Spanischer Kinderraub vor Menschenrechtsgerichthof

Etwa 300.000 Kinder sollen vor allem in der Franco-Diktatur geraubt worden sein, doch Aufklärung gibt es bislang kaum

"Wir klammern uns an einen Strohhalm", sagt Micaela Alcántara und hofft nun, dass der Europäische Menschenrechtsgerichthof Spanien verurteilt, den Fall ihres Bruders doch noch zu untersuchen. Denn die 50jährige aus dem andalusischen Malaga will ihn finden. Nachdem ihre Klage zuletzt auch vom Verfassungsgericht abgelehnt wurde, ist ihr Anwalt Enrique Vila nach Straßburg gezogen. Es ist der erste Fall geraubter Kinder in Spanien, mit dem sich der Menschenrechtsgerichthof befassen muss, sagt Vila. Er ist auch Präsident der Vereinigung SOS Bébes Robados (SOS Geraubte Babys).

Wie Vila ist auch Alcántara davon überzeugt, dass ihr Bruder, der am 12. Oktober 1964 geboren wurde, nicht nach seiner Geburt im Krankenhaus starb, wie behauptet wurde. Beide glauben, dass auch dieses Kind in der Franco-Diktatur geraubt und an eine kinderlose Familie verkauft wurde. Wie in ähnlichen Fällen stießen auch Alcántara und ihre Mutter Carmen Torres auf etliche Ungereimtheiten, die diesen Verdacht stützen.

Als vor einigen Jahren erste Fälle geraubter Babys in der Öffentlichkeit drängten und sogar einige Betroffene ihre leiblichen Eltern fanden, brachen auch bei Torres die Zweifel wieder auf. Zu ähnlich waren die Vorgänge, dass auch ihr das angeblich verstorbene Kind 1964 nicht gezeigt wurde. "Sie haben uns erklärt, sie würden sich um alles kümmern", sagte Torres ihrer Tochter. Und die entschied sich, die Vorgänge näher zu untersuchen und stieß auf weitere Merkwürdigkeiten. So wurde eine Beerdigung des Bruders, die angeblich auf dem Friedhof San Rafael stattfand, dort nie vermerkt.

Dokumente bestätigen, dass die Mutter angeblich noch am Tag der Geburt das Krankenhaus wieder verlassen habe. Tatsächlich habe sie aber vier Tage im Krankenhaus verbracht und erst am vierten Tag soll ihr Baby gestorben sein. Das Personal hatte es der Mutter abgenommen, um es angeblich zu baden. Dabei soll Alcántaras Bruder gestorben sein, wurde der verstörten Mutter einst erklärt. Auffällig und "normal" in solchen Fällen ist auch, dass ein Angestellter einer Beerdigungsfirma die Eintragung im Personenstandsregister als "Bekannter der Familie" vornahm. Doch die Familie kannte dort niemanden und zudem wird diese Firma angeschuldigt, in andere Fälle von Kindesraub verwickelt zu sein.

Dass Dokumente von Seilschaften gefälscht wurden, ist längst bekannt. Der wegen Kindesraub beschuldigte Madrider Arzt Eduardo Vela gab kürzlich vor einer Richterin zu, die Geburt eines Kindes mit seiner Unterschrift bestätigt zu haben. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, in diesem Fall aber höchst sonderbar. Die angebliche Mutter Inés Pérez war unfruchtbar. Das von ihr "geborene" Kind, die heute 44-jährige Inés Madrigal, hat das Verfahren angestrengt, denn auch sie will herausfinden, wer ihre realen Eltern sind.

Auf die Tagesordnung kamen die Fälle, bisher wurden etwa 3000 angezeigt, als einige der "Eltern" ihren angeblichen Kindern auf dem Sterbebett gestanden, sie "gekauft" zu haben. Bis zu 200.000 Peseten wurden bezahlt, so viel kostete damals eine Wohnung. Juan Luis Moreno ging 1969 für 150.000 Peseten über den Ladentisch. Ein Priester aus Saragossa verkaufte ihn an eine Familie aus Barcelona, die keinen eigenen Nachwuchs hatte. Er bekam vom "Vater" kurz vor dessen Tod nur noch bestätigt, was er längst ahnte. Auch in seinem Fall waren die falschen Eltern in allen Dokumenten als leibliche Eltern vermerkt.

Klar ist, dass die Ursprünge des Kinderhandels in die Jahrzehnte der brutalen Franco-Diktatur zurückgehen und zunächst politischer Natur waren. Regimegegnern wurden die Kinder wegen deren "schädlichen Ideen" geraubt, schrieb die franquistische "Kinderschutzbehörde". Aus einem Bericht as dem Jahr 1944 geht hervor, dass nach Putsch und dem Sieg im Bürgerkrieg 1939 mehr als 12.000 Kinder von Franco-Gegnern geraubt und "umerzogen" wurden. 1954 sollen es nach Dokumenten dieser Behörde schon 54.000 gewesen sein.

Mit der Zeit wurde daraus aber ein lukratives Geschäft, das immer weiter verfeinert fortgesetzt worden sei. Statt Frauen in Internierungslagern oder Gefängnissen die Kinder zu entreißen, wurde später meist alleinstehenden Frauen in Kliniken erklärt, sie seien bei der Geburt gestorben. Faschistische Seilschaften, die nach dem Tod des Diktators 1975 amnestiert wurden, sollen die Geschäfte noch bis in die 1990er Jahre fortgeführt haben. Die juristische Aufarbeitung, so zeigt der Fall, den der Anwalt Vila nun in Straßburg vorgelegt hat, geht nur sehr schleppend voran. Meist werden die Verfahren eingestellt, weil die Verbrechen längst verjährt seien, lautet die immer gleiche Antwort, wenn es um Verbrechen aus der Franco-Zeit geht.

Richter, die versuchen, etwas Licht in dieses Dunkel der Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu bringen, werden in Spanien abserviert. Dabei verjähren derlei Verbrechen nach internationaler Rechtsprechung ohnehin nicht, wie der Umgang mit Diktatoren in Argentinien oder Uruguay zeigt, die ebenfalls angeblich amnestiert wurden. Anders als in Spanien, wo die postfaschistische Volkspartei (PP) wieder regiert, die sich nie vom Putsch und der Franco-Diktatur distanziert hat, ist die Aufarbeitung der Diktaturen und der Kindesraub in Südamerika schon deutlich weiter vorangeschritten.

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