Sonntags, in der Tinderstunde

Das hätten wir doch gar nicht vermutet, dass an Sonntagen getindert wird. Am Tag des Herren soll man eigentlich ruhen, aber ein bisschen Bildschirmzeit dafür ist jetzt schon drin, seit wir wissen, es schadet ja gar nicht so

So schlimm ist das mit dem Bildschirm gar nicht. Da haben wir jahrelang gehört, dass ein Blick da hinein vor allem bei Kids die pure Hölle sein kann, und dann sagt das Royal College of Paediatrics and Child Health (RCPCH), dass man da mal locker lassen soll. Die schlimmen Studienergebnisse von Kindern vor dem Schirm waren mehr auf Stunden vor einem Fernseher bezogen - und auf fehlende andere "positive" Aktivitäten, zu denen übrigens auch Schlaf gehört.

Aha. Gut.

Dann machen wir uns auch keine Sorgen mehr um die vielen, vielen Bildschirmstunden, die Erwachsene vor allem am ersten Sonntag im Jahr und gestern vor einem Computer verbracht haben, um online zu daten und ihr Profil auf Vordermann zu bringen. Klar, wenn man erst einmal Weihnachten mit der Familie überlebt hat und beim dreißigsten Mal "Herr der Ringe"-Schauen zu Silvester auch keine Erfüllung mehr finden konnte, dann bleibt einem ja nur, aufzustehen und jetzt aber wirklich in das weltweite Rudelbumsen einzuklinken, das einem Dating Services wie Match, Tinder - und wie sie alle heißen mögen, -vorschlagen. Also schnell das letzte saubere Stück Kleidung angezogen, Gesicht auf Duckface und gleichzeitiges Lächeln aufgesetzt. Klick.

Ach halt, Moment, da gibt es noch einen Effekt, der vermutlich dann auch zu beobachten ist, wenn sich das neue Jahr aus den leergetrunkenen Schampusflaschen von Silvester herausgeschält hat. In den UK stellen Onlineshops für Kleidung nämlich fest, dass neun bis zehn Porzent aller Bestellungen vermutlich nur einmal auf dem Körper ihrer potentiellen Käufer und Käuferinnen landen. Nämlich dann, wenn sie als "Outfit of the Day" den aktuellen Instagram-Shot verschönern sollen. Und ich wage jetzt einfach mal die Aussage, dass auch ein paar kleine Prozentbruchteile mehr dieser Bestellungen an den beiden Sonntagen auf dem frischen Profil der Onlineflirter gelandet sind.

Schließlich will man nicht aussehen wie unter dem Weihnachtsbaum besoffen, wenn es um das allgemeine Halali auf Tinder geht. Lassen wir einfach die beiseite, die gerne mit Dickpicks auf Werbeschau gehen, die bestellen vielleicht auch wenig auf Zalando.

Jetzt wüsste ich ehrlich gesagt zu gerne, wieviel mehr Beziehungen an diesen beiden Sonntagen im neuen Jahr ihren Anfang genommen haben, aber dazu gibt es keine Zahlen. Noch nicht, mal schauen. Aus "2019" soll sich ja spiegelbildlich geschrieben sowas wie "eros" erkennen lassen, aber ich glaube auch nur von denen, die bei Tinder immer noch nach der großen Beziehung suchen.

Ein Frohes Neues noch einmal an alle. Jetzt ist aber Schluss mit den Wünschen, huschhusch, alle in die Profile und Betten.