Spanien bald ohne Orangen, Wein und Olivenöl

Eine Studie zeigt auf, dass der Klimawandel in nur 35 Jahren auch enorme ökonomische Konsequenzen für die Iberische Halbinsel hat

Das Mitglied im Weltklimarat (IPCC) Jonathan Gómez Cantero hat in einem Bericht die dramatischen Veränderungen herausgearbeitet, die der Klimawandel für die Iberische Halbinsel haben wird. In seiner Studie für die grüne Partei "Equo" geht der Wissenschaftler davon aus, dass die durchschnittlichen Temperaturen dort bis 2050 um vier bis fünf Grad Celsius ansteigen können. Und das hat auch massive wirtschaftliche Konsequenzen. Für Zitrusfrüchte, Weintrauben, Oliven und andere für die Ökonomie vieler spanischer Regionen bedeutsame Produkte sind nach Angaben der Studie "gravierende" Auswirkungen mindestens im südlichen Teil der Halbinsel zu erwarten.

Spanien, das ohnehin längst stark von Desertifikation betroffen ist, werde demnach bald in weiten Teilen ein Wüstenklima wie Marokko haben. Und bei Weinliebhabern müssten längst alle Alarmglocken schellen, da damit der Weinanbau in Gebieten vom südspanischen Guadiana über den Duero, und die Rioja bis ins nordspanische Navarra praktisch unmöglich wird, wo es ebenfalls schon heute eine Wüste gibt. Das gelte auch für den Anbau von Zitrusfrüchten von der die Ökonomie in der Region Valencia zu 60 Prozent abhängt.

Nicht viel anders sieht es beim Olivenanbau aus, der eine ähnliche Bedeutung für die Ökonomie im großen Andalusien hat wie Zitrusfrüchte für Valencia. In der Provinz Jaen sind 63 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche mit Olivenbäumen bedeckt. Insgesamt werden im ganzen Land auf 2,2 Millionen Hektar Oliven angebaut, weshalb Spanien weltweit der größte Olivenölproduzent ist. Auch dieser Anbau könnte aus weiten Teilen des Landes schon in wenigen Jahrzehnten komplett verschwinden. Wie bei Zitrusfrüchten oder beim Wein könnte er auch der Anbau von Oliven nur noch am Rand der Pyrenäen durchführbar oder ökonomisch sinnvoll sein.

Das hat aber nicht nur mit steigendem Wassermangel zu tun, denn mit dem Anstieg der Temperaturen käme es auch zu einem Anstieg extremer Wetterphänomene. Alles weise darauf hin, dass sich diese Tendenz verstärke und ein Anbau nicht mehr möglich oder ökonomisch unrentabel wird. Insgesamt, so die Studie, seien die jährlichen Niederschläge in Südeuropa (Spanien, Portugal, Italien und Griechenland) seit 1950 im Durchschnitt schon um 25-50 mm zurückgegangen. Während die Niederschlagsmenge sinke, käme es neben Dürren auch verstärkt zu Starkregenfällen, wie bereits zu beobachten ist. Diese würden "viele bebaute Zonen in Überschwemmungsgebieten verwüsten, eine starke Erosion mit sich bringen", und führten damit zu einem weiteren Verlust von Nutzflächen.

Spanien ist von der Erwärmung besonders betroffen. In Europa läge die Durchschnittstemperatur schon 1,2 Grad Celsius über der Durchschnittstemperatur vor dem Industriezeitalter, doch in Spanien falle die Erwärmung deutlich stärker aus. Sie soll wie im vergangenen Jahrzehnt in jeder Dekade hier sogar um 0,5 Grad steigen. Und die weitere Erwärmung habe auch deutliche Auswirkungen auf den Tourismus, sagt die Studie voraus. Und damit wäre eine weitere zentrale Stütze der spanischen Wirtschaft betroffen. Immer öfter würden in Spanien und Portugal schon jetzt Temperaturen verzeichnet, die über 40 Grad liegen. Sevilla und Madrid, wo solche Temperaturen immer öfter im August überschritten würden, verzeichneten schon jetzt Einbußen.

Auch wenn man es schaffen würde, das angestrebte Ziel zu erreichen, dass sich das Klima global nur um höchstens zwei Grad erwärmt, könne das für Spanien eine Erhöhung um 4 bis 5 Grad Celsius und extrem heiße Phasen bedeuten. "Ausgeschlossen ist nicht, dass im Sommer die Durchschnittstemperaturen über 30 Grad Celsius liegen und Hitzewellen leicht 50 Grad Celsius erreichen." Das übliche Leben sei dann in den Sommermonaten praktisch nicht mehr möglich. Südeuropa hätte dann ein Klima wie derzeit in Nordafrika und Nordeuropa ein Klima wie heute Südeuropa.

Beim Weltklimarat habe man die eine klare "rote Line" gezogen. Bei einer weltweiten Erwärmung von zwei Grad sei es größtenteils noch möglich, die Auswirkungen des Klimawandels vorherzusagen. "Darüber hinaus begeben wir uns auf unbekanntes und noch gefährlicheres Terrain", schreibt der Equo-Sprecher im Europaparlament im Vorwort. Florent Marcellesi argumentiert, Ökosysteme reagierten nicht linear auf den Anstieg der Temperaturen und über der Marke von zwei Grad ist mit abrupten und irreversiblen Veränderungen zu rechnen. "Die Linie zwischen Stabilität und Kollaps, zwischen einem würdigen und unsicheren Leben heißt: zwei Grad Celsius." Beim Klimagipfel Ende dieses Jahres in Paris müsse alles getan und alle Maßnahmen ergriffen werden, um die rote Linie nicht zu überschreiten.

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