Soziale Ungleichheit macht Arme und Reiche unglücklich

Chefökonom der Financial Times plädiert gegen die Niedriglohnpolitik

Die Erkenntnis ist eingängig, ihre Folgerung läßt sich auf eine einfache Formel verkürzen: Werden die Gesellschaften gleicher, gibt es weniger Probleme. Der Boden, auf den sie gründet, sind harte Kriterien: Mord, Selbstmord, Fettsucht, Teenagerschwangerschaften, Kindersterblichkeit, psychische Krankheiten, Zahl der Inhaftierten, Bildungsstand von Fünfzehnjährigen, soziale Mobilität und die Stellung der Frau. Die Zahlen, die das Ausmaß dieser Phänomene beziffern, haben sich Kate Pickett und Richard Wilkinson von der WHO und anderen internationalen Organisationen geholt und sie mit Einkommensunterschieden in verschiedenen Ländern verglichen. Dabei kam es ihnen auf den Unterschied zwischen den obersten 20 Prozent der Besserverdiener und dem unteren Fünftel auf der Einkommensskala an. Das Ergebnis fasst Kate Pickett in einem Interview mit der taz wie folgt zusammen:

"Wir haben uns angeschaut, wie sich die Einkommensverteilung in 21 reichen Industrieländern auf diese Probleme auswirkt. Und wir haben herausgefunden, dass Länder, in denen die Kluft zwischen Arm und Reich gering ist, durchweg besser abschneiden (...) Wenn man den Quotienten der Einkommensungleichheit in einem Land kennt, weiß man ziemlich genau, wie sehr es von all diesen sozialen Probleme betroffen ist."

Mehr Gewalt, mehr Gefängnisinsassen, mehr Teenagerschwangerschaften, schlechtere Schulabschlüsse, weniger soziale Mobilität - all dies zeigte sich deutlich in Ländern, in denen die Einkommensunterschiede groß sind. Hervorgehoben wird von Pickett zudem, dass sich Ungleichheit auf alle, Arm und Reich, negativ auswirken würde.

Das Buch der beiden "Sozialepidemologen" Pickett und Wilkinson, die dem Zusammenhang von Krankheiten mit Bildung, Status und Einkommen auf der Spur sind (siehe dazu auch Schlechte Aussichten für Ärmere in besseren Wohngegenden), heißt "The Spirit Level", zu deutsch "Gleichheit ist Glück".

Es findet sich seit geraumer Zeit in den Bestsellerlisten und wird längst in vielen Foren und privaten Gesprächen diskutiert. Die neuen Erkenntnisse - "die Mordraten sind in ungleicheren Gesellschaften zehnmal so hoch wie in gleicheren. Die Zahl der psychisch Kranken ist dreimal so hoch. In ungleichen Gesellschaften bringen sechs- bis achtmal so viele Teenager Kinder zur Welt" - kursieren seit Monaten in den Foren. In die "große Politik" haben sie es noch nicht geschafft, wie man an der Wirtschaftspolitik der Union und besonders der FDP erkennen kann.

Für die Diskussion um die soziale Gerechtigkeit der Regierungs-Sparpläne, die jüngst durch eine kontrovers diskutierte Studie des DIW weiter entfacht wurde (siehe Die Niedriglohnpolitik frisst die Mitte), liefern Wilkinson und Pickett Gegenargumente gegen die Überzeugung, dass sich der Reichtum der Bessergestellten, die durch Steuererleichterungen weiter entlastet werden, auch günstig auf die Ärmeren verteilen würde. Der sogenannte "trickle down effekt" hat sich nicht realisiert. Mit dieser Erkenntnis schaltet sich nun jemand in die Diskussion ein, von dem man es vorderhand so nicht erwartet hätte, Thomas Fricke, "Chefökonom" der Financial Times Deutschland.

In seiner aktuellen Kolumne interpretiert Fricke den "trickle down effekt" als "bessere Leistungsanreize" und stellt ihnen den "grotesk hohen Preis" gegenüber, den Länder, die dieser "irrigen Idealisierung" folgen, insbesondere die USA, zu zahlen hätten. Und hält den Vertretern dieser Anschaung Beispiele entgegen, wie man es offensichtlich besser machen kann:

"Politisch relevant ist, dass die negativen Folgen selbst den Vorteil hoher Pro-Kopf-Einkommen wettzumachen scheinen. Immerhin sind die Amerikaner im Schnitt reicher als andere, haben aber trotzdem mehr Probleme. Das ist teuer. Kein Land muss so viel Geld mobilisieren, um seine Krankheiten zu kurieren. Zudem sind Menschen in egalitäreren Ländern offenbar innovativer. Pro Kopf wird in nordischen Ländern an Patenten ein Vielfaches von dem angemeldet, was die USA verzeichnen, wo mangels Sozialvertrauens auch die Bereitschaft geringer ist, etwas für das Allgemeingut Umwelt zu tun - die Recyclingquote ist in Skandinavien ebenfalls höher."

Seine Schlüsse aus den Erkenntnissen Wilkinsons und Pickerts spitzt Fricke letztendlich auf die deutschen Verhältnisse zu. Auch wenn Deutschland, was das Einkommensgefälle betrifft, einen Mittelplatz belegt, so wäre es doch gut, legt Fricke nahe, sich an den gesünderen Vorbildländer in Nordeuropa zu orientieren und nicht an amerikanischen Verhältnissen. Man müsse wirtschaftspolitische Maßnahmen dahingehend prüfen, ob sie das Gefälle erhöhen und damit mehr Schaden verursachen.

Dabei hat Fricke insbesondere die Niedriglohnjobs im Blick: Es erscheine "ökonomisch fraglich, ob es - im wahren Sinne - gesund wäre, noch mehr Niedriglohnjobs zu schaffen: wenn so zwar der ein oder andere Job geschaffen wird, dafür aber die Lebenserwartung sinkt, mehr Säuglinge sterben und bald nur noch psychische Problemfälle durchs Land laufen. Da könnte es per saldo lohnen, das Geld in bessere Jobs zu stecken."

Zu höheren Spitzensteuersätzen schweigt Fricke. Aber dazu schwingen sich ja selbst in der Union schon einige Flügel auf.

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