Solarenergie: Bald Artenschutz für Kohlekraftwerke?

Solarboom auf dem Weltmarkt noch stärker als erwartet. Druck auf Preise lässt wegen der hohen Nachfrage nach

In China wird mal wieder der Plan für den Ausbau der erneuerbaren Energieträger übererfüllt. Mindestens 110 Gigawatt (GW) Solarleistung sollen bis 2020 am Netz sein, so die Vorgabe der makroökonomischen Planung. Doch wie es aussieht ,ist dieses Ziel schon so gut wie erreicht, nachdem in den ersten sieben Monaten 2017 bereits 34,9 GW neu hinzugekommen sind. Das wären etwas mehr, als in den 12 Monaten 2016 installiert wurden.

Für das ganze Jahr 2017 gehen Beobachter, so berichtet die Informationsplattform für Anleger Sharebis.com, mit 45 GW Solar-Zubau aus. Die Energiebehörde rechne für 2020 inzwischen mit 190 bis 200 GW Solarleistung. Geht man davon aus, dass die Anlagen unter chinesischen Bedingungen zu etwa 14 Prozent ausgelastet sind (1.200 Volllaststunden), dann ließen sich damit grob geschätzt etwa vier Prozent des chinesischen Strombedarfs abdecken. Das zeigt, dass trotz der beeindruckenden Zahlen die Entwicklung noch ganz an ihrem Anfang steht.

Trotzdem ist der Zubau bereits eine Herausforderung. Die Volksrepublik kämpft mit erheblichen Problemen, Solar- und Windkraftanlagen in das Netz zu integrieren. Zum einen wurde das Netz bisher sehr unflexibel gesteuert und dem sauberem Strom nicht immer Vorrang eingeräumt. Doch das scheint sich inzwischen gebessert zu haben.

Zum anderen ist aber auch die Übertragung in dem Land von der ungefähren Größe Europas oft ein Problem. Die Netze sind in der Regel auf Provinzebene organisiert – wobei chinesische Provinzen meist in ihrer Größe und Bevölkerung europäischen Staaten entsprechen –, und viele der großen Solar- und Windparks stehen fernab der großen Verbrauchszentren.

Abhilfe könnte die Hochspannungs-Übertragung in Gleichstromleitungen bringen. Diese hat den Vorteil, dass der Strom über große Entfernungen mit vergleichsweise geringem Verlusten fließen kann. Die Zeitung Shanghai Daily berichtet nun, dass in diesem und im nächsten Jahr neun solcher Leitungen verlegt werden sollen.

Derweil führt der unerwartet starke Ausbau in China dazu, dass sich die Überproduktion, über die hiesige Hersteller noch vor einem knappen Jahr gestöhnt haben, in Luft auflöst. Von 30 GW Überkapazitäten an Solarpanelen bei einer Nachfrage von 65 GW sprach seinerzeit Milan Nitzschke, Präsident der europäischen Hersteller-Organisation EU ProSun und Vize-Präsident der SolarWorld AG gegenüber Telepolis. Real betrug die Nachfrage 2016 dann jedoch nicht ganz 80 und in diesem Jahr womöglich schon 90 GW.

Aus Indien berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg, dort machten sich potenzielle Solarpark-Betreiber bereits Sorgen, weil die Preise für Solaranlagen langsamer als erwartet fallen. Dadurch geraten ihre Kalkulationen für die zum Teil sehr niedrigen Strompreise durcheinander, die sie in Ausschreibungen zugesagt haben.

Längerfristig bedeutet das aber auch, dass die Massenfertigung neue Ausmaße annimmt. Das heißt, sie wird sich weiter verbilligen, und die nächste kleine oder auch größere Überproduktionskrise wird dann in vielleicht zwei Jahren die Preise weiter drücken.

Vielleicht wird sich dann damit auch die Auseinandersetzung um ein Kohleausstiegsgesetz erübrigen. Es sei denn, die künftige Mehrheit in Bundestag denkt sich eine Art Artenschutzgesetz für die fossilen Energieträger aus, um deren Leben den Konzernen zum Gefallen und dem Klima zum Schaden künstlich zu verlängern.

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