herumgrölen und dem wilden Dreschen dreier Akkorde auf der Gitarre über Nacht zum angehimmelten Rockstar werden konnte, und andererseits relativ unbefangen mit Nazi-Symbolen hantieren und provozieren konnte.

Schließlich entstand laut dem heute 57-Jährigen Hook bei einem grauenhaften Konzert der Sex Pistols, das Bernard Sumner, Ian Curtis und er im Juli 1976 in Manchester besuchten, der Entschluss, auch so eine "Proletentruppe" zu gründen, die sie einige Monate später Warsaw, aber dann, weil der schon anderweitig besetzt war, Anfang 1978 in Joy Division umtauften, in jenen Namen, der den Gruppen jüdischer Frauen gegeben wurde, die den Nazischergen in den Konzentrationslagern für sexuelle Abenteuer zu Diensten sein mussten. Eine gute Idee war das nicht, denn anfangs mussten sie sich immer wieder die Frage gefallen lassen, ob sie "Scheiß-Nazis" seien.

"Unknown Pleasures", so wie der erste Longplayer heißt, den Joy Division anno 1979 auf Vinyl brannten, hat er seine Erinnerungen und Aufzeichnungen genannt, und daraus ein spätromantisches Sittengemälde über die damalige Zeit komponiert, die zugleich Anfang und Ende jener Musikkapelle umfasst, die musikalisch und historisch zu einer der einflussreichsten Bands auf dem Planeten geworden ist.

Ohne den dunkel, metallisch nachhallenden Sound, einer monoton und bockig daher klagenden Stimme und den melancholisch vorgetragenen, psychotisch klingenden Rhythmen, die Joy Division anschlugen, hätte es vermutlich weder The Cure noch The Smith, weder Depeche Mode oder gar in Deutschland die Deutsch-Amerikanische Freundschaft oder die Einstürzenden Neubauten gegeben.

Und noch heute berauschen sich britische Indierocker wie die Editors, Interpol oder die White Lies, Newcomer wie die Savages oder Polica an den düsteren, finsteren und überaus kalt und unterkühlt daherklirrenden Klängen, die ihren Sound ebenso unvergleichlich wie unnachahmlich gemacht haben.

Akribisch und in Details versessen listet Hook all die Ereignisse auf, penibel in ihrer Abfolge und mit Angabe des genauen Datums, die zwischen der Gründung der Band im Sommer 1976 bis Mitte Mai 1980, dem Freitod des Sängers, passiert sind: Wer war wann und wo und mit wem auf Tour? Wer hat es mit wem oder nicht getrieben? Wie war die Stimmung im Tourbus, in den Hallen oder danach? Wer war wann wie besoffen oder womit zugedröhnt? Welche Songs wurden wann und wo und in welcher Reihenfolge gespielt? Worum ging es in den Songs? Wie hat sich der eine oder andere Musiker während der Aufnahmen in den Studios gefühlt? Wer war verantwortlich für die Aufnahme der Songs? In welchem Studio ist welcher Song wann und unter welchen Bedingungen entstanden?

Wer all das wissen will oder das bisher nur in Ansätzen gewusst hat, der wird von Peter Hook bestens bedient. Zumal es durchaus lehrreich sein kann, dem eindringlichen Rat des Autors zu folgen und sich Songs und LPs während des Lesens nochmals anzuhören.

Tatsächlich erscheinen "Atmosphere", "Insight" und "Isolation" etwa, oder "She's Lost Control", "Shadowplay" und "Colony", auch wenn man sie vielleicht zu Genüge kennt, nochmals in einem anderen Licht. Mit den Anmerkungen, Anleitungen und Notizen, die Hook dem Leser an die Hand gibt, nehmen sie eine seltsame Gestalt an, sei überwältigen und entwickeln dabei eine eigentümliche Klarheit, Durchsichtigkeit und Präsenz.

Schließlich wird der Leser und Fan auch mit intimsten Begebenheiten versorgt, die vielleicht nicht jedermann interessieren oder gefallen werden. Auf alle Fälle Peter Hooks ehemaligen Kollegen nicht, mit denen der Bassist seit seiner Trennung von New Order, der Nachfolgeband, in kameradschaftlicher Feindschaft verbunden ist. Hartnäckig und bewusst nennt Hook seinen ehemaligen Freund Bernard Sumner, der die Gitarre von Joy Division bediente und nach deren Umbenennung in New Order Sänger und Texter wurde, "Barney", obwohl er genau weiß, dass der Kollege es hasst, so genannt zu werden.

Ob solche Einblicke unbedingt nötig sind und ob der Leser darüber überhaupt Bescheid wissen will, steht freilich auf einem anderen Blatt. Will man wirklich wissen, dass Hook beim ersten Auftritt bei der BBC ein "blaues Hemd" trug; dass Ian Curtis beim dritten Konzert der Sex Pistols im Electric Circus eine Jacke trug, auf der in Neonorange "Hate" draufgesprüht stand; dass die Punkszene von Manchester aus einer Schlangengrube von Neid, Missgunst und Rivalität bestand; und dass die Band zwar als "Musiker und Songwriter" perfekt funktionierten, als "Personen und Freunde" aber nicht?

Interessant wäre natürlich, wie Bernard Sumner diese Zeit aus seiner Sicht beurteilt. Im Falle von Depeche Mode gibt es ja unterschiedliche Blickwinkel von Dave Gahan und Martin Gore. Aber wenn es so war, wie der einstige Bassist und Clash-Epigone Hook es schildert, dass Ian Curtis es war, der die "drei anderen kleinen musikalischen Inseln" zusammenhielt, dann fragt man sich schon unwillkürlich, wie es kam, dass die drei danach als New Order so lange Jahre funktionierten, aus tiefgehender Traurigkeit überbordenden Frohsinn entwickeln konnten und mit ihrem Gute-Laune-Dancerock fortan die Top Ten der Hitlisten stürmen konnten.

Offenbar zieht es in die Jahre gekommene Rockgrößen, die mit ihrem musikalischen und künstlerischen Schaffen am Ende sind, zunehmend dazu, ihre Lebensgeschichte vor einem breiten Publikum auszubreiten und mit derartigen Lebensbeichten nochmals kräftig Kasse zu machen. Pete Townshend hat es vor einiger Zeit getan, Keith Richards, Ozzy Osbourne und Eric Clapton auch, um nur ein paar zu nennen.

Und zuletzt hat Morrissey seine lange angekündigten autobiografischen Notizen nach etlichen Querelen mit dem Penguins Verlag unters Volk gebracht und ist damit sogleich auf Platz eins der Sachbuchliste im Vereinigten Königreich gestürmt.

Augenscheinlich gibt es neben dem Wunsch von Fans, aus erster Hand etwas über die Denkweisen, Haltungen und Seelengänge ihrer Lieblinge zu erfahren, auch ein wachsendes Mitteilungsbedürfnis der alten Heroen, ihrem Publikum auch noch die vermeintlich letzten Wahrheiten über sich und ihre Weggefährten auszuplaudern. So lautet denn auch der Leitgedanke, den Peter Hook seinem Buch voranstellt: "Dieses Buch enthält die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wie ich sie in Erinnerung habe!"

Mal abgesehen davon, dass einem da sofort der Zusatz, so wahr mir Gott helfe, in den Sinn kommt, fragt man sich während und nach der Lektüre des Buches bisweilen dann doch, was das Ganze eigentlich soll. Warum müssen sich alle plötzlich erinnern? Warum schreibt man über andere Leute? Und warum muss man über die Leiden anderer ein Werk verfassen? Denn wer es zur Hand nimmt und darin blättert und liest, wird rasch merken, dass es insgeheim eine Hommage an den so früh verstorbenen und im Gedächtnis immer noch präsenten genialer Sänger und Texter geworden ist.

Besonders um Curtis, der am liebsten Burroughs und Kafka gelesen, Werner Herzog verehrt und Iggy Pop gehört hat und die tief traurigen, von Melancholien und Depressionen untermalten Texte geliefert hat, für die Joy Division auch bekannt sind, ist es Hook getan. "Dieses Buch ist genauso eins über ihn wie über mich", bekennt er auf Seite 319 des knapp 350 Seiten starken Buches, mithin weniger über die beiden anderen, über Bernard Sumner und Stephen Morris, die Gitarre, Keyboard und Schlagzeug bedienten.

Der Verdacht drängt sich förmlich auf, dass hier jemand seine Trauerarbeit immer noch nicht beendet hat und nochmals Abbitte leisten will für begangene Missverständnisse, leidige Fehldeutungen und unterlassene Hilfeleistungen gegenüber Ian Curtis, der zunehmend von epileptischen Anfällen geplagt wurde, die von den Fans im Publikum aus Unkenntnis und fälschlicherweise für besonders clevere Posen und Verrenkungen des Sängers gehalten wurden.

Denn wie Hook selbst zugibt, wurde ihm erst viel zu spät klar, woran sein Freund Curtis tatsächlich litt. Dass er von schweren Depressionen geplagt wurde, hätten er und seine Musikerkollegen weder bei den Aufnahmen in den Studios noch bei Live-Auftritten bemerkt und dank des rasch über sie hereinbrechenden Erfolgs einfach überhört. Und zwar auch dann noch, als er mehrere Zusammenbrüche hinter sich hatte und sich in medizinische Behandlung begeben musste. Trotzalledem habe er auf der Bühne immer "Vollgas" gegeben und sich dort wie ein "schreiender Rockgott" aufgeführt.

Erst als er später die Texte, die von der Düsternis und der Ausweg- und Zukunftslosigkeit der Welt berichteten, genauer studiert habe, habe er erst bemerkt, was für ein "tragisches Genie" und "was für eine gemarterte Seele er war." Im Übungsraum war, weil die Anlage so mies war, nie zu verstehen, was er genau sang, entschuldigt sich Hook. Zumal es damals, als der Punk England regierte, es darauf nicht ankam und es mithin auch niemand interessierte, solange der Sänger Curtis es mit großer Hingabe und Aggression tat, schreiend und mit der ihm eigenen Haltung.

Jenseits all dieser Einblicke in das Innenleben eines "Proletentrottels aus Salford", der es zum gefeierten Rockstar brachte, bietet das Buch aber auch eine treffende Sozialstudie über das damalige Leben im Norden Englands, das den Jugendlichen, die kaum Arbeit hatten, geschweige denn eine Ausbildung machten, Alternativen bot, außer Saufen, Raufen und Klauen, Herumlungern und die Zeit totschlagen.

"Wo ich wohnte", schreibt er lakonisch und nüchtern, "war es ziemlich normal, zu stehlen." Da man nichts hatte, weder er noch seine Mutter, "nahm man es sich einfach." Und wenn man dabei von den "Bullen erwischt" wurde, dann musste man nicht vor Gericht, sondern wurde man von ihnen "grün und blau" verprügelt. Über Wasser hielt man sich meist mit Gelegenheitsjobs. Mit dem Geld ging man dann zu Rockkonzerten, zu Black Sabbath und Deep Purple, zu Steve Harley und seinen Cockney Rebels oder zu Led Zeppelin, und träumte vielleicht nebenbei auch von einer solchen Karriere als Rockstar.

Im Prinzip waren sie, obwohl Joy Division und New Order immer dieses künstlerische und intellektuelle Image hatten, dieselbe "Saubande", wie es die Happy Mondays oder später auch Oasis waren, die auch in den Arbeitersilos von Manchester groß wurden. Dementsprechend wird in dem Buch auch ständig geflucht und eine Fäkalsprache gepflegt, wie sie die Jungs damals auf der Straße und vermutlich auch im Tourbus und untereinander gebraucht haben. Heute beschränke sich "die Klauerei", so der Autor, allerdings nur noch auf die Hotels, in denen sie untergebracht seien.

Die Umgebung, in der Hook und seine Kumpels aufwuchs, war ebenso trist und trostlos wie die Songs, die sie produzierten. Salford hatte die Stadtverwaltung zum Beispiel abreißen und wieder neu aufbauen lassen. Seine Kindheit, die er dort verbracht hatte, habe sich „düster und versmogt und braun“ angefühlt, genauso „wie die Farbe eines nassen Pappkartons“, schreibt er. Nicht zufällig hat Corbijn bekanntlich seinen Film über die Band und das Leben mit Ian Curtis in schwarzweiß gedreht um die Tristesse, die damals die Kind- und Jugendzeit umgab, auch ästhetisch bebildert und authentisch nachstellen zu können.

Auffallend ist, dass Hook in seinen Erinnerungen immer wieder Ereignisse und Szenen vermischt oder einstreut, die er später mit New Order erlebt hat. Zufall ist das nicht. Zumal er angekündigt, dass er auch über die eineinhalb Dekaden, in denen New Order zwar zu einigem Ruhm kamen und von der Musikkritik auch deswegen gelobt und gefeiert wurde, aber finanziell sich nicht gerade clever angestellt haben, in Bälde ein Buch verfassen will.

Bernard Sumner und Stephen Morris, die trotz des mit juristischen Bandagen geführten Streits mit Hook um die Namensrechte unter dem Bandnamen New Order einfach weitermusizieren, während Peter Hook mit seinem Sohn unter dem Namen The Light die alten Gassenhauer der Joy Division konserviert und zelebriert, werden sich darüber bestimmt mächtig freuen.

Auch wenn Anfang des Jahres eine Mini-LP mit Aufnahme der alten New Order-Mannschaft unter dem Titel "Lost Sirens" in die Läden kam, eine Reunion, wie man sie immer mal wieder den Gallagher-Brüdern mit Oasis andichtet, etwa zum zwanzigjährigen Release von "Definitely Maybe" oder "(What's The Story) Morning Glory", wird es dann aber bestimmt nicht mehr geben. Das Tischtuch zwischen den Kontrahenten scheint oder ist zerschnitten.

Literatur:
Peter Hook: Unknown Pleasures. Die Joy Division Story. Aus dem Englischen von Stephan Pörtner, Metrolit Verlag, Berlin 2013, 351 Seiten, 24,99 €.

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