Stahlarbeiterprotest: Klimaschutz zu teuer?

Am Montag demonstrierten in verschiedenen Städten die Beschäftigten der Stahlindustrie gegen mögliche Verschärfungen im Emissionshandel ab 2020

An verschiedenen Stahlstandorten sind heute mehrere Zehntausend Stahlarbeiter auf die Straße gegangen. Am frühen Nachmittag sollte es auch eine Demonstration vor dem Kanzleramt in Berlin geben, zu der 2.500 Protestierende erwartet wurden. Aufgerufen hatte die Industriegewerkschaft Metall (IG Metall). In Duisburg hatte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) den Beschäftigten seinen Unterstützung zugesichert, wie die Springer-Zeitung Die Welt berichtet.

Das wird ihm nicht weiter schwer gefallen sein, denn der Protest der Gewerkschaften richtet sich vor allem gegen die chinesische Konkurrenz und gegen etwaige Verschärfungen im europäischen Emissionshandelssystem ab 2020. Dessen Rahmenbedingungen für die Handelsperiode 2020 bis 2030 müssen demnächst ausgehandelt werden, weshalb die Gewerkschaft offensichtlich frühzeitig versucht, im Interesse der hiesigen Unternehmen (ThyssenKrupp in Duisburg, ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt, Hamburg, Duisburg und Bremen, Salzgitter in Peine und Salzgitter, Saarstahl in Völklingen und andere) Druck aufzubauen.

Von der Kritik ausgenommen bleiben in den aktuellen Stellungnahmen der Gewerkschaften hingegen die Konzernvorstände. Diese haben durch Rationalisierung, Fusionen und Umstrukturierungen in den letzten 35 Jahren dafür gesorgt, dass die Zahl der Beschäftigten nach Angaben von stahl-online um 70 Prozent sank. Hergestellt wird aber noch in etwa genauso viel und zwar vermehrt im hochwertigen Segment und das nicht mehr in einer 40-, sondern seit Mitte der 1980er in einer 35-Stunden-Arbeitswoche. Angesichts dieses Produktionszuwachses sollte die IG Metall vielleicht mal über weitere Arbeitszeitverkürzung nachdenken. Doch dazu müsste sie sich natürlich mit den Unternehmensvorständen und Aktionären anlegen.

Da ist es schon einfacher mit diesen gemeinsam gegen mehr Klimaschutz zu wettern. Im Kern geht es dabei um die reichlichen Kohlendioxidemissionen, die bei der Rohstahlerzeugung anfallen, und zwar zum einen durch die Verbrennung von Koks im Hochofen, zum anderen auch bei den Prozessen, mit denen das im Erz enthaltene Eisenoxid aufgebrochen wird, um reines Eisen zu erhalten. Beim Recycling von Schrott, das ebenfalls im großen Umfang praktiziert wird, kommen hingegen Elektroschmelzen zum Einsatz, die einen hohen Strombedarf haben. Dieser könnte aber, die entsprechende politische Unterstützung vorausgesetzt, schon ab 2030 vollkommen ohne den Einsatz fossiler Brennstoffe auskommen. Derzeit decken die erneuerbaren Energieträger bereits rund 35 des Strombedarfs ab.

Nach unterschiedlichen Angaben kommt hierzulande auf eine Tonne Rohstahl 1,5 bis 1, 58 Tonnen CO2-Emissionen. Wie auch die Betreiber von Kohlekraftwerken und einigen anderen Branchen müssen die Stahlkonzerne für diese Emissionen Zertifikate vorweisen oder andernfalls eine Strafe zahlen. Allerdings bekommen sie noch bis 2019 für rund 1,32 Tonnen CO2 pro Tonne Stahl die Zertifikate kostenlos zugeteilt. Bei den derzeitigen niedrigen Preisen für CO2-Zertifikate entstehen ihnen also aktuell pro Tonne Stahl schätzungsweise 1,3 Euro zusätzliche Kosten. Das scheint so billig zu sein, dass auf den Verzicht von sogenannten Reduktionsmitteln, die die Emissionen etwas absenken können, in den letzten Jahren verzichtet wurde, so dass die spezifischen Emissionen wieder etwas angestiegen sind.

Im Wesentlichen ging es beim Gewerkschaftsprotest darum, im welchen Maße die Stahlindustrie zukünftig mit kostenlosen Zertifikaten bedacht wird. Seitens der EU-Kommission scheint es, so heißt es zumindest bei der IG Metall, Überlegungen zu geben, die kostenlosen Zuteilungen künftig abzusenken. Die IG Metall fordert hingegen, "dass die Stahlindustrie weiter anteilig eine kostenlose Zuteilung von Emissionsrechten erhält, die die besonderen Produktionsbedingungen dieser Grundstoffindustrie berücksichtigt und dass zehn Prozent der klimaeffizientesten Stahlwerke eine vollständig freie Zuteilung erhalten".

Einzusehen ist das nicht unbedingt. Die Gewerkschaft argumentiert mit 85.000 Beschäftigten der Branche, aber lange nicht jeder davon arbeitet in der Rohstahlerzeugung. Außerdem könnte eine Verteuerung des Stahls auch dazu führen, dass erstens Recycling attraktiver und zweitens mehr über den Sinn der Verwendung von Stahl nachgedacht wird.

Immerhin ist Eisenerz ein endlicher Rohstoff und sein Abbau oft mit erheblichen Umweltproblemen verbunden. Zum Beispiel im Amazonasbecken in Brasilien oder auch im nordschwedischen Kiruna. Außerdem sind die Treibhausgasemissionen enorm. In Deutschland tragen sie immerhin rund sieben Prozent zum landesweiten Ausstoß an Treibhausgasen bei. Und schließlich wäre eine Verteuerung des Stahls durch Klimaschutzanlagen vielleicht auch einmal Anlass, erstens über Alternativen und zweitens über Notwendigkeiten nachzudenken.

Manches Stahlprodukt ist überflüssig und namentlich die große Zahl privater PKW, die unsere Straßen verstopft und viel Lebensqualität in den Städten zerstört, ist ohnehin auf Dauer nicht tragbar, schon weil die Treibstoffe nicht ewig erschwinglich bleiben.

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