Spiegel-Online Leser sollen trainieren

Jörg auf dem Hövel

Der Hamburger Verlag kauft sich bei einem Gehirnjogging-Startup ein

"Möchten Sie im Alltag spürbar produktiver, konzentrierter, intelligenter werden?" Dieses Frage stellt die Website "NeuroNation" ihren Usern, man verspricht höhere Leistungsfähigkeit in Beruf und Alltag. Und so lautet auch der Claim des Berliner Unternehmens, das sich auf Gedächtnistraining spezialisiert hat, selbstbewusst: "Lassen Sie Ihr Gehirn wachsen!". Vergangene Woche wurde bekannt, dass SPIEGELnet und XLHealth mit einem Anteil von gemeinsam 25,01% bei dem 2011 gegründeten Startup einsteigen. Mit seinen Angeboten von kostenlosem Gehirnjogging bis zur "extra-effektiven, personalisierten Premiummitgliedschaft ab 14 Euro im Monat" konnte die interaktive Plattform bisher rund 100.000 registrierte Nutzer gewinnen. Mit spielerischen Übungen werden Fähigkeiten wie Logik, Sprache, Gedächtnis, Rechnen und Sensorik geschult. Durch ein Punktesystem ist es möglich Fortschritte zu verfolgen und sich mit anderen registrierten Nutzern zu messen.

Ein nachvollziehbares Investment der 100 % Spiegeltochter ist die NeuroNation, die mit ihrem Angebot gleichermaßen Spieltrieb und Wunsch nach geistiger Fitness bedienen, durchaus. Intelligenztests und Wissensspiele sind seit längerem fester Bestandteil und Klickbringer bei Spiegel Online, unter anderem im Karriere Ressort.

Grundlage des NeuroNation Geschäftsmodells ist ein Trainingsprogramm, das auf den „neuesten Erkenntnissen der Gehirnforschung“ basiert. Die Wirksamkeit der 50 Übungen sei in einer Studie des "Arbeitsbereich Allgemeine Psychologie und Neurospychologie" der Freien Universität Berlin nachgewiesen worden, heißt es auf der Homepage des Unternehmens. Der Leiter dieses Arbeitsbereiches, Prof. Dr. Niedeggen, steht NeuroNation praktischerweise auch gleich als Berater und Experte zur Seite. Eine Kooperation, die Wirksamkeit und Abwechslungsreichtum der Tests immer weiter optimieren soll. Den Nutzen derartiger Gehirnjogging-Programme am Computer sehen andere Neurowissenschaftler jedoch deutlich kritischer. Zwar verbesserten sich Versuchspersonen bei jenen Aufgaben, die sie speziell trainierten, bei neurospychologischen Tests hinsichtlich ihrer allgemeinen geistigen Fähigkeiten schnitten sie am Ende der Testphasen aber nicht besser ab. Die Crux ist halt der sogenannte „Transfereffekt“, also die Anwendung des gelernten bei anderen, aber ähnlich gelagerten Aufgaben. Und obwohl die vielen Portale und Apps gerne etwas anderes suggerieren: Hier ist die Forschungsbasis schmal.

Um es moralisch zu drehen: Die Branche ist Teil eines Optimierungswahns, der aus den ohnehin schon durch die hyperbeschleunigten Leistungsgesellschaft gebeutelten Menschen das letzte Quentchen Leistung herauskitzeln möchte. Nicht zufällig geht es auf den Websites immer um Karriere und persönliche Weiterentwicklung. Trotzdem der Gehirnjogging-Trend schon seit einigen Jahren läuft, sieht man im Spiegel-Verlag anscheinend noch Potential in der Branche. Bisher ist NeuroNation nur in Deutschland, Österreich und Schweiz verfügbar, dieses Jahr will man nach Frankreich, Spanien und Portugal expandieren.