Spiel und Ernst

Fantasy-Filmfest-Blog – 2. Tag: „Prime Time“, „The Killing Room“, „Polytechnique“ und „The Tournament“

Wenn man mehr als zwei Filme an einem Tag sieht, spielt einem das Gehirn oft den netten Streich Gemeinsamkeiten zu finden. Und irgendwie hatten die vier Filme thematisch dann auch alle etwas, was sie verbindet. Der spanische „Prime Time“ gab dabei die Struktur vor: In nicht allzu ferner Zukunft herrschen mal wieder die Medien. Eine handvoll Menschen werden vom Internet-Sender „Shock-TV“ entführt, eingesperrt und nach und nach ihrer düsteren Geheimnisse beraubt. Wer pro Runde von den Mitspielern nominiert und danach von den Web-Zuschauern „rausgevotet“ wird, wird vor laufender Kamera erschossen. Dazu wäre zunächst zu sagen, dass es das alles schon oft ähnlich und besser zu sehen gab; dass die Bloßstellung der Übeltaten der Mitspieler (die angeblich von Drogenhandel über Zuhälterei bis hin zu Kinderporno-Verkauf reicht) wohl nicht nur für die diegetischen Zuschauer Rechtfertigung der Hinrichtung ist; dass Scheinhinrichtungen durchaus kein Grund zur Erleichterung, sondern handfeste Folter sind und dass „Prime Time“ also wenigsten reaktionäre, wenn nicht schlimmere Tendenzen zur Unterhaltung stilisiert.

Prime Time

Jonathan Liebesmann hat in seiner noch übersichtlichen Filmografie nicht gerade viele Filme, auf die er stolz sein kann: am wenigsten wohl auf das missratene „Texas Chainsaw Massacre“-Prequel. Mit „The Killing Room“ macht er das nicht bloß wieder gut, sondern legt einen beängstigen Verschwörungsfilm mit beeindruckender Optik vor. Inhalt ist das angeblich nie gestoppte sozialpsychologische Menschenexperiment MK-ULTRA bei dem die CIA den menschlichen Willen von Probanden so weit brechen wollte, dass sich Zivilisten zu menschlichen Waffen umfunktionieren lassen. „The Killing Room“ versetzt den Zuschauer in die unangenehme Situation zum Beobachter einer Beobachterin des Experiments zu werden und dabei zuzuschauen, wie der Widerstand der jungen Psychologin gegen die Menschenversuche ganz langsam schwindet. Wie auch „Prime Time“ versetzt „The Killing Room“ seine Protagonisten in eine „Saw“-Situation, sperrt sie in einem Raum setzt damit einen Akzent auf den Konflikt zwischen Freiheit(swillen) und Überwachung(sterror).

The Killing Room

Im kanadischen Schwarzweiß-Film „Polytechnique“ wird ein erweiterter Suizid (heute nennt man so etwas „Amoklauf“), der sich Ende 1989 an einer Universität in Montreal zugetragen hat, filmisch rekapituliert. Dabei wirft der Film einen Blick auf drei Protagonisten: den Todesschützen, eine junge Studentin, und einen ihrer Kommilitonen, der nicht die Flucht ergriffen, sondern versucht den Opfern im Uni-Gebäude zu helfen hat. Was die drei miteinander verbindet, ist das Problem mit ihrem „Gender“: Der Schütze meint aus antifeministischen Motiven Frauen, die Ingenieurin werden wollen, töten zu müssen; die Studentin wird mit Vorurteilen über ihre beruflich Karriere konfrontiert und ihr Kommilitone zerbricht letztlich an seinem Selbstbild als Held, weil er anstatt zu retten von seiner Angst übermannt wird. „Polytechnique“ ist einer der Filme, bei denen das Schwarzweiß strategisch eingesetzt wurde, um aber auch wirklich jeden Anschein von Effekthascherei im Keim zu ersticken. Leider hat der Film letztlich zu keiner eigenen Sprache (wie etwa der vorletztjährige Festival-Beitrag „Out of the Blue“) finden können, sondern bedient sich bei der Schnittdramaturgie Gus van Sants’ „Elephant“.

Polytechnique

Und lustig geht’s dem Ende entgegen: In „The Tournament“ treffen im London der Gegenwart ein paar Dutzend Profi-Killer aufeinander um an einem Spiel teilzunehmen, bei dem sie sich gegenseitig jagen und umbringen müssen. Der letzte Überlebende erhält eine dicke Belohnung und wird zum „besten Killer der Welt“ ernannt. Damit die Sache für die millionenschweren Wett-Teilnehmer nachverfolgbar ist, hat man die Spielfiguren mit Sendern ausgestattet, die über Aufenthaltsort und Lebensfunktionen Auskunft erteilen. Zudem bietet London mit seinem Überwachungskamera-Wahn noch die Möglichkeit, die Bilder des Geschehens auf Monitoren direkt in die Wettzentrale zu übertragen. Das Alles ist zunächst einmal unspektakulär, hätte nicht einer der Killer den Sender aus seinem Körper entfernt und ihm einem heruntergekommenen Pfarrer in den Kaffee geworfen, der ihn verschluckt und damit prompt zu einem Spielteilnehmer wird. Was folgt ist ein auf lustig getrimmtes Gemetzel im Fahrwasser von „Shoot ‘em up“ und anderen launigen Baller-Action-Komödien. Durchaus rasant inszeniert, mit zynischer Prämisse aber – dank der Implementierung der Überwachungstechnologie – auch leicht kritischem Gestus.

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